Clinton in Berlin "Es war ein Fehler von uns, den Irak anzugreifen"

Berlin war am Wochenende im Clinton-Fieber. Der frühere US-Präsident Bill Clinton hielt sich in der Hauptstadt auf, um seine Autobiografie an den Leser zu bringen. In der Sendung "Sabine Christiansen" übte er auch scharfe Kritik an der Regierung seines Nachfolgers George W. Bush.


Willkommener Gast in Berlin: Ex-Präsident Clinton
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Willkommener Gast in Berlin: Ex-Präsident Clinton

Berlin - "Es war ein Fehler von uns, den Irak anzugreifen, ehe (Uno-Chefwaffeninspekteur) Hans Blix seine Arbeit zu Ende gebracht hatte", sagte Clinton gestern Abend in der ARD-Sendung. Es habe keine eindeutigen Beweise gegeben, dass das Regime des damaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besaß. "Wir hatten keine Erkenntnisse darüber, dass er (Saddam) Atomwaffen hatte. Wir hatten auch keine Erkenntnisse darüber, dass er etwas mit dem 11. September zu tun hatte", sagte Clinton. Die USA hätten lediglich gewusst, dass Saddam über chemische und biologische Vorräte verfügte, die zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen hätten dienen können.

Clinton betonte ferner, er habe "niemals den Gedanken gefördert", dass es eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und dem Terrornetz al-Qaida gebe. Die Bedrohung durch al-Qaida sei die derzeit größte Gefahr für die USA. Nach dem Irak-Krieg hätten Amerika und die ganze Welt ein Interesse daran, dass sich nun im Irak eine pluralistische, demokratische Regierung etabliere. Der ehemalige US-Präsident sprach sich zudem für eine stärke Nato-Präsenz im Irak aus. Clinton äußerte die Überzeugung, dass sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen, die durch den Irak-Krieg erschüttert wurden, wieder normalisieren werden.

Bei seinem Besuch in Berlin sorgte der 57-Jährige gestern für einen Menschenauflauf und veranlasste Hunderte, stundenlang auf ein Autogramm von ihm zu warten. Der Ex-Präsident und Vorgänger von George W. Bush war gekommen, um sein Buch "Mein Leben" vorzustellen. Am Samstag hatte sich Clinton in Hamburg aufgehalten.

"Wenn es Bush gewesen wäre, wäre ich nicht gekommen. Aber dieser Clinton, der hat was", sagte eine Berlinerin und stand damit wohl stellvertretend für die 500 Glücklichen, die eine Eintrittskarte zur Signierstunde mit Clinton ergattert hatten. Der Ort des Geschehens, ein Buchgeschäft in der Friedrichstraße, war abgesichert wie bei einem Staatsbesuch. Wer Einlass begehrte, wurde peinlich genau abgetastet und durchleuchtet. Journalisten durften selbst Stift und Schreibblock nicht mit in Clintons Nähe nehmen.

Zwischen fünf und zehn Sekunden nahm sich der frühere US-Präsident für jedes der fast 1500 Seiten dicken Bücher Zeit. Die rechte Hand lässig abgestützt, signierte er lächelnd linkshändig jedes Buch mit seinem Namen. Sonderwünsche wie Widmungen konnten nicht erfüllt werden, dafür reichte es ab und an für einen Handschlag. Viele der Clinton-Fans hatten am Donnerstag schon stundenlang angestanden, um überhaupt eine Eintrittskarte zu ergattern.

Als amtierender Präsident hatte Clinton Berlin zuletzt im Jahr 2000 - seine Amtszeit endete Anfang 2001 - einen Besuch abgestattet. Er nahm an einer Konferenz von Staats- und Regierungschefs unter dem Motto "Modernes Regieren für das 21. Jahrhundert" teil. Die Berliner bekamen den Präsidenten damals kaum zu Gesicht.



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