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31. März 2017, 18:12 Uhr

Terrorsekte Colonia Dignidad

Bundestagsabgeordnete fordern "rückhaltlose Aufklärung"

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Was genau geschah in der Colonia Dignidad? 91 Bundestagsabgeordnete stellen jetzt einen Antrag: Die Verbrechen in der deutschen Sektensiedlung in Chile sollen aufgearbeitet und den einstigen Bewohnern geholfen werden.

Es war ein Ort des Grauens: Kinder und Jugendliche deutscher wie chilenischer Herkunft wurden sexuell missbraucht, Bewohner mit Elektroschocks gepeinigt und zu Zwangsarbeit verpflichtet, Gegner des chilenischen Diktators Augusto Pinochet zu Hunderten gefoltert und zu Dutzenden getötet. Jahrzehntelang blieben die Verbrechen in der deutschen Siedlung Colonia Dignidad, die Sektenführer Paul Schäfer 1961 in Chile gegründet und bis zu seiner Flucht 1997 angeführt hatte, weitgehend unentdeckt. Auch deshalb, weil Führungsmitglieder der Sekte enge Kontakte zu deutschen Politikern und Diplomaten hielten und deutsche Ämter und die Botschaft in Santiago de Chile nicht so genau hinsahen.

Nun kommt Bewegung in die Aufarbeitung der dunklen Sektengeschichte: Gleich zwei Anträge zur Colonia Dignidad sollen demnächst im Bundestag abgestimmt werden. Auf ein gemeinsames Schreiben konnten sich die Fraktionen nach wochenlangen Auseinandersetzungen nicht einigen.

Einer der Anträge stammt von der Grünen-Politikerin Renate Künast, der Vorsitzenden des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz im Bundestag. Eine Delegation aus sieben Mitgliedern des Ausschusses war unter ihrer Führung im Herbst vergangenen Jahres nach Chile gereist, um die Colonia Dignidad zu besuchen und mit Zeitzeugen zu sprechen.

"Für die Delegation war am Ende der Reise klar, dass nun endlich eine Aufarbeitung geschehen muss", sagte Künast zum SPIEGEL. "Deutschland hat insbesondere Verantwortung, weil es viele Gründe und Möglichkeiten gab, gegen Zwang und Gewalt zu intervenieren, aber es wurde offensiv weggesehen. Das ist ein beschämender Teil unserer Geschichte."

Deshalb fordern jetzt 91 Antragsteller die Bundesregierung dazu auf, den chilenischen Staat bei der "rückhaltlosen Aufklärung der Geschehnisse" in der Siedlung zu unterstützen, etwa durch technische Hilfe zur Spurensicherung oder Übersetzungen von Unterlagen. Eine "Begegnungs- und Gedenkstelle" soll errichtet und der "Stand der Vermögenswerte" aller Unternehmen, die aus der Colonia Dignidad entstanden sind, erhoben werden. Außerdem sollen nach dem Willen der Antragsteller die früheren Bewohner der Siedlung "Unterstützung bei der Klärung ihrer rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Situation" erhalten. Für Notlagen soll ein Fonds eingerichtet werden, den ein Beirat aus Bundestagsabgeordneten überwachen soll.

Viele der rund 300 Sektenmitglieder sind mittlerweile wieder nach Deutschland zurückgekehrt, ein großer Teil ist auf Sozialhilfe angewiesen. Den in Chile Zurückgebliebenen stehe "kaum Unterstützung" zur Verfügung, heißt es in dem Antrag.

Ursprünglich sollte der Antrag auch parteiübergreifend von allen Delegationsmitgliedern unterstützt werden. Nun aber haben lediglich Abgeordnete von der Linken und Grünen ihre Unterschrift daruntergesetzt. Der CSU-Abgeordnete Volker Ullrich, der ebenfalls mit nach Chile gereist und dem Künast-Antrag zunächst wohlwollend gegenübergestanden war, sagte dem SPIEGEL: "Wichtig ist mir, dass ein gemeinsam abgestimmter Antrag Aussicht auf Erfolg hat." Deshalb werde die CDU-CSU-Fraktion zusammen mit der SPD einen eigenen Antrag stellen. Dieser befinde sich "in der Endabstimmung".

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