Christian Wulff Präsident der zwei Herzen

Langweilig, bürokratisch, provinziell - zum Amtsantritt galt Christian Wulff vielen als Fehlbesetzung. Nicht einmal vier Monate später hat sich das Bild komplett gewandelt, sogar die Opposition lobt das CDU-Staatsoberhaupt. Was ist passiert? Der Präsident hat zwei entscheidende Sätze gesagt.

dpa

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Berlin - Renate Künast gab sich empört. Da tobe eine schrille Integrationsdebatte in der Republik. Aber ausgerechnet von wem höre man nichts? Vom Bundespräsidenten. Wo bleibe denn seine Mahnung zur Mäßigung, sein Aufruf zu Toleranz, sein Appell zur Integration? Beschämend sei sein Schweigen. Beinahe respektlos kanzelte die Grünen-Fraktionschefin Ende September Christian Wulff ab.

Jetzt, drei Wochen später, schlägt ihn ausgerechnet Künast für den Karlspreis vor. Das ist nicht irgendeine Auszeichnung. Große Europäer erhalten diesen Preis, darunter Papst Johannes Paul II., Helmut Kohl und Winston Churchill.

Was ist da passiert? Hat sich Wulff derart verändert? Oder liegt es an der Wahrnehmung seiner Umwelt?

Klar ist: Wulff überrascht alle. Seine Wandlung vom Biedermann aus Schloss Bellevue zum Meinungsführer macht sich an zwei Sätzen fest, die er in diesem Monat gesagt hat. Der eine fiel bei den Feiern zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit in Bremen: Christentum und Judentum gehörten zweifelsfrei zu Deutschland, sagte er da, "aber der Islam inzwischen auch". Den anderen Satz sagt Wulff in dieser Woche bei seinem Türkei-Besuch in Ankara: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei."

Jetzt sogar Lob für die Krawatten des Präsidenten

Es sind zwei Sätze, die zusammengehören. Zwei Sätze, die ankommen. "Danke, Herr Präsident", jubelte die "taz" auf der Titelseite und nennt ihn den "Bundesintegrationsbeauftragten". Dies sei das "Ergebnis einer bemerkenswerten Lernanstrengung" von Wulff, kommentiert die "Berliner Zeitung". Die "Bild"-Zeitung meinte, der Präsident sei nun doch "kein Wink-Onkel". Und wo die "Zeit" im Sommer noch spottete über Wulffs Hemden aus Baumwollpopeline und Krawatten von Eterna, da lobte nun die "Süddeutsche Zeitung" die präsidiale Klamotte: "Meisterlich" sei der Zuschnitt des Sakkos, von "lebensfroher, fast tänzelnder Anmutung" der Schlips.

Nach den sprachlosen Köhler-Jahren haben die Deutschen plötzlich wieder einen Präsidenten, der eine Debatte prägt. Und weil auch Wulff nicht sprachmächtig und redegewandt ist, hat es eine Weile gedauert, bis seine Worte Wirkung entfaltet haben. Seine Rede in Bremen war kein Glanzstück, sie fasste nur die Realität zusammen. Dass es aber darauf ankommt, wer diese ausspricht, zeigte manch empörte Reaktion aus Wulffs eigener Partei und der bayerischen Schwesterorganisation in der Folge.

Der Schatten des großen Vorgängers

Das war in der Vergangenheit nicht anders. Es brauchte den aus der CDU stammenden Präsidenten Richard von Weizsäcker 40 Jahre nach Kriegsende, um dem Land und insbesondere den Konservativen den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung vom Nazi-Regime zu interpretieren. Die Rede wurde bejubelt, auch international. Kritische Stimmen gab es auch, sie kamen aus der Unionsfraktion oder von den Vertriebenen.

Ähnlich ist das Bild bei Wulff heute: Es ist insbesondere die CSU, die klarzustellen versucht, der Islam gehöre eben nicht zu Deutschland. Dies ist auch als Versuch zu werten, endlich die Oberhand zu gewinnen in der aufgeheizten Sarrazin-Debatte. Es war dann CSU-Chef Horst Seehofer, der mit seiner pauschalen Kritik an der Zuwanderung aus "fremden Kulturkreisen" den bisher blassen Bundespräsidenten quasi automatisch zur Stimme der Vernunft beförderte. Und seitdem Wulff bei seinem Türkei-Besuch die Rechte der Christen verteidigt und klare Forderungen an die in Deutschland lebenden Türken gestellt hat ("Wer in Deutschland leben will, muss sich an die geltenden Regeln halten und unsere Art zu leben akzeptieren"), ist er auch bei den Konservativen in CDU und CSU wieder bestens integriert.

Gerade weil Seehofer und auch Kanzlerin Angela Merkel ("Multikulti ist absolut gescheitert") mit Wucht auf die innenpolitische Debatte und die konservative Anhängerschaft zielen, reift Wulff vor diesem Hintergrund zum über den Parteien stehenden Staatsmann. Die türkische Tageszeitung "Sabah" schreibt, man höre "mit Befriedigung", wie sich Wulff über Integration äußere: "Aber wir hören in der gleichen Angelegenheit mit Bedauern, was die deutsche Bundeskanzlerin Merkel gesagt hat."

Wulff positiv, Merkel negativ

Das schwedische "Aftonbladet" bemerkt, Merkel stehe mit ihren Ansichten unter Europas Regierungschefs nicht allein: "Der Ton in der Debatte um Fremdenfeindlichkeit ist härter geworden." Und die dänische "Politiken" schreibt, man solle Merkels "Schielen auf billige Popularität" nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Dabei ist aus deutscher Sicht natürlich klar, dass Merkel mit der Absage an Multikulti nicht das Zusammenleben mit Migranten in Frage stellt - sondern allein das Entstehen von Parallelgesellschaften verhindern will. Wulff sieht das nicht anders. Nur hat er in den vergangenen Wochen den richtigen Ton getroffen, im In- und Ausland.

Wulff, plötzlich Integrator. Dabei murmelte es im politischen Berlin schon vom "Fehlstart" des Präsidenten. Das dürfte ausgestanden sein. Ein Weizsäcker ist Wulff deshalb aber noch lange nicht. Dessen Rede vor 25 Jahren brauchte keine zwei Wochen Reifezeit. Den Anwesenden im Bonner Bundestag war damals klar, dass sie einem historischen Moment beiwohnten.

Nur vier Wochen später lag Weizsäckers Rede auf Vinyl gepresst im Schallplattenfachhandel. Da also ist für Wulff noch Spielraum nach oben.

insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
patricka1 21.10.2010
1. ja aber geschafft....
Zitat von sysopLangweilig, bürokratisch, provinziell - zum Amtsantritt galt Christian Wulff vielen als Fehlbesetzung. Nicht mal vier Monate später hat sich das Bild komplett gewandelt, sogar die Opposition lobt das CDU-Staatsoberhaupt. Was ist passiert? Der Präsident hat zwei entscheidende Sätze gesagt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,724268,00.html
.. hat er in seinem Leben noch nichts. Wulff ist wie das Fähnchen im Wind, richtet sich nach jedem Windstoss in beliebige Richtung aus, dies aber mit Nachdruck und in steinharter Konsequenz.
matthias_b. 21.10.2010
2.
Ich weiß ja nicht, woher SpOn das erwähnte Wissen hat, aber ich halte ihn immer noch für eine komplette Fehlbesetzung. Jetzt sogar viel mehr als vorher.
mexi42 21.10.2010
3. So einfach ...
ist das: mit zwei Sätzen qualifiziert man sich als Präsident. Der normale Bürger muss im Beruf mehr zeigen.
eikfier 21.10.2010
4. ...danke!
Zitat von sysopLangweilig, bürokratisch, provinziell - zum Amtsantritt galt Christian Wulff vielen als Fehlbesetzung. Nicht mal vier Monate später hat sich das Bild komplett gewandelt, sogar die Opposition lobt das CDU-Staatsoberhaupt. Was ist passiert? Der Präsident hat zwei entscheidende Sätze gesagt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,724268,00.html
...in Ordnung, Sysop, wir folgen Ihnen, aber nur, wenn Sie uns mit großem SPIEGEL-Ehrenwort versichern, daß das auch wirklich "seine" Sätze und keine vorgeschriebenen - wenn ja, von wem vorgeschrieben, bitte? - Sätze waren...danke!
critique 21.10.2010
5. Diplomat
Es ist ihm und uns zu wünschen, daß wenigstens einer kühlen Kopf bewahrt. Weiter so. Kann ja nur besser werden.
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