Multikulti Hineinschubsen erlaubt

Der Albtraum der besorgten Bürger: Im Berliner Columbiabad ist die multikulturelle Zukunft Deutschlands bereits Gegenwart.

Rainer Jensen/ DPA

Eine Kolumne von


Man braucht natürlich eine gewisse Toleranz. Ganz klare Regel: Ballspielen auf der Liegewiese ist verboten, so steht es schon am Eingang und zur Sicherheit noch mal auf einem Schild auf der Wiese, das allerdings, wie ich wohl übersehen habe, heute offenbar den linken Torpfosten markiert. Der rechte ist ein Mülleimer, zwei weitere bilden das zweite Tor, und mitten auf dem Spielfeld liege ich, alle viere von mir gestreckt, den Sonnenhut auf dem Gesicht und auf den Ohren Musik: "Here comes the sun".

Dass die Partie in vollem Gange ist, bemerke ich erst, als mich der Ball am Kopf erwischt, nicht schlimm, aber doch überraschend. In ungewöhnlicher Eintracht freuen sich beide Mannschaften über den Treffer. Was tun? Sich aufregen? Auf die Badeordnung verweisen? Vielleicht keine ganz so gute Idee, sonst stehe ich schnell da wie der 53-Jährige am Wochenende im Düsseldorfer Rheinbad, der sich beschwert hatte und dann feststellen musste, dass 400 Leute nicht seiner Ansicht waren.

In Düsseldorf ist es friedlich ausgegangen, und auch bei mir bahnt sich eine schnelle Lösung an: Da kommt bereits der Sicherheitsdienst in Gestalt zweier Muskelmänner. Routiniert klären sie die Situation: "Alter, du liegst mitten auf dem Spielfeld." Was nicht ganz korrekt ist, eher liege ich halb links kurz vor dem Strafraum.

Lächerlich wenige Straftaten

Ja und? Jetzt erst recht, man braucht nur eine gewisse Toleranz, Schmerztoleranz nämlich, dann ist das alles kein Problem. Da kommt der Ball noch mal, und noch mal, aber ich bleibe hier liegen, wo kommen wir denn hin, demonstrativ öffne ich den mitgebrachten Roman, muss aber zugeben: Die Konzentration fällt etwas schwer. Auch weil die Durchsagen jetzt im Minutentakt kommen: Das Hineinspringen von den Längsseiten sei verboten. Das Hineinschubsen ebenso. Das Baden in Straßenkleidung sei untersagt. Man solle doch bitte denjenigen Platz machen, die tatsächlich schwimmen wollen. Das Kinderbecken sei für Kinder, Leute! Und noch mal: das Hineinspringen von den Seiten. Es hat keinen Sinn, niemand hält sich daran.


Im Video: Columbiabad in Neukölln - Ein Kiez sucht Abkühlung (2009)

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Das Berliner Columbiabad ist der Albtraum besorgter Bürger. 130 Straftaten wurden unter seiner Postadresse im vergangenen Jahr angezeigt, oft, weil etwas geklaut wurde, aber auch 14-mal Körperverletzungen - allerdings können das auch Vorfälle sein, die sich gar nicht innerhalb des Bades abgespielt haben. Die 16 Anzeigen, die dieses Jahr bereits eingegangen sind, beziehen sich alle auf den Zeitraum vor dem 16. Mai, da war das Bad noch gar nicht geöffnet. So oder so erscheint die Zahl der Anzeigen lächerlich wenig, wenn man die Menschenmasse sieht, die sich an einem heißen Tag wie diesem hier aufhält. Es müssen Tausende sein.

Das Columbia gilt als wildeste Badeanstalt der Hauptstadt und damit wohl ganz Deutschlands, immer wieder ist in der Presse von Massenschlägereien zu lesen. Sogar das "SZ-Magazin" aus dem fernen München war schon da und hat der Brennpunkt-Wasserstelle eine mehrseitige Reportage gewidmet.

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Tatsächlich ist es ein wunderbarer Ort. Klar, man braucht eine gewisse Toleranz. Das Geschrei darf einen nicht stören, die viel zu laute Musik aus den mitgebrachten Bluetooth-Boxen auch nicht. Man muss bereit sein, an einem heißen Tag eine Stunde oder länger anzustehen, oder vorausschauend genug, sich schon im April eine verbilligte 20er-Karte geholt zu haben, um dann an der maulenden Masse vorbeizuspazieren. Und dann ist man drin und kann erleben, wie das gehen kann: ein multikulturelles Deutschland.

Niemand stört sich am anderen

Denn jenseits der Sensationsmeldungen über gelegentliche Rangeleien oder zuletzt Glasscherben im Kinderbecken (das Bad wurde sogleich geschlossen) ist das Columbia ein Musterbeispiel des friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlichster Herkünfte und Kulturen.

Hier, am Rand des Tempelhofer Feldes, lagern arabische Großfamilien neben amerikanischen Touristen neben Neuköllner Kleinbürgern neben zugereisten Schwaben neben türkisch-deutschen Halbstarken. Spanische Touristinnen sonnen sich oben ohne, daneben sitzen züchtige Burkini-Trägerinnen im Schatten. Es gibt bärtige Hipster und bärtige Muslime, schmächtige Bleiche und schwer Übergewichtige mit weit überhängender Wampe, Menschen jeder Gestalt und Ästhetik.

Niemand stört sich am anderen. Der Konsum von Marihuana scheint, wenn schon nicht legalisiert, so doch allgemein toleriert zu sein, und wer mag, holt sich ein Bier und Pommes. Jeden kann man fragen, ob er kurz auf die Tasche mit dem Geld und dem Handy aufpassen könnte, während man im Wasser ist, jeder sagt Ja. Am besten fragt man die, von denen man ahnt, dass sie den Geldbeutel leeren könnten, so packt man sie bei der Ehre.

Anderswo in Deutschland geht man schwimmen, um die vorgenommene Anzahl von Bahnen abzuarbeiten, kraulend auf Ego-Trip und bereit, jeden anzuraunzen, der sich nicht an die vorschriftsmäßige Schwimmrichtung hält. Im Columbiabad gibt es keine Schwimmrichtung, hier kann niemand nur auf sich selbst achten, sondern muss immer die anderen mitdenken, die einem nämlich sonst vom Rand ins Genick springen könnten oder plötzlich von unten in die Weichteile tauchen.

Man braucht eben eine gewisse Toleranz. Die Jungs haben gemerkt, dass ich mich nicht vertreiben lasse, leicht irritiert haben sie zur Kenntnis genommen, dass ich mich aber offenbar auch nicht über sie beschweren möchte, das scheint ihnen Respekt abzunötigen: Sie umspielen mich und kommen nur noch über den rechten Flügel aufs Tor. Dann ist das geklärt. Ich stehe auf und räume den Platz. Sollen sie spielen. Ich muss ins Wasser.

Anmerkung der Redaktion: In dieser Version des Textes wurde die Passage mit den angezeigten Straftaten präzisiert, weil es sich dabei nicht notwendig um Vorfälle handelt, die im Bad stattgefunden haben. Die Statistik erfasst nur die Postadresse, es kann sich also auch um Delikte handeln, die auf dem Gehweg, dem Radweg oder der Straße vor dem Bad begangen wurden.

insgesamt 231 Beiträge
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ratingia1275 01.07.2019
1.
Leeve und leeve lasse! Der kölsche Spruch ist uralt und Urwahr....
eigenform 01.07.2019
2. selektive Wahrnehmung eines Multi-Kulti-Fans
https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/rheinbad-duesseldorf-polizei-einsatz-badegast-und-400-jugendliche-geraten-aneinander_aid-39763919
varesino 01.07.2019
3. Erster Großstadt-Freibadbesuch eines SPON-Redakteurs?
Überraschend, mutig, .. Scheinbar hat sich Herr Kuzmany zum erstenmal in seinem Leben, an einem heissen Tag ins ein Großstadt-Freibad gewagt. Es ist voll, die Authorität des Schwimmmeisters versagt und er herrscht fröhliche Anarchie. Der Rest ist so SPON-mäßig dazu geschwubelt.
dalethewhale 01.07.2019
4. und das findet der Autor
gelungene Integration? Respektlosigkeit gegenüber der Ordnung ist keine Integration.
Das Pferd 01.07.2019
5.
sorry, kein Bock auf Glücksspiel, ob ich gesund nach hause kommen.
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