Christiansens letzte Sendung Köhler plädiert für Direktwahl des Präsidenten

Der höchste Gast kam zur ihrer letzten Sendung: Sabine Christiansen hat bei ihrem Polit-Talk-Abschied Bundespräsident Köhler empfangen. Und der sagte gern zu allem etwas: Von der RAF zum Mindestlohn, von der Direktwahl des Präsidenten bis zum deutschen Nationalgefühl.

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München - Die Moderatorin fragte auch in der 447. Ausgabe des nach ihr benannten Polit-Talks in der ARD nicht investigativ. Nein, Sabine Christiansen fragte wie gewohnt. Und so kam Bundespräsident Horst Köhler zu allen Fragen, die Deutschland im vergangenen Jahrzehnt bewegten, heute noch bewegen und morgen vielleicht bewegen können, kurz und knapp zu Wort.

Köhler, Christiansen: Abfrageautomat statt Unterschriften
DPA

Köhler, Christiansen: Abfrageautomat statt Unterschriften

Weil Köhler in seiner Amtszeit bisher schon zwei vom Bundestag verabschiedete Gesetze (Privatisierung der Flugsicherung, Verbraucherinformationsgesetz) nicht unterzeichnet hat, zielte eine der ersten Christiansen-Fragen auf den "unbequemen Präsidenten".

Köhler sagte - wie immer - er sei nun einmal kein "Unterschriften-Automat". Im Laufe des Interviews gab Köhler hingegen einen von Christiansen behände bedienten Abfrageautomaten zu nahezu allen Themen der jüngeren und aktuellen politischen Debatte in der Bundesrepublik:

  • Seine im Mai getroffene Entscheidung, den ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar nicht zu begnadigen, erklärte Köhler mit einer "Gesamtabwägung", die sich auf verschiedene Faktoren bezogen habe: etwa wie eine Begnadigung auf "Rechtsempfinden und -frieden" der Bevölkerung wirke. Oder seine Begegnung mit Vertretern der Opfer. Und dann habe er auch Klar treffen wollen, um sich "ein persönliches Bild" zu machen. Er habe in Christian Klar, den er in der ARD-Sendung als "gnadenlosen Mörder" bezeichnete, auch immer den Menschen gesehen.
  • Die Diskussion um einen Mindestlohn bezeichnete der Bundespräsident als das "nicht unbedingt wichtigste Thema bei der sozialen Gerechtigkeit". Wichtiger seien Bildungschancen. Zudem forderte er gesetzliche Rahmenbedingungen für die Beteiligung von Arbeitnehmern an Unternehmen und deren Gewinnen, um den Arbeitern eine "zweite Einkommensquelle" zu erschließen. Möglich sei eine Beteiligung am Ertrag der Unternehmen, "und sogar - wenn mehr Mut da ist und auch Risikoabsicherung für die Arbeitnehmer - durch Beteiligung am Produktivvermögen".

  • Den Deutschen attestierte Köhler "ein gutes Nationalgefühl". Wichtiger Impuls dafür sei zum einen die deutsche Wiedervereinigung als auch die Fußball-WM im vergangenen Jahr: "Die Deutschen haben sich mit Schwarz-Rot-Gold geschmückt von der Fahne bis zur Backenbemalung." Dabei habe keiner gedacht, es komme wieder deutsche "Großmannssucht" auf.

  • Eine zweite Amtszeit als Bundespräsident schloss Horst Köhler nicht aus. Er werde seine Entscheidung rund ein Jahr vor Ablauf seiner Amtsperiode 2009 bekannt geben: "Das lassen wir auch bis dahin warten", so der 64-Jährige. Gleichzeitig sprach sich Köhler dafür aus, "mehr Elemente direkter Demokratie" in Deutschland zu ermöglichen. Dies bezog er auch auf das höchste Staatsamt: "Es wäre kein schlechtes Modell, den Bundespräsidenten direkt zu wählen."

  • Zur Frage nach einem EU-Beitritt der Türkei antwortete Köhler abstrakt: "Die Türkei ist ein anderer Kulturkreis, das ist erstmal ein Fakt." Und nur ein "kleiner Zipfel" des Landes liege auf dem europäischen Kontinent. Mangels einer konkreten Aussage des Präsidenten bedauerte der Zuschauer an dieser Stelle aufs schmerzlichste die traditionelle Nicht-Nachfrage von Sabine Christiansen.

  • Die Formation der G-8-Staaten möchte der Bundespräsident gern neu bedacht wissen: "Da muss man drüber nachdenken", so Köhler mit Blick auf die Nichtrepräsentanz bedeutender Staaten wie China und Indien bei dem Gipfeltreffen der Acht. Doch er ging noch weiter: "Wir brauchen eine Diskussion und einen Austausch, wo wir die Welt als eine Welt verstehen." Daneben fand Köhler noch ein Lob für die Gipfelbewältigung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Heiligendamm: Die Ergebnisse seien "eine prima Leistung".

Am Ende stand der Dank des höchsten Mannes im Staat an die Sonntagabend-Frau der ARD: Was sie hier gemacht habe in den vergangenen zehn Jahren, die Frau Christiansen, das habe "Fernsehgeschichte geschrieben".

Ab dem 16. September wird der ARD-Talk von Anne Will moderiert, die sich am Sonntag von den "Tagesthemen" verabschiedete.



insgesamt 24 Beiträge
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Der Markt, 25.06.2007
1. Es ist ausgetsanden
Endlich, enddlich, endlich ist sie weg. Uff!
sp0cky 25.06.2007
2. Was ein Glück ging dieser Kelch an mir vorüber...
zumindest bis zu der unsäglichen Diskussion über die Polizeieinsätze in Rostock neulich. Da hat sie es doch tatsächlich geschafft, an den interessanten Stellen, die Leute abzuwürgen, um auf total uninteressante Themen zu kommen. Ich wußte gar nicht, dass sich sowas so lange im Fernsehen halten kann... vermutlich nur bei den Öffentlichen. Aber bitte gaaaanz schnell in Rente schicken.
D.DI Werner Häckel 25.06.2007
3. christiansen ...
Die Anwesenheit des Bundespräsidenten als Höhepunkt des Christiansen-Talk egalisiert oder kompensiert m.E. und n.h.M. nicht das fehlende politische und moderativ-menschliche Niveau dieser Frau. Mehr noch, es ist tatsächlich allerhöchste Zeit, dass es hier zu einem Personen-(Talkmaster)-Wechsel kommt,weil die bis dato nicht nachvollziehbare protegierte Art und Selbstdarstellung dem Zuschaueranspruch an einen niveauvollen aber auch einfühlsamen Talk auch nicht ansatzweise a priori gerecht wurde.Folgt man dem Satz:"Wem Gott eine Sendung gibt, dem reicht er auch (Sach)-Verstand!", dann muss derselbe hier bei der Vergabe aus tatsächlich gegebenen Gründen ortsabwesend gewesen sein. Ich kann nur feststellen und " Gott sei Dank" sagen, dass mir der weitere Anblick dieser "gutgeheißenen Lady " fernerhin erspart bleibt. Und so bleibt die ARD nur aufzufordern,diese Sendung endlich mit menschlichem, aber auch mit politischem Sachverstand neu zu qualifizieren. Dazu gehört m.E. auch das zugehörige Quantum von " Talk-Altruismus". Denn, ich wundere mich bis heute noch, wie es ein für uns wertvoller Heiner Geißler bei dieser " Talk-Tante " ausgehalten hatte. Die Ereignisse beim desaströsen Talkbesuch von B.Clinton will ich garnicht weiter kommentieren. Ich frage mich immer wieder, wieso man derart unfertige Persönlichkeiten auf das breite Zuschauerspektrum löslässt ? Christiansen : ein Dilletant auf hohem Ross ...- NEIN Danke . Wir Zuschauer sollten uns mehr zu Wehr setzen ... denn wir sind die Träger solcher Sendungen.
Alfons 11:45, 25.06.2007
4. Ich bin nicht traurig
Man musste in den letzten Jahren kaum noch nachschauen, von welcher Lobby-Organisation die "Experten" geliefert worden waren. Bertelsmann-"Stiftung" (http://de.wikipedia.org/wiki/Bertelsmann-Stiftung), Initiative Neue "Soziale" Marktwirtschaft (http://de.wikipedia.org/wiki/Initiative_Neue_Soziale_Marktwirtschaft) oder welcher Spin - Doktoren - Verein auch immer: Sie haben den Standort Deutschland genügend lange Zeit schlecht geredet und dem Bürger Verzicht gepredigt.
Rainer Helmbrecht 25.06.2007
5. Einer von uns?
Zitat von sysopHöchster Gast in letzter Sendung: Sabine Christiansen empfing bei ihrem Polit-Talk-Abschied Bundespräsident Köhler. Und der sagte gerne zu allem etwas: Von der RAF zum Mindestlohn, von der Direktwahl des Präsidenten bis zum deutschen Nationalgefühl. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,490441,00.html
Ich bin immer begeistert, wenn ein Politiker zu erkennen gibt, dass er, zumindest theoretisch, die Probleme des Volkes kennt. Leider kann ich auch dem BP nicht abnehmen, dass er das auch wirklich leben will, was er gestern verkündete. Seine Macht ist sehr begrenzt und darauf kann er sich immer zurück ziehen. Er war nett und ich hatte den Eindruck, er wird Papa Heuss ähnlich. Mit diesem Interview wird er beliebt und verbreitet nur den Eindruck, dass er einer von uns ist, mehr nicht. Mit freundlichen Grüßen, Rainer
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