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08. Dezember 2002, 13:18 Uhr

Cohn-Bendit zum grünen Führungswechsel

"Joschka wurde gestärkt"

Von , Hannover

Daniel Cohn-Bendit, der langjährige politische Weggefährte und Freund von Joschka Fischer, hält das Ergebnis des Grünen-Parteitages für keine Katastrophe. Der Europapolitiker glaubt, dass der "heimliche Parteivorsitzende" Fischer zufrieden sein kann - seine Position sei nicht schwächer geworden.

Daniel Cohn-Bendit
DDP

Daniel Cohn-Bendit

Berlin - Daniel Cohn-Bendit ist wieder einmal in seinem Element. Wort- und Gestenreich erläutert er, warum die Wahl von Reinhard Bütikofer und Angelika Beer keine Katastrophe ist. "Ach" sagt der Europapolitiker, der mit Joschka Fischer in den 70er Jahren in Frankfurt am Main in einer Wohngemeinschaft lebte, "es gibt Katastrophen und solche, die wirklich real sind". Will heißen: Der alte Kämpfer der Grünen kennt seine Partei zu gut, um an ihr noch zu verzweifeln. Dass in der Nacht zum Sonntag nur acht Stimmen fehlten, um das notwendige Quorum für einen zumindest zeitweiligen Verbleib von Claudia Roth und Fritz Kuhn an der Spitze der Partei fehlten, das hat Cohn-Bendit zwar auch mit ungläubigen Staunen zur Kenntnis genommen.

Aber ein Unglück sei das nun wirklich nicht, sagt er am Sonntagmorgen in der Eilenriedhalle von Hannover: Hätten die Medien die Partei nicht im Frühjahr niedergeschrieben, habe da nicht kaum noch jemand auf sie gewettet? Cohn-Bendit ist sich sicher, dass das Ergebnis gerade nicht jenen Mann schwächt, der sich selbst am Samstag in seiner Rede kokett und ironisch als "heimlicher Vorsitzender" bezeichnet hatte: Joschka Fischer. "Die Minderheit wollte Joschka Fischer einen Denkzettel verpassen - sie hat ihn aber objektiv gestärkt", glaubt Cohn-Bendit.

Was der Fischer-Gefährte nicht ausspricht, beschreibt ein Grüner aus dem engsten Fischer-Kreis so: "Die Minister und die Fraktion werden noch stärker als bislang die Themen vorgeben - und die Partei wird mühe haben, hinter her zu kommen." Fischer selbst hatte am Samstag in seiner Rede von jenen "informellen Strukturen" gesprochen, die viele in der Partei störten. Gerade deshalb sei es notwendig, starke Vorsitzende zu wählen. Mit Roth und Kuhn seien die "Strömungen" zusammengeführt worden. Doch alles Werben für das Team, das erfolgreich mit den Ministern den Wahlkampf bis zum 22. September geführt hatte, half Fischer am Ende nichts. Auch nicht sein Hinweis, die Aufhebung der Trennung von Amt und Mandat sei die "Fortsetzung der innerparteilichen Demokratie". Die Minderheit blockierte, was aus Sicht von Fischer einen langjährigen Konflikt ("Es nervt doch von beiden Seiten") beenden und den langsamen Abschied von der Trennung von Amt und Mandat einleiten sollte.

Nun blicken die Grünen auf ihre neuen Vorsitzenden Beer und Bütikofer, die beide aus dem Abseits der Partei an die Spitze gelangten, mitten in einer schwierigen Lage der Koalition. "Ein Vorstand wird immer so ernst genommen, wie er arbeitet", sagt Umweltminister Jürgen Trittin trocken. Beide hätten "natürlich das Zeug, sich das zu erarbeiten". Und Cohn-Bendit erinnert daran, wie im Frühjahr 2001 auf dem Stuttgarter Parteitag Claudia Roth zur neuen Vorsitzenden gewählt wurde. Damals hätten nur wenige Medien ihr zugetraut, eine integrierende Parteivorsitzende zu werden. "Und Claudia Roth wurde eine sehr gute Vorsitzende", sagt Cohn-Bendit. Und Angelika Beer könne eine Vorsitzende werden, "die den Übergang schafft. Und der Bütikofer auch." "Doch wohin der Übergang führen soll, das sagt Cohn-Bendit nicht. "Das wird sich dann zeigen", sagt er und entschwindet - dorthin, wo sein Freund Joschka Fischer sitzt.

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