Christian Wulff und Co. Die Offenbarung der Unions-Sünder

Ein Leben lang haben sie für das konservative Weltbild und gegen zu viel Freizügigkeit gekämpft. Unions-Politiker wie Seehofer, Pflüger oder Wulff. Aber man hätte es eigentlich wissen können: Sie selbst werden sich untreu - wie die öffentlichen Beichten ihrer Sünden belegen.

Von Reinhard Mohr


Berlin - Ein Leben lang haben die konservativen Gegner der Revolte von 1968, die sich bald zum 40. Mal jährt, gegen all das Böse angekämpft, als ginge es um die Rettung des Abendlandes vor den Söhnen der Seldschuken: gegen die Auflösung der Familie und die Zersetzung bürgerlicher Werte, gegen die antiautoritäre Erziehung und den "Wahn" der Selbstverwirklichung, gegen "ungebundene Sexualität", den Kult der Dauerbetroffenheit und die rücksichtslose Glückssuche im Namen einer "bindungslosen" Freiheit.

Schon im Studentenparlament traten uns die Jünger des "Rings christlich-demokratischer Studenten" (RCDS) brav gescheitelt gegenüber und bekämpften Anarchie und haltlose Libertinage mit immer neuen Anträgen zur Geschäftsordnung. Sie warnten vor dem Abgrund des Linksradikalismus, verteidigten Franz Josef Strauß und zitierten Helmut Kohl.

Eine gewisse Verklemmtheit, ja Verbissenheit war dabei nicht zu übersehen, und unser Sponti-Spott über die angepassten "Papasöhnchen" im Golf GTI war manchmal vielleicht doch etwas unfair.

Nach den wilden Siebzigern verlor man sich in den achtziger Jahren ein wenig aus den Augen. Hier und da sah man den einen oder anderen später im Fernsehen und dachte: Guck, auch der ist im Deutschen Bundestag gelandet!

Aber so richtig schön gekracht hat es dann erst wieder vor knapp sieben Jahren, als Joschka Fischers militante Vergangenheit plötzlich im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stand. Es sollte die Stunde der Abrechnung werden, und so mühten sich die konservativen Anti-68er redlich, das Böse endgültig zu besiegen. Eines hatten sie dabei allerdings vergessen: Das Böse war schon in ihnen selbst. Es hatte sich schon alienmäßig fortgepflanzt und durchgefressen – kulturrevolutionär, hedonistisch und lebenskulturell, postmodern und alltagspraktisch. Den Rest besorgten RTL II und Desirée Nick.

Endlich kommen sie raus damit

So kommen sie nun, nach einer kurzen Schamfrist, endlich raus damit.

Sigmund Freud würde vom Sessel aus brummen: "Das ist die Wiederkehr des Verdrängten und Verleugneten, was sonst?!"

Nach den Betroffenheits-, Seitensprung- und Ehebruch-Bekenntnissen von CSU-Vize Horst Seehofer, Berlins CDU-Spitzenmann Friedbert Pflüger und CSU-Generalsekretär Markus Söder hat sich nun auch der niedersächsische CDU-Ministerpräsident Christian Wulff, 48, zu Wort gemeldet.

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse präsentiert er unter dem programmatischen Titel "Besser die Wahrheit" eine "Gesprächsbiographie" (Co-Autor: Hugo Müller-Vogg), in der es vor 68er-mäßigen Selbstoffenbarungen nur so wimmelt: "Bei uns haben sich auch die Lebenswelten sehr verändert", sagt er, und man möchte unwillkürlich ergänzen: "wenigstens ein Stück weit".

Wulff, die Mutter aller Schwiegersöhne zwischen Leine und Peine, ist sehr sehr betroffen und fasst das in total schöne, beinah poetische Worte: "Manchmal habe ich gedacht, der eine navigiert im Indischen Ozean, der andere im Atlantischen Ozean. Das ist tragisch." Abgesehen davon, dass es "die eine" heißen müsste. Aber wir wollen gendermäßig nicht gleich zu viel verlangen. Wahr bleibt: Die beiden Skipper ihrer Schicksalsrouten, er selbst und seine Frau Christiane, haben sich nach 18-jähriger Ehe im Juni 2006 getrennt. Nun hat Leichtmatrose Christian eine andere, eine Jüngere. Sie ist 33, blond und attraktiv.

"Das ist sehr traurig und sehr, sehr schwierig, aber manchmal leider unvermeidlich." Fast im Ton von Rainer Langhans aus den seligen Zeiten der "Kommune 1" mit Uschi Obermaier und Fritz Teufel berichtet Lebensnavigator und Beziehungs-Bruchpilot Wulff von "sehr vielen, sehr glücklichen und wichtigen Jahren" mit seiner Frau. Aber leider hat man "gemeinsame Probleme" nicht lösen können, bis das "Ende der Liebe" dann "konstatiert" werden musste.

Sie haben von den 68ern gelernt

Uschi Obermaier muss er das nicht erzählen, auch wenn sie immerhin mit Jimi Hendrix und Keith Richards, "dem Kiess", im Bett war.

Unverkennbar von den 68ern gelernt hat Wulff, der vor zwei Jahren noch als "kanzlerabel" galt und die politische Beliebtheitsskala anführte, dass es, verdammt noch mal, "auch Brüche in der Biografie" gibt, "dass man sich auseinander lebt, dass man eigene Wege geht".

Gewissermaßen voll autonom und so, und das will Wulff "offen einräumen", sich total ehrlich machen an dem Punkt, ganz "fair" eben und dabei keinesfalls "Konflikte" auf Kosten seiner Tochter Annalena, 13, austragen. Echt nicht.

Gewiss, es war ein weiter Weg bis hier hin, und man spürt durchaus noch leichte Unsicherheiten im offenen Beziehungsgespräch. Horst Seehofer war gestern Abend bei Reinhold Beckmann nicht wirklich locker und sprach immer nur von jenen ominösen "neun Monaten", was auch an Gabriele Pauli gelegen haben mag. Die wiederum beharrte im Schlagabtausch mit Maybrit Illner ganz tapfer und voll authentisch auf ihrem Recht, in Lack und Leder, mit oder ohne schwarze Handschuhe herumzulaufen, solange es ihr gefällt.

Das ist der Sound der Sechziger.

Nun dürfen wir gespannt sein, wer sich als nächster outet.

CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder?

CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla?

Oder gar Verteidigungsminister Jung?



insgesamt 23 Beiträge
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beckmueller 02.10.2007
1. Nur Menschen....
Kein Zweifel, auch CDU-Politiker sind nur Menschen und dem Durchschnitt der Gesellschaft, aus der sie entstammen, auch kaum intellektuell oder gar charakterlich überlegen. Das gilt aber auch für alle anderen Parteien, die gern, jede auf ihre Art, für sich reklamieren, über die höhere Moral zu verfügen. Für Führungskräfte in Wirtschaft, Wissenschaft und sonstwo gilt es auch. Offenbar ist den Menschen heutzutage kaum noch möglich, was früher normal war: Eine feste Bindung an einen Partner, zu dem man auch nach dem Ende der "Liebe" treu und solidarisch steht. Dauerhafte Partnerschaften, für deren Erhalt man eigene Interessen und Bedürfnisse zurückstellt. Wenn man das konstatiert, muß man aber auch die Konsequenzen ziehen und nicht von Anderen fordern, was man selbst nicht einhalten kann. Auch das gilt - auf jeweils eigene Weise - für alle Parteien. Mir persönlich sind die privaten Neigungen, Irrungen und Wirrungen von Politikern egal, solange ein bestimmter Rahmen nicht überschritten wird und sie privat bleiben, d. h. weder politischem noch boulevardeskem Selbst-Marketing dienen. "Entscheidend ist, was hinten rauskommt", wußte schon der Große Vorsitzende Kohl. Da liegt derzeit genug im Argen (auch wieder bei allen Parteien), gibt es zu wenig Persönlichkeiten, denen man intellektuell und charakterlich wirkliche politische Führung zutraut. Da muß man gar nicht im Privaten herumwühlen, um viel relevantere Defizite zu finden. Der output stimmt einfach viel zu oft nicht.
kellitom, 02.10.2007
2. Bigamie und der Schutz der Ehe
Es war schon kaberretreif, was Horst Seehofer auf dem CSU Parteitag zum Besten gab: Selbst öffentlicher Bigamist, trat er für den Schutz der Ehe ein, schizophrener geht´s nimmer. Es war und ist Realität, dass gerade in der CSU das heimliche Fremdgehen geradezu Mode ist. Dann soll man doch endlich damit aufhören, den Moralapostel zu spielen und anderen die Welt erklären zu wollen. Das ist völlig unglaubwürdig"
Vergil 02.10.2007
3. Doof
Zitat von sysopEin Leben lang haben sie für das konservative Weltbild und gegen zu viel Freizügigkeit gekämpft. Unions-Politiker wie Seehofer, Pflüger, Söder oder Wulff. Aber man hätte es eigentlich wissen können: Sie selbst werden sich untreu - wie die öffentlichen Beichten ihrer Sünden belegen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,509123,00.html
Mit Verlaub: Ein saublöder und von vorne bis hinten irrelevanter Artikel. Was soll das sein? Die späte Rache oder besser das Nachtreten eines (ehemals hippen) Alt-Linken gegen die Feinde von damals? Wen interessiert's? Was hat überhaupt die Tatsache, dass Wulff sich von seiner Frau trennt, mit Links oder Rechts, mit Liberalismus, Sozialdemokratie oder Konservatisismus zu tun? Ist es ein Vorrecht der lässigen, lockeren Linken (wie der Autor offenbar meint), mit mehreren Frauen verheiratet zu sein? Oder anders gefragt: Was soll eigentlich dieser ganze Schmarrn?
Populist 02.10.2007
4. Der Geist ist willig...
Also wenn ich täglich mit solch tollen Damen zusammenkäme, würde ich irgendwann auch meine "Olle" daheim umtauschen, besonders wenn man sich die Angetrauten von Seehofer, Wulff,Scharping und Eichel anschaut. Seehofer hätte bei seiner attraktiven Geliebten bleiben sollen, das wäre glaubwürdiger gewesen... Aber zu dem moralisch nur noch als abartig zu bezeichnenden Verhalten von Linken und Grünen ist es noch ein weiter,weiter Weg. Von den Grünen und Linken lasse ICH mir in punkto Moral, Anstand , Menschenrechte und Menschenwürde nichts aber auch gar nichts sagen. Zur Schau stellen abartiger Verhaltensweisen ist keine Befreiung, es iat einfach nur widerlich.
zierenberg 02.10.2007
5. Unions-Sünder
Gut, wenn diese Pharisäer entlarvt werden; gewusst oder geahnt hat man es schon länger. Schlimm, wenn sie sich selbst entlarven und ihr persönliches Scheitern auch noch zu Geld machen: Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte.
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