Christian Wulff Ein Präsident erfindet sich neu

Er ist kein Mann der großen Reden, der symbolischen Gesten: Christian Wulff, seit einem Jahr Bundespräsident, führt sein Amt unaufgeregt. Doch nun geht er auf Distanz zu Angela Merkel: Im Atomkurs hätten Union und FDP Parteitage abhalten sollen, mahnt er - und lobt die Grünen.

DPA

Von


Berlin - Der Bundespräsident schien fast unsichtbar. Christian Wulff absolvierte sein Programm freundlich und ohne großes Tamtam, er eröffnete kürzlich die Frauen-Fußballweltmeisterschaft in Berlin. Da wurde Millionen Deutschen vor den Bildschirmen mal wieder klar, dass es doch noch einen Amtsträger im Schloss Bellevue gibt. Denn Wulffs Stil war bislang auf Zurückhaltung ausgelegt. Schon lästerte die Opposition und verlangte von ihm mehr Aussagen zu aktuellen politischen Fragen.

Pünktlich zum einjährigen Amtsjubiläum greift Wulff nun in die Tagespolitik ein. Mit Mahnungen an die schwarz-gelbe Koalition und einem Lob an eine Partei, die derzeit in Umfragen Höhenflüge erlebt. Er "empfinde es als positiv, dass die Grünen einen Parteitag zur Energiewende abgehalten und dort um Positionen gerungen" haben, so Wulff in der Wochenzeitung "Zeit". Das hätte auch denen gut angestanden, "die diese Veränderung jetzt vollziehen und noch vor Monaten eine andere Entscheidung - auf einem Parteitag - getroffen haben", rügte er im selben Atemzug Schwarz-Gelb und damit indirekt auch Angela Merkel, die CDU-Vorsitzende. Dem MDR sagt er, die Energiewende sei ihm ein bisschen zu schnell gegangen. "Und ich habe mich gelegentlich gefragt, hätte man nicht etwas mehr Zeit dafür verwenden sollen, wie andere Länder es tun." Deutschland könne bei einem so wichtigen Thema auch keinen nationalen Alleingang verfolgen, sondern müsse sich mit dem Ausland abstimmen.

Mit solchen Sätzen hat sich Wulff dezidiert von jenen abgesetzt, die ihn ins Amt wählten. Es ist ein kalkulierter Akt der Emanzipation. Bislang fragte sich die Republik: Für was steht Christian Wulff, der zehnte und mit 52 Jahren jüngste Präsident der Bundesrepublik? Nun scheint er sich neu erfinden zu wollen - als Mahner, wie frühere Amtsvorgänger es ebenfalls gegenüber der aktuell regierenden Koalition taten.

Mauern in den Köpfen einreißen, Brücken bauen, Gräben zuschütten - das hatte sich Wulff vor zwölf Monaten zum Ziel gesetzt. Kein großes Programm, eher politische Durchschnittsware. Sein Vorgänger Horst Köhler versuchte, im aktuellen Diskurs zu punkten mit Sätzen wie jenem, die Banken hätten die Finanzmärkte zu einem "Monster" entwickelt. Vorvorgänger Johannes Rau sorgte sich um die Folgen der Genpolitik, um den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.

Mit seiner - wenn auch vorsichtigen - Kritik am Stil der Koalitionsparteien versucht Wulff, seine Amtszeit um eine Facette zu erweitern. Und er tut es auch in einem anderen Punkt: In der Griechenland-Krise fordert er die Geldinstitute zum Handeln auf - und liegt da auf einer Linie mit der Merkel-Regierung. "Die Banken müssen Verantwortung übernehmen: zum Beispiel Kredite strecken, Zinsen verändern", sagt er.

Die Bürde der großen Rede

Ein Bundespräsident kann eigentlich nur durch zwei Dinge wirken: Reden und symbolische Gesten. Karl Carstens etwa ging wandern, Walter Scheel trällerte in einer Fernsehshow das Lied "Hoch auf dem gelben Wagen". Richard von Weizsäcker blieb bis heute mit einer Botschaft präsent: dass der Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 auch ein Tag der Befreiung für die Deutschen war.

Die großen Ansprachen, die großen Gesten waren und sind nach wie vor nicht Wulffs Feld. Seitdem er sich am 30. Juni in der Bundesversammlung gegen Joachim Gauck, den wortgewandten Kandidaten von SPD und Grünen, im dritten Wahlgang durchsetzte, ging er sparsam um mit öffentlichen Äußerungen. In Erinnerung blieb bislang nur seine Rede zum 3. Oktober 2010 in Bremen. Dort hatte er jenen Satz gesagt, wonach nicht nur Christentum und Judentum zu Deutschland gehörten, sondern auch der Islam. Es war keine stilistisch ausgefeilte Ansprache. Sie war dennoch ungewöhnlich, weil Wulff, der CDU-Politiker, ihn in die aufgeregte Debatte um die Islamkritik des SPD-Politikers Thilo Sarrazin platzierte.

Der Applaus der meisten Migrantenvertreter war ihm sicher, in seiner Partei und der CSU hingegen runzelte man die Stirn. Immerhin, Wulff hatte eine Debatte angefacht, in den politischen Feuilletons wurde sein Satz hin- und herdiskutiert. Doch er selbst ließ sein Bekenntnis alsbald verpuffen. Als Hans-Peter Friedrich neuer Bundesinnenminister wurde und der CSU-Politiker feststellte, Wulffs Islam-Satz sei "durch die Historie nicht zu belegen", schwieg der Mann im Schloss Bellevue. Erst kürzlich, auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden, hat Wulff ihn jedoch wieder verteidigt. Das fiel kaum noch auf. Vielleicht auch weil die Sarrazin-Aufregung sich längst gelegt hatte.

Diffuses Bild vom ersten Mann im Staat

Die Bevölkerung selbst gibt ein diffuses Bild ab, wenn es um die Ansprüche an ihr Staatsoberhaupt geht: Sie weiß nicht so recht, was sie von ihm will. In einer Emnid-Umfrage forderten jüngst 78 Prozent, Wulff solle "mehr klare Kante" zeigen, 80 Prozent meinten, er solle mehr zu aktuellen Fragen wie Euro-Rettung, Atomausstieg oder dem Ende der Wehrpflicht Stellung beziehen. Doch 83 Prozent waren in derselben Umfrage der Meinung, dass Wulff Deutschland gut repräsentiere. Klare Kante und beliebter Präsident - das sind zwei Pole, die eigentlich nicht zusammenpassen. Denn wer deutliche Worte wählt, der macht sich auch Gegner.

Mit seiner Mahnung an die Spitzen von Schwarz-Gelb in Sachen Atomwende dürfte sich der Bundespräsident keine Freunde in der Koalition gemacht haben. Zumal sie zu einem Zeitpunkt kommt, in der die Koalition ohnehin keine gute Presse hat. Andererseits dürfte Wulff damit vielen Parteigängern in CDU, CSU und FDP aus dem Herzen sprechen - schließlich wurden sie nach der AKW-Katastrophe von Fukushima vom abrupten Kurswechsel Merkels und ihres damaligen Vizekanzlers Guido Westerwelle überrascht.

Wulffs Strategie war bislang eine andere: nicht zu viel und zu oft reden. "Ich finde es positiv, dass er nicht zu allem etwas sagt und sich nicht überall einmischt", verteidigte seine Ehefrau Bettina Wulff kürzlich die Rolle ihres Mannes. Bislang hatte Wulff sich zurückgehalten. Als er im vergangenen Jahr in der Affäre um den Bundesbanker Sarrazin eine Äußerung machte, die dem Bundesbank-Vorstand eine Ablösung des umstrittenen Islamkritikers nahelegte, wurde ihm dies in Teilen der Medien und Öffentlichkeit prompt als Übertretung seiner Amtsbefugnis ausgelegt.

Wulff gab über Monate lieber den ruhigen, unaufgeregten Präsidenten. Kürzlich entledigte er sich der fast schon zur Tradition gewordenen Bürde der "Berliner Rede", die seine Vorgänger hielten. Er entschied sich für eine Geste und bat Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski, sie aus Anlass des 20-jährigen Bestehens des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags zu halten. Die Botschaft kam an - in deutschen und polnischen Medien wurde breit berichtet.

Der Amtsinhaber scheint mittlerweile Gefallen an seiner Rolle gefunden zu haben. Bettina Wulff wurde dieser Tage gefragt, ob sie ihrem Mann eine zweite Amtszeit empfehlen würde. Die Antwort war knapp und entgegen aller bisherigen präsidialen Zurückhaltung ihres Gatten sehr deutlich: "Ja, natürlich."

insgesamt 67 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Baikal 29.06.2011
1. und lobt die Grünen.
Zitat von sysopEr ist kein Mann der großen Reden, der symbolischen Gesten: Christian Wulff, seit einem Jahr Bundespräsident, führt sein Amt unaufgeregt. Doch nun*geht er*auf Distanz zu Angela Merkel: Im Atomkurs hätten Union und FDP Parteitage abhalten sollen, mahnt er - und lobt die Grünen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,770719,00.html
klar, sin Fru hat ihm ja schon zu einer zweiten Amtszeit geraten, dann ist er immerhin so unauffällig geworden dass ihn zwar keiner mehr bemerkt, ihn aber auch nicht vermißt.
spon-1277755831106 29.06.2011
2. Winterschlaf
Zitat von sysopEr ist kein Mann der großen Reden, der symbolischen Gesten: Christian Wulff, seit einem Jahr Bundespräsident, führt sein Amt unaufgeregt. Doch nun*geht er*auf Distanz zu Angela Merkel: Im Atomkurs hätten Union und FDP Parteitage abhalten sollen, mahnt er - und lobt die Grünen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,770719,00.html
Zu spät, jetzt will ich ihn nicht mehr.
Charles_007 29.06.2011
3. Achja, den gibt es ja auch noch ....
Wieso gerade dieser bereits in der Vergangenheit nur als graue Maus wahrgenommene Herr ausgerechnet BP geworden ist, weiß nur die Merkelin. Blass, konturenlos, praktisch meinungslos und unsichtbar wenn es um wirklich brennende Probleme geht. Ein Gruß-August wie er im Buche steht, mehr nicht.
buutzemann 29.06.2011
4. Er ist kein Mann der großen Worte.
Lieber Spiegel, verkauft mir hier doch keine Imagepolitur. Wulff ist gar kein Mann, sondern ein nuschelnder Teddy von Hosenanzugs Gnaden. Wo war er bei Guttenberg? Was macht sein Filzkumpel Maschmeyer? Was sagt er zum völkerrechtswidrigen Afghanistankrieg? Warum ist der Islam ein Teil der deutschen Kultur? Ach, nirgends Antworten, sondern nur windelweiche Juristensalbadereien? Dieser Bundespräsident ist ein Symbol für den Ausverkauf von Haltung, Anstand und Moral. Und das als unser höchster Politiker. Bitter, bitter...
mr_supersonic 29.06.2011
5. Der Stil...
Zitat von sysopEr ist kein Mann der großen Reden, der symbolischen Gesten: Christian Wulff, seit einem Jahr Bundespräsident, führt sein Amt unaufgeregt. Doch nun*geht er*auf Distanz zu Angela Merkel: Im Atomkurs hätten Union und FDP Parteitage abhalten sollen, mahnt er - und lobt die Grünen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,770719,00.html
...des derzeitigen Bundespräsidenten erinnert mich sehr an den von Hrn. Weizäcker. In einer Zeit, wo die ansich "Machthabenden" Politiker nur noch ein Durcheinander von Taktik und schnellen Urteilen produzieren, ist ein ruhiger und besonnener Bundespräsident sehr angenehm. Merkel wusste schon, warum sie Christian Wulff dort platzieren musste, er wäre sonst eine echte Kanzler - Alternative gewesen....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.