Christine Lambrecht Frau vom Fach

Für Christine Lambrecht war es ein "Gänsehautmoment", als sie heute erfuhr, dass sie die neue Bundesjustizministerin werden soll. Wer ist sie, was kann sie?

Kay Nietfeld/DPA

Christine Lambrecht wird an diesem Mittwoch 54 Jahre alt. Als sie morgens einen Anruf von Malu Dreyer, Teil des interimsmäßigen Führungstrios der SPD, entgegennahm, da rechnete sie mit Glückwünschen zu ihrem Geburtstag. So berichtet Lambrecht es am Nachmittag bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Aber es kam etwas anders. Denn Dreyer informierte sie über einen politischen Aufstieg: Lambrecht soll Justizministerin werden und damit auf Katarina Barley folgen, die ins Europaparlament wechselt.

So haben es Dreyer und die weiteren Übergangsspitzen Thorsten Schäfer-Gümbel und Manuela Schwesig entschieden. Schäfer-Gümbel sagte bei der offiziellen Verkündung, er habe Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bereits informiert. Mit der Ernennung durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Lambrechts Vereidigung vor dem Bundestag rechnet die SPD in der kommenden Woche.

Das Telefonat am Morgen beschreibt Lambrecht als "Gänsehautmoment". Denn mit dem Wechsel kehrt sie zurück in ihr Stammressort. Es sei ein "ganz besonderes Amt, dieses Ministerium zu führen", sagte sie. "Man muss immer darauf achten, für eine Ausgewogenheit zwischen Freiheit und Sicherheit zu sorgen."

Thorsten Schäfer-Gümbel, Christine Lambrecht
CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX

Thorsten Schäfer-Gümbel, Christine Lambrecht

"Praktisch kein rechtspolitisches Feld, in dem sie sich nicht auskennt"

Schäfer-Gümbel sagte über die neue Ministerin: "Es gibt praktisch kein rechtspolitisches Feld, in dem sie sich nicht auskennt." Lambrecht, die wie ihre Vorgängerin Barley zum linken Flügel der Partei zählt, arbeitet zwar seit gut einem Jahr als Parlamentarische Staatssekretärin im Finanzministerium, tatsächlich aber hat sie einen umfassenden juristischen Hintergrund.

Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften in Mannheim und Mainz arbeitete Lambrecht zunächst als selbstständige Rechtsanwältin und Dozentin. Politisch aktiv wurde sie nach eigenen Angaben in der Antiatombewegung. Als sie nach mehrjährigem Engagement in der Kommunalpolitik 1998 als direkt gewählte Abgeordnete des südhessischen Wahlkreises Bergstraße erstmals in den Bundestag einzog, wurde sie Mitglied des Rechtsausschusses.

Dort blieb sie auch während ihrer zweiten Legislaturperiode (2002-2005). Nach vier Jahren im Ältestenrat übernahm Lambrecht 2009 für zwei Jahre die Aufgabe der rechtspolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion.

Wechsel von Recht auf Finanzen im Jahr 2017

Auch in der Spitze der Bundestagsfraktion sammelte Lambrecht Erfahrung. 2011 wurde sie Vizefraktionsvorsitzende, nach ihrer Wiederwahl 2013 dann Erste Parlamentarische Geschäftsführerin. Diesen Posten verlor sie nach der Bundestagswahl 2017 an den Finanzexperten Carsten Schneider.

Dann kam der Umschwung von Recht auf Finanzen: Lambrecht übernahm als stellvertretende Fraktionsvorsitzende den Bereich Haushalt, Finanzen und Euro. Im März 2018 wurde die Mutter eines Sohnes dann Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium.

In der Bundesregierung ist Lambrecht auch deshalb bereits bekannt, weil sie bei den Verhandlungen zur Großen Koalition gemeinsam mit Olaf Scholz die Arbeitsgruppe Finanzen und Steuern leitete.

Nun also wieder Justiz. Und schon ihre Vorstellung nutzte Lambrecht für ein klares Statement im Zusammenhang mit einem Fall, der dieser Tage für großes Aufsehen sorgt. Der "unfassbare Mord" am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) zeige, dass die Verteidigung des Rechtsstaates aktueller denn je sei, sagte sie. Die Antwort des Rechtsstaates müsse ganz klar sein: "Wir akzeptieren keine Rechtsextremisten in unserer Mitte."

aev/dpa/Reuters



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Kurt-C. Hose 19.06.2019
1. Komisch
Im Justizministerium scheint es ausgesprochen wichtig zu sein, dass jemand einen fachlichen Hintergrund mitbringt, und sich in dem Gebiet, das in den Reglungsbereich dieses Ministeriums betrifft, richtig gut auskennt. Warum um alles in der Welt kommt niemand auf den Gedanken, dass das auch für die Bereiche des Wirtschafts- oder Verteidigungsministeriums eine hilfreiche Denkrichtung für das Finden geeigneten Personals sein könnte?
entsetzt04.09.2015 19.06.2019
2. Kurz-C Hose
Weil das Partei ich wichtiger ist als die Qualifikation! Ich frage mich, warum wir in der Netzabdeckung im Mobilfunkbereich, als hochentwickelter Industriestaat, schlechter dastehen, als die baltischen Länder oder Malaysia! Warum unsere Automobilindustrie hinter der Entwicklung von Elektro- und Wasserstoffautos hinterherhinkt? Warum die klimaneutrale Wärmepumpentechnik in Skandinavien die Hälfte kostet, wie hier. Soll sich wohl nicht ausbreiten, weil es zu umweltfreundlich ist. Deutschland läuft überall der Entwicklung hinterher, weil in unseren Ministerien zu wenig Fachleute das sagen haben. Die Lobbyisten haben den Auftrag das althergebrachte zu verteidigen und Innovationen im Sande verlaufen zu lassen. Deutschland verschläft die eigene Zukunft.
erdmann.rs 19.06.2019
3. Eine Frau vom Fach
Warum sollte nicht Christine Lambrecht die neue Justizministerin werden? Den Namen werden die meisten Leser zwar bestimmt zum ersten Mal hören, aber lassen wir uns doch gern mal überraschen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ministerien (z.B. Wirtschaft, Außenpolitik, Verteidigung usw.), hat das Justizministerium doch eher mehr Aufgaben im nationalen Bereich. Wenn Frau Lambrecht nicht weniger richtig, bzw. nicht mehr falsch macht als z.B. ihre letzten Vorgänger Maas und Barley, könnte man damit leben. Die Tatsache alleine, dass jemand Rechtsanwalt ist, muss ihn/sie allerdings nicht zwangsläufig zum Justizminister qualifizieren. Rechtsanwälte (oder eher "Linksanwälte?) waren z.B. Horst Mahler und Christian Ströbele auch. Als Justizminister möchte man sie sich allerdings nicht vorstellen.
friedrich.grimm@gmx.de 19.06.2019
4. Quote
Was bei sog. Quotenministern und -ministerinnen herauskommt erleben wir seit Merkels Machtantritt 2005. Ich möchte dabei nur auf das Verkehrsministerium verweisen. Ramsauer, Dobrindt, Scheuer, alles "Kenner" ihres Fachs. Ein versagen auf der ganzen Linie. Das kann ich jeden Morgen und jeden Abend an den Verkehrströmen sehen, die sich rund um unser kleines Städtchen wälzen. Es gäbe noch sehr viele weitere Negativbeispiele. Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist, dass die zumeist ordentliche Arbeit der SPD-Ministerien stets nur der CDU genützt haben.
inge-p.1 19.06.2019
5.
Gott sei Dank, ist es nicht die lange im Gespräch seiende Frau Högl geworden. Wir erinnern uns noch allzu Scharmhaft clownesken Auftritt nach dem Anschlag in Barcelona. Dann hätte ich meinen Rest Glauben an die SPD verloren.
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