Liane Bednarz

Christliche Corona-Verharmloser Lebensgefährliche »Lebensschützer«

Liane Bednarz
Ein Gastbeitrag von Liane Bednarz
Ein Gastbeitrag von Liane Bednarz
Christliche »Lebensschützer« kämpfen für den Schutz ungeborenen Lebens. Der Schutz der Geborenen scheint vielen aber nicht wichtig zu sein: In der Coronakrise machen sie Stimmung gegen die Schutzmaßnahmen.
»Christen im Widerstand« auf Demonstration gegen die Corona-Politik in Leipzig

»Christen im Widerstand« auf Demonstration gegen die Corona-Politik in Leipzig

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U. J. Alexander / imago images

Hartmut Steeb hält sich für einen »Lebensschützer«. Seit Jahr und Tag tritt er gegen Abtreibung ein und engagiert sich  für den jährlichen, unter Christen allerdings umstrittenen  »Marsch für das Leben«, auf dem sich Abtreibungsgegner versammeln. Der 67-Jährige war von 1988 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2019 Generalsekretär der »Deutschen Evangelischen Allianz« (DEA), dem wichtigsten Netzwerk der deutschen Evangelikalen.

Eigentlich würde man denken, dass ein solcher »Lebensschützer«, dem Ungeborene am Herzen liegen, sich auch dafür einsetzt, bereits geborene Menschen vor dem Tod oder vor schweren Langzeitschäden durch das Coronavirus zu schützen. Doch Steeb beteiligt sich lieber an der Stimmungsmache gegen die Schutzmaßnahmen. Dazu betreibt er sogar einen eigenen Newsletter 

Angeblich keine epidemiologische Notlage

Steeb ist eine wichtige Stimme in evangelikalen Milieus. Er hat dort Einfluss, weitaus mehr Bedeutung als die »Christen im Widerstand«  und ihr Umfeld , so gefährlich diese mit ihrer Agitation gegen die Corona-Schutzmaßnahmen und ihrem Schulterschluss mit den »Querdenker«-Demos  fraglos sind. 

Besonders gern zitiert und postet Steeb, der in diesem Jahr auch schon affirmativ ein einseitiges AfD-Posting zum Thema »Gender« geteilt hat  und dem SPIEGEL bereits 2017 als »Mittelsmann zwischen religiösen und politischen Rechten« aufgefallen ist, in der Coronakrise Texte von Boris Reitschuster . Reitschuster ist ein früherer »Focus«-Journalist, der seit einem Jahr einen Blog mit rechtspopulistischem Drall  namens reitschuster.de betreibt. Steeb gratulierte  Reitschuster dazu und schrieb, »dieser alternative Pressedienst« sei »dringend nötig«. 

Steeb wirkt, was die Schutzmaßnahmen gegen Corona angeht, zudem wie ein »Grundrechtsschützer«, unterstützte insoweit eine Petition  gegen die jüngste Konkretisierung des Infektionsschutzgesetzes. Gegenüber dem in seinem Milieu beliebten evangelikalen Wochenmagazin »idea spektrum« behauptete er selbst noch im November , als die zweite Infektionswelle längst mit voller Wucht da war, dass die »Wirksamkeit der Maßnahmen nicht nachgewiesen« sei. Sein bizarres Hauptargument besteht darin , dass die Schutzmaßnahmen zu mehr Toten führen könnten als Corona selbst, weshalb er sich gerade als »Lebensschützer« gegen sie engagiere. Zudem gebe es bisher weniger Tote als 2019 und 2018. Das Durchschnittsalter der an Corona Verstorbenen betrage 82 Jahre, während das Durchschnittsalter der 2019 Verstorbenen »nur« 79 Jahre gewesen sei. All das spreche dafür , dass es gar keine epidemiologische Notlage gebe. Auf die Idee, dass die bisherigen Schutzmaßnahmen Schlimmeres verhindert haben, kommt Steeb anscheinend nicht. Dementsprechend ist von Warnungen vor dem Virus, von Forderungen zur Rücksichtnahme angesichts der jüngsten Rekordzahlen von Neuinfektionen und Toten sowie einer inzwischen eingetretenen Übersterblichkeit  bei diesem »Lebensschützer« nach wie vor nichts zu sehen. 

Man reibt sich die Augen. Wenn es um Abtreibung geht, setzt Steeb den Lebensschutz absolut. Abtreibung sei eine »Menschenrechtskatastrophe« und sollte das »Topthema aller Menschenrechtler« sein, forderte er . Und sagte im selben Atemzug zum Thema Sterbehilfe: »Anderen aber zum Sterben zu verhelfen, ist erst recht nicht unsere Aufgabe.« Menschen im Einklang mit der führenden Wissenschaft vor der nun einmal drohenden Gefahr des Sterbens durch ein potenziell tödliches Virus zu schützen, sieht Steeb hingegen augenscheinlich nicht als seine Aufgabe an.

Nicht anders als Steeb machen führende Vertreter des gen rechts ausfransenden katholischen Milieus gegen die Schutzmaßnahmen mobil, allen voran Hedwig von Beverfoerde, die Frontfrau der sogenannten Demo für Alle, eines aktivistischen Netzwerks , dessen Leitspruch »Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder« lautet. Auch sie, die immer wieder Videos der AfD-Politikerin Beatrix von Storch postet , setzt sich auf ihrer Facebook-Seite gegen Abtreibung ein . Zugleich ist sie eine der Radikalsten im Milieu, was die Agitation gegen die Corona-Beschränkungen angeht. Mitte November etwa schrieb sie auf Facebook , wie »stolz« sie auf eines ihrer Kinder sei, »das sich heute nach vielstündig-nächtlicher Anreise am Brandenburger Tor von der Wasser werfenden Staatsgewalt für #Freiheit, #Demokratie und #Recht« habe »durchnässen lassen!«. Gemeint war eine »Querdenker«-Demo, auf der sie auch selbst war . Im September hatte Beverfoerde bereits wohlwollend einen Beitrag des rechtslibertären Magazins »eigentümlich frei« gepostet, in dem die Schutzmasken in die Nähe des Hitlergrußes gerückt wurden 

Aber: Hartmut Steeb bekommt Gegenwind. Und zwar aus dezidiert frommen, evangelikalen Kreisen. Denn die evangelikale Szene in Deutschland ist längst heterogen. Es gibt viele Stimmen, die sich gegen den Rechtsdrall und die Agitation gegen die Corona-Beschränkungen wenden. Sie alle sind »Lebensschützer«, das aber in einem umfassenden Sinn. So warf ein Kommentator Steeb auf Facebook vor, dass dieser sein »großes Netzwerk« nutze , »um seit Wochen gegen die Maßnahmen und Instrumente zu polemisieren, die mit Unterschieden im Detail, über die man immer streiten kann, die gesamte zivilisierte Welt einsetzt, um die Pandemie unter Kontrolle zu behalten/wieder zu bekommen«. 

Überhaupt gibt es, und das macht Steebs Äußerungen im Kontrast noch schriller, vorbildliche Äußerungen von evangelikalen Organisationen, wie etwa die Ende November veröffentlichte Stellungnahme  der »ChristusBewegung Lebendige Gemeinde«, bei der es sich um den Dachverband aller pietistischen Gruppen in Württemberg handelt. Dort heißt es unter dem Titel »Dankbarkeit – Demut – Distanz«, »dass diese Einschränkungen nötig sind, um andere Grundrechte, wie z. B. das Recht auf körperliche Unversehrtheit, zu gewährleisten«. Vor allem aber ist auch die »Deutsche Evangelische Allianz« auf konträrem Kurs zu ihrem früheren Generalsekretär Steeb und hat Anfang November eine Stellungnahme  unter dem Namen »Verantwortung wahrnehmen und Freiheit gestalten – mit Rücksicht auf den Nächsten« publiziert.

Monatelanges Gezeter um die »Mundkommunion«

Viele jener Christen, die sich als besonders fromme »Lebensschützer« verstehen, haben sich in der Coronakrise ohne Not in beschämender Weise diskreditiert und so letztlich der »Querdenker«-Szene genutzt. Es sollte sich eigentlich von selbst verstehen, dass man sich als gläubiger Christ selbst beschränkt, um andere zu schützen. Stattdessen gab es unter Szene-Katholiken monatelang ein Gezeter um die »Mundkommunion«, statt einfach zu akzeptieren, dass in einer Pandemie die Ausgabe der Hostie per Zange und mit Handschuhen nun einmal die sicherere Variante ist.

Auch das trotzige Beharren vieler auf der Durchführung von Präsenzgottesdiensten inklusive gemeinschaftlichen Gesangs ist befremdlich. Denn gerade jetzt könnte zu Hause das eigene kontemplative Leben in Form von stillem Gebet und intensiver Bibellektüre ausgebaut werden. Doch von einem derart vorbildlichen »Lebensschutz« gegenüber den von der Pandemie Bedrohten, von Kargheit, Verzicht und Disziplin war und ist bei einem großen Teil dieser sich für konservativ und fromm haltenden Leute wenig bis nichts zu sehen. Im Zielkonflikt zwischen Rücksichtnahme und Lebensschutz einerseits und lange gepflegtem Ressentiment gegenüber der als zu liberal erachteten Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich offenbar Letzteres durchgesetzt 

Manche Christen mit Einfluss und Gefolge sind zudem Anhänger von Verschwörungstheorien. So hat Erzbischof Carlo Maria Viganò, der ehemalige päpstliche Botschafter in den USA, bereits im Mai einen Appell veröffentlicht , in dem – in Anlehnung an die auch die »Querdenker«-Proteste prägende Verschwörungstheorie von der »Neuen Weltordnung« – die Rede davon war, »dass Jahrhunderte der christlichen Zivilisation unter dem Vorwand eines Virus ausgelöscht werden, um eine verabscheuungswürdige technokratische Tyrannei aufzurichten«. Zu den Erstunterzeichnern dieses Pamphlets gehört der deutsche Kardinal Gerhard Müller. Er war von 2012 bis 2017 Leiter der »Glaubenskongregation« und damit der zweitmächtigste Mann im Vatikan, bevor er von Papst Franziskus nicht weiter beschäftigt wurde 

»Leibhaftig« zum Gottesdienst

Leider lassen sich nun offenbar auch einige Bischöfe von den christlichen »Freiheitskämpfern« vor sich hertreiben. So etwa der Passauer Bischof Stefan Oster, der ausgerechnet in dem Corona-Hotspot, der die Stadt zu dieser Zeit war , in seinem Hirtenbrief zum ersten Adventssonntag dazu aufrief , »jede Gelegenheit« zu nutzen, »auch leibhaftig zum Gottesdienst und zum Gebet, zu Andachten und Krippenfeiern zusammenzukommen«. Auch der Limburger Bischof Georg Bätzing, immerhin Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, knickt anscheinend ein. Er sagte Ende November gegenüber der »WAZ«: »Der Schutz des Lebens war in den ersten Monaten der Pandemie das oberste Gebot. Heute haben wir dazugelernt und können sagen, dass wir diesen Schutz vielleicht sogar zu hoch angesetzt und dafür den Bedarf an sozialen Kontakten zu gering eingeschätzt haben.« Patrick Bahners von der »FAZ« kommentierte dazu auf Twitter treffend : »Lebensschutz ›vielleicht zu hoch angesetzt‹? Wird diese Überlegung Bischof Bätzings Konsequenzen für die kirchliche Bewertung von Abtreibung, Sterbehilfe und Todesstrafe haben?«

Damit skizziert Bahners das Problem, um das es geht. Viele »Lebensschützer« verneinen in der Abtreibungsdebatte grundsätzlich, dass das Recht der Frau auf Selbstbestimmung höher zu bewerten sei als der Schutz des ungeborenen Lebens. In der Abtreibungsfrage gibt es für sie kaum eine Güterabwägung. Genau diese Rigorosität aber lassen sie in der Corona-Diskussion vermissen.

Ein gutes Zeichen immerhin ist, dass das problematische Verhalten mancher christlicher Kreise zunehmend thematisiert wird. So hat die konservative CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung gerade ein Buch mit dem Titel  »Das Kreuz mit der Neuen Rechten? Rechtspopulistische Positionen auf dem Prüfstand« herausgebracht. Im Fokus steht die Abgrenzung gegenüber Christen mit Rechtdrall.

Die Coronakrise hat gezeigt, wie dringend notwendig diese ist.