Chronologie Der lange Weg in den Affärensumpf

Hauskredit, Wutanruf, Rücktritt, Enthüllungsbuch - das Leben des Ehepaares Wulff war in den vergangenen Jahren geprägt durch Affären und Skandale. SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Ereignisse.


DPA

25. Oktober 2008: Privatkredit für Wulffs Hauskauf

Unternehmergattin Edith Geerkens gewährt Christian Wulff einen Privatkredit über 500.000 Euro. Der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen finanziert damit den Kauf eines Hauses in Burgwedel, das 415.000 Euro kostet.

dapd/ aedt

18. Februar 2010: Anfrage im niedersächsischen Landtag

Wulff erklärt auf eine mündliche Anfrage im niedersächsischen Landtag, dass es zwischen ihm und dem Unternehmer Egon Geerkens in den vergangenen zehn Jahren keine geschäftlichen Beziehungen gegeben habe.

21. März 2010: Geldmarktdarlehen der BW-Bank

Die im Dezember 2009 begonnenen Gespräche mit der Stuttgarter BW-Bank führen zur Unterzeichnung eines kurzfristigen günstigen Geldmarktdarlehens. Es ist eine Art Dispo-Kredit, mit dem Wulff das Geerkens-Darlehen in Höhe von 500.000 Euro ablöst. Die Zinsen für den Privatkredit sollen ursprünglich lediglich 0,9 bis 2,1 Prozent betragen haben - was nur halb so viel wäre wie bei der Immobilienfinanzierung normaler Kunden. Einer Erklärung der Bank zufolge ging den Verhandlungen eine Empfehlung von Unternehmer Geerkens voraus.

DDP

30. Juni 2010: Wulffs Wahl zum Bundespräsidenten

Christian Wulff wird zum Bundespräsidenten gewählt.

12. Dezember 2011: Wulffs umstrittener Anruf beim "Bild"-Chefredakteur

Wulff weilt auf Auslandsreise in der Golfregion. Von unterwegs versucht er, "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann anzurufen. Er erreicht lediglich die Mailbox und hinterlässt dort eine Nachricht. Er will das Erscheinen eines Artikels über seine Hauskauf-Finanzierung verhindern und droht mit dem "endgültigen Bruch" mit dem Springer-Verlag. Telefonisch interveniert er auch beim Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, Mathias Döpfner, damit dieser Einfluss auf Diekmann nehme. Doch der Konzernchef lehnt ab. Ebenso Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer, bei der Wulff ebenfalls anruft. Die "Bild" berichtet zunächst nicht über die Anrufe.

13. Dezember 2011: " Bild"-Bericht über Wulffs Hauskauf-Finanzierung

Die "Bild"-Zeitung berichtet erstmals über Wulffs fragwürdige Hauskauf-Finanzierung.

15. Dezember 2011: Wulff entschuldigt sich bei Diekmann

Der Bundespräsident bedauert in einer schriftlichen Mitteilung, den Kredit von Edith Geerkens im Februar 2010 vor dem niedersächsischen Landtag nicht erwähnt zu haben. Zudem gibt er an, er habe das Geldmarktdarlehen in ein langfristiges Bankdarlehen umgewandelt. Am selben Tag entschuldigt er sich bei "Bild"-Chefredakteur Diekmann für Ton und Inhalt der Nachricht auf der Mailbox.

18. Dezember 2011: Wulffs Anwälte veröffentlichen Urlaubsliste

Wulff lässt seine Anwälte eine Liste mit Urlauben veröffentlichen. Insgesamt sechs Mal hat er demnach zwischen 2003 und 2010 in den Ferienhäusern von wohlhabenden Freunden Urlaub gemacht: beim Ehepaar Geerkens, bei Talanx-Aufsichtsrat Wolf-Dieter Baumgartl, bei Multimillionär Carsten Maschmeyer und dem Unternehmer-Ehepaar Angela Solaro und Volker Meyer.

21. Dezember 2011: Vertrag mit der BW-Bank

Erst sechs Tage nachdem er öffentlich behauptet hatte, sein Darlehen umgewandelt zu haben, unterschreibt Wulff tatsächlich den entsprechenden Vertrag. Die BW-Bank will das Dokument am 12. Dezember an Wulff geschickt haben.

DPA

22. Dezember 2011: Wulffs Sprecher muss gehen

Der Bundespräsident entlässt seinen Sprecher Olaf Glaeseker. Er galt als Wulffs engster Berater, stand ihm viele Jahre zur Seite - als Parteisprecher, als Regierungssprecher und als Freund. Nur wenig später äußert sich Wulff erstmals persönlich zu der Affäre und entschuldigt sich öffentlich: "Das war nicht gradlinig, und das tut mir leid." Er bekräftigt, alle notwendigen Auskünfte erteilt und rechtmäßig gehandelt zu haben.

4. Januar 2012: Wulffs Fernsehinterview

In einem TV-Interview räumt Wulff ein, sein Drohanruf bei "Bild"-Chefredakteur Diekmann sei "ein schwerer Fehler" gewesen. Der Anruf tue ihm leid und er habe sich dafür auch entschuldigt. Trotz des anhaltenden Drucks werde er aber nicht zurücktreten. "Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr", sagt Wulff in dem Gespräch bei ARD und ZDF. Er wisse, dass er nicht alles richtig gemacht, aber nichts Unrechtes getan habe.

picture alliance/ Eventpress

10. Januar 2012: Weiterer Buchdeal sorgt für Wirbel

Ein Freund des CDU-Politikers, der Filmproduzent David Groenewold, zahlte dem Autor eines im Mai 2006 veröffentlichten Wulff-Buchs mehrere tausend Euro an Honoraren. Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, wofür genau. Der Fall wirft Fragen auf, denn Wulff setzte sich in dieser Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident für die Interessen der Filmbranche ein, in der Groenewold aktiv war.

12. Januar 2012: Druck aus der Union wächst

Mit Karl-Georg Wellmann rät erstmal ein Mitglied der Unionsfraktion zum Rücktritt des Präsidenten. Den Neujahrsempfang mit dem Kabinett absolviert dieser trotzdem routiniert. Organisationen wie der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und Transparency International bleiben der Veranstaltung aus Protest fern.

DPA

14. Januar 2012: Einladung zum Oktoberfest

Eine Rechnung des Münchner Hotels Bayerischer Hof taucht auf. Sie belegt: Christian Wulff und seine Frau Bettina haben sich im September 2009 von dem Berliner Filmproduzenten David Groenewold ein Zimmer-Upgrade zahlen lassen. Das Ehepaar Wulff besuchte in München das Oktoberfest - auf Einladung von Groenewold.

18. Januar 2012: Antworten auf den Fragenkatalog

In einem 240-seitigen Dokument veröffentlicht Wulff die Journalistenanfragen und seine Antworten zur Kredit- und Medienaffäre. Seine Anwälte hatten die Herausgabe zunächst abgelehnt. In dem Dokument bleiben viele Fragen aus Zeitgründen unbeantwortet. Neue Erkenntnisse brachten die Antworten nicht.

19. Januar 2012: Razzia bei Ex-Sprecher Olaf Glaeseker

Beamte des Landeskriminalamts durchsuchen die Wohn- und Geschäftsräume des entlassenen Wulff-Sprechers Olaf Glaeseker sowie des Eventmanagers Manfred Schmidt. Dabei soll herausgefunden werden, ob Glaeseker den 2007 bis 2009 von Schmidt organisierten Nord-Süd-Dialog "gefällig gefördert" haben. Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte die Razzia wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit angeordnet.

22. Januar 2012: Sponsoren für Wirtschaftsdialog

Die Staatskanzlei in Niedersachsen hat sich gegen Wulffs Aussage doch an der Finanzierung des privaten Nord-Süd-Dialogs beteiligt. Das geht aus internen Mails hervor, die dem SPIEGEL vorliegen. Christian Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker habe selbst Sponsoren geworben und so unter anderem Deals mit RWE (Wert: 25.000 Euro) und dem Öl-Konzern Exxon (Wert: 15.000 Euro) organisiert. Auch der Touristikkonzern TUI und die Versicherungsgruppe Talanx geben an, als Sponsoren angefragt worden zu sein.

dapd

22. Januar 2012: Regierung bezahlte Geschenk-Bücher

Die '"Hannoversche Allgemeine Zeitung" berichtet, dass sich das niedersächsische Landwirtschaftsministerium finanziell am Nord-Süd-Dialog beteiligt habe. Für insgesamt 3411 Euro seien 800 Exemplare des Kochbuchs "Raspers Rezepte: Niedersachsens Küche neu entdeckt" gekauft und verschenkt worden. Mitautorin des Buches ist Vera Glaeseker, die Frau des damaligen Wulff-Sprechers Olaf Glaeseker, Christian Wulff selbst schrieb das Vorwort.

8. Februar 2012: Umstrittene Sylt-Reise

Eine Sylt-Reise bringt Wulff in weitere Erklärungsnot. Einem Bericht der "Bild"-Zeitung zufolge soll der Filmunternehmer David Groenewold dem Ehepaar Wulff einen Aufenthalt in einem Luxushotel auf Sylt bezahlt haben. Der Unternehmer dementierte, Wulffs Anwalt erklärte, sein Mandant habe die Kosten in bar erstattet.

DPA

17. Februar 2012: Christian Wulff tritt zurück

Christian Wulff gibt seinen Rückzug aus dem Amt des Bundespräsidenten bekannt. An seiner Seite in Schloss Bellevue: Gattin Bettina.

12. September 2012

Das Buch von Bettina Wulff "Jenseits des Protokolls" erscheint - und sorgt für großen Wirbel. In dem - ungewöhnlich intimen - Buch beschreibt die ehemalige First Lady ihr Leben zwischen Amt und Familie und das Kennenlernen mit Christian Wulff. Sie übt darin auch Kritik an ihrem Mann.

DPA

7. Januar 2013: Trennung von Christian und Bettina Wulff wird bekannt

Knapp ein Jahr nach dem Rücktritt Christian Wulffs vom Amt des Bundespräsidenten wird bekannt, dass das Paar sich getrennt hat. Ein Anwalt bestätigt, dass sich das einstige Staatsoberhaupt bereits in einer Wohnung eingemietet hat. Bettina Wulff soll demnach mit den beiden Söhnen in dem Haus in Großburgwedel wohnen bleiben.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
artusdanielhoerfeld 07.01.2013
1. Und wie es aussieht...
...war die "Dame" B. die treibende Kraft hinter der Wulff´schen Vorteilsnahme und hat damit dem Chr. das ganze Leben versaut. Tja, wer so blöd ist... der darf eben jetzt für zwei Ex-Frauen zahlen. Übrigens: Wer sich fragt, warum die B. nach seinem Rücktritt noch bei ihm geblieben ist: Sein Ehrensold musste erst für ein Jahr zu ihrem "gewohnten Lebensstandart" werden, damit er zur Berechnung ihres Unterhaltes mitzählt.
jerazi 08.01.2013
2. Wenn man das so geballt liest...
...erschreckt schon das Ausmaß von Verfehlungen und Ungeschicklichkeiten. Ich werde den Verdacht nicht los, dass es noch viel mehr Gründe geben könnte für Wulffs Rücktritt. Und ich male mir mit Schrecken aus, was geschehen wäre, wenn jemand, der in seinem persönlichen Krisenmanagement so versagt hat, ganz ernsthafte Aufgaben als Staatsmann hätte meistern müssen.
ecco-john 13.02.2013
3. optional
Wieder mal Wulff. Wann hat Wulff eigentlich den letzten Furz gelassen ? Uriniert er stehend oder sitzend ? A b e r : Erschreckend, wie tief eine ganze Nation binnen kurzer Zeit fallen kann, die vor Jahren schon mal zu Recht stolz auf sich sein konnte.
deaxmac 17.02.2013
4. Dekadenz einer Nation?
Ist es wirklich so schwierig, sich zuerst mal an die eigene Nase zu packen und zu fragen, wieso konnten wir übersehen und auch dulden, dass sich bedürftige Menschen -bedürftig nach Anerkennung, Aufmerksamkeit Einfluss und Macht- als Repräsentant-Innen unserer Nation an die Spitze manövrieren? Und nun? Sollen wir sie bedauern? Sie mit Dreck bewerfen? Oder vielleicht ein Lehrstück sein? Wenn wir wieder eine Nation werden wollen, die nach allen grausamen Irrtümern und Fehlgriffen sich doch vielleicht noch erinnern kann, dass es zu nichts führt, angepasst, vorgeblich brav und scheinheilig, immer nur zu dulden und Toleranz zu üben. Insofern: Trau schau wem? Wir haben es zu verantworten! Besser vorher als nachher.
snobody2 06.03.2013
5. Man sollte auch nicht vergessen,
Zitat von jerazi...erschreckt schon das Ausmaß von Verfehlungen und Ungeschicklichkeiten. Ich werde den Verdacht nicht los, dass es noch viel mehr Gründe geben könnte für Wulffs Rücktritt. Und ich male mir mit Schrecken aus, was geschehen wäre, wenn jemand, der in seinem persönlichen Krisenmanagement so versagt hat, ganz ernsthafte Aufgaben als Staatsmann hätte meistern müssen.
dass es immer noch Untersuchungen gibt gegen Wulff wegen jahrelanger Unterstützung der Holzmindener Pleite-Baufirma der iranischen Brüder Farq; da geht es mal eben um 23 Mio. €, die Wulff und sein sauberer Minister Hirche zum Nachteil des Landes Niedersachsen in den Sand gesetzt haben. Es wurden selbst dann noch Kredite von den sauberen Herren bewilligt, als die Insolvenz der Farq-Brüder schon angemeldet war. Vorher durften sie noch Wulff 10x und Hirche 8x bei Auslandsreisen begleiten. Was Bestechlichkeit anbelangt, dürfte es sich schon um fortgesetzte Handlung handeln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.