Kommissionsbericht von Regierung und Bundestag Erste Entschädigungen für Opfer der »Colonia Dignidad« ausgezahlt

Jahrelang stritt die Politik über den richtigen Umgang mit den Opfern der deutschen Sektensiedlung »Colonia Dignidad«. Eine Kommission meldet jetzt Erfolge – und will ihre Arbeit auch nach der Bundestagswahl fortsetzen.
Eingang zur »Colonia Dignidad« (Archivfoto): Ort des Grauens

Eingang zur »Colonia Dignidad« (Archivfoto): Ort des Grauens

Foto: Ceibo Producciones/ dpa

Fast drei Jahre lang tagte eine gemeinsame Kommission von Bundestag und Bundesregierung, um die Verbrechen der deutschen Sektensiedlung »Colonia Dignidad« in Chile aufzuarbeiten und die Opfer zu entschädigen. Eine gute Woche vor der Bundestagswahl legte sie jetzt ihren vorläufigen Abschlussbericht vor. Der Tenor: Es wurde viel erreicht, aber die Arbeit muss auch unter einer neuen Bundesregierung weitergehen. »Die Gemeinsame Kommission wird die Umsetzung des Hilfskonzepts über die 19. Legislaturperiode hinaus begleiten«, heißt es in dem Bericht.

Der größte Streitpunkt im bisherigen Umgang mit den Opfern der Sekte war die Frage, ob ihnen eine staatliche Entschädigung zusteht. Zunächst hatte sich das Auswärtige Amt dagegen ausgesprochen. Es hatte befürchtet, mit Zahlungszusagen einen Präzedenzfall für Opferentschädigungen zu schaffen. Nach langen Diskussionen hatte der Bundestag im Herbst 2018 dann aber beschlossen, eine Million Euro für einen Hilfsfonds bereitzustellen. Jeweils bis zu 10.000 Euro sollten diejenigen bekommen, die bis heute unter den Folgen von Demütigung, sexuellem Missbrauch oder Folter leiden.

In 140 Fällen Geld bereits ausgezahlt

In ihrem Bilanzbericht vermeldet die Kommission jetzt erste Erfolge. Nach 207 Interviews mit Betroffenen seien 180 Bescheide ausgestellt worden, in knapp 140 Fällen wurde bereits Geld ausgezahlt. »Ich bin froh, dass wir am Ende dieser Legislaturperiode immerhin einen solchen Bilanzbericht als Zwischenbericht an den Bundestag erstatten können. Der Weg dahin war mehr als mühevoll und voller Widerstände«, sagte die Grünen-Bundestagsabgeordnete und Kommissionsmitglied Renate Künast dem SPIEGEL. Sie mahnte zugleich: »Unsere Pflicht ist es zumindest, ein wenig Anerkennung auszusprechen und zu erinnern. Damit sind wir noch lange nicht fertig.«

Die Colonia Dignidad war ein Ort des Grauens: Kinder und Jugendliche deutscher wie chilenischer Herkunft wurden sexuell missbraucht, Bewohner mit Elektroschocks gepeinigt und zu Zwangsarbeit verpflichtet, Gegner des chilenischen Diktators Augusto Pinochet zu Hunderten gefoltert und zu Dutzenden getötet. Die damals minderjährigen Opfer leben heute meist verarmt und größtenteils traumatisiert in Chile oder auch in Deutschland, wohin immer mehr der ehemaligen Bewohner mittlerweile zurückgekehrt sind.

Sektenführer Paul Schäfer (Archivfoto): Verbrechen lange ungesühnt.

Sektenführer Paul Schäfer (Archivfoto): Verbrechen lange ungesühnt.

Foto: epa efe/ dpa

Jahrzehntelang blieben die Verbrechen in der Kolonie, die Sektenführer Paul Schäfer 1961 gegründet und bis zu seiner Flucht 1997 angeführt hatte, weitgehend unentdeckt. Auch deshalb, weil Führungsmitglieder der Sekte enge Kontakte zu deutschen Politikern und Diplomaten hielten und deutsche Ämter und die Botschaft in Santiago de Chile nicht so genau hinsahen.

Erst 2016 bekannte sich der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in einer Rede zu der Verantwortung seines Ministeriums. »Nein, der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Auswärtigen Amtes«, sagte der SPD-Politiker bei einer Veranstaltung im April 2016 vor 400 Gästen, unter denen auch viele ehemalige Bewohner der Sektensiedlung waren. Steinmeier kündigte Aufklärung an und gab kurz darauf bislang gesperrte Akten zur Colonia Dignidad frei.

Gedenkstätte geplant

Monate später einigten sich Union, SPD und Grüne nach langen Verhandlungen auf den gemeinsamen Antrag: Sie riefen darin die Bundesregierung auf, Maßnahmen zu ergreifen, um die strafrechtlichen Ermittlungen in Deutschland und in Chile voranzutreiben. Vor allem aber sollte den früheren Bewohnern und den Opfern von Schäfers brutalem Treiben geholfen werden: mit psychosozialen Betreuungsangeboten etwa, aber auch mit konkreten Hilfsleistungen über einen Hilfsfonds.

Die Kommission sollte auch die Idee einer Gedenkstätte und eines Dokumentationszentrums in Chile weiterverfolgen. Bereits 2017 hatten die Bundesregierung und die Regierung der Republik Chile eine bilaterale Absprache zur Einsetzung einer »Chilenisch-Deutschen Gemischten Kommission zur Aufarbeitung der Colonia Dignidad und Integration der Opfer in die Gesellschaft« beschlossen. Mittlerweile gibt es ein erstes Konzept, doch die Umsetzung findet nur langsam statt.

»Es muss einen Ort des Gedenkens und der Erinnerung geben«, sagt Kommissionsmitglied Künast. »Ich bin froh, dass offenbar auch die chilenische Regierung inzwischen anerkannt hat, dass es hier nicht nur um ein Archiv geht, sondern einen öffentlichen Ort des Lernens und des Gedenkens.«

Auch in anderen Bereichen gebe es noch Handlungsbedarf, sagt Künast. »Zum Beispiel gibt es noch kein fertiges Pflegekonzept für die Opfer im Alter, die außerhalb der alten Anlage wohnen«, sagt die Grünen-Politikerin. »Die Kommission muss in der nächsten Wahlperiode fortgeführt werden.«

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