Copy-and-Paste-Affäre Spitzenforscher stellen Guttenberg an den Pranger

Wut, Empörung, Fassungslosigkeit: In der Plagiatsaffäre um Verteidigungsminister Guttenberg melden sich immer mehr Wissenschaftler zu Wort - und rügen das Verhalten des CSU-Politikers. Für die akademische Welt sei er erledigt, sagt ein Spitzenforscher im SPIEGEL.
Verteidigungsminister Guttenberg: Wird mit zweierlei Maß gemessen?

Verteidigungsminister Guttenberg: Wird mit zweierlei Maß gemessen?

Foto: THOMAS PETER/ REUTERS

Hamburg - Der Ärger unter Wissenschaftlern wächst: Ernst-Ludwig Winnacker, Spitzenrepräsentant der deutschen Forschung und früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), warnt davor, die Plagiatsaffäre um die Dissertation von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zu verharmlosen. Man dürfe nicht mit zweierlei Maß messen, sagte Winnacker dem SPIEGEL.

Guttenberg

Eine Verkäuferin, die einen Bienenstich-Kuchen mitgehen lassen, werde entlassen, im Fall aber werde mit der individuellen Leistung und Ausstrahlung abgewogen. "Ich bin überrascht, dass eine solche Abwägung bei einer Kardinaltugend wie der Ehrlichkeit in einem so eindeutigen Fall stattfindet", sagte Winnacker. "Das ist für mich nicht verständlich."

In der Wissenschaft ist Guttenbergs Schicksal Winnacker zufolge besiegelt: "Wir Forscher können niemanden einsperren, das kann nur ein Richter", sagte er, "aber die Strafe der Wissenschaft ist, dass man für immer am Pranger steht." Die Konsequenzen in der akademischen Welt wären eindeutig: "Leute, die so etwas machen, sind in der Wissenschaft erledigt."

Zu Rücktrittsforderungen wolle er sich nicht äußern, sagte Winnacker, aber der Minister solle persönlich überlegen, "ob er sich noch vor seine Soldaten oder vor die Studenten der Bundeswehrhochschulen stellen und von Tugenden sprechen kann". Der Biochemiker und Genforscher Winnacker war von 1998 bis Ende 2006 DFG-Präsident, dann leitete er den Europäischen Forschungsrat ERC. Seit 2009 ist er Generalsekretär der International Human Frontier Science Organization.

"Wir sind einem Betrüger aufgesessen"

Auch der Nachfolger des Doktorvaters von Guttenberg übt scharfe Kritik: "Der Minister leidet unter Realitätsverlust", sagte der Bayreuther Staatsrechtsprofessor Oliver Lepsius der "Süddeutschen Zeitung". "Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat." Der Verteidigungsminister habe "planmäßig und systematisch" wissenschaftliche Quellen zum Plagiat zusammengetragen und behaupte nicht zu wissen, was er tue. "Hier liegt die politische Dimension des Skandals." Lepsius ist Nachfolger von Guttenbergs inzwischen emeritiertem Doktorvater Peter Häberle.

Seit Tagen mehren sich die kritischen Stimmen aus der Wissenschaft an Guttenbergs Verhalten. Die Universität Bayreuth hatte ihm am Mittwoch seinen Doktortitel aberkannt. Auf bis zu 270 Seiten sollen fremde Quellen nicht als solche oder nur unzureichend gekennzeichnet worden sein. Das bislang makellose Image des Verteidigungsministers leidet zusehends unter der Affäre. Der 39-Jährige bleibt im jüngsten ZDF-"Politbarometer" zwar beliebtester Politiker in Deutschland. Nachdem er seinen Doktortitel verloren hat, führt er aber nur noch mit hauchdünnem Vorsprung vor Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Entsetzen über Verharmlosung

Der Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Jörg Hacker, wirft Guttenberg vor, ein schlechtes Vorbild zu sein. "Unredliches Vorgehen bei der Abfassung wissenschaftlicher Arbeiten stellt eine Handlung dar, die den Respekt vor der Wissenschaft und ihren elementaren Prinzipien vermissen lässt", sagte der Biologe.

Der Deutsche Hochschulverband zeigt sich entsetzt über die verharmlosenden Kommentare vieler Spitzenpolitiker zur Doktorarbeit des Verteidigungsministers. "Die Marginalisierung schwersten wissenschaftlichen Fehlverhaltens durch höchste Repräsentanten unseres Staates ist empörend", erklärte Verbandspräsident Bernhard Kempen am Freitag. Dies sei respektlos. "Wissenschaft ist kein Sandkasten, sondern ein elementar wichtiger Teil unserer Gesellschaft."

Top-Juristen sehen Beweise für Vorsatz

Guttenberg hat sich bisher gegen den Vorwurf des Vorsatzes verwahrt und lediglich "gravierende handwerkliche Fehler" eingeräumt. Er betont stets, nicht wissentlich getäuscht zu haben, sondern bei der Vielzahl der Quellen etwas den Überblick verloren zu haben.

Mehrere namhafte Juristen sehen die Beweise allerdings als erdrückend an, dass der Verteidigungsminister mit Vorsatz gehandelt hat. "Ich würde einem Kandidaten nicht glauben, der in so einem Fall behauptet, dass es bloße Fahrlässigkeit war", sagte der Kölner Strafrechtsprofessor Thomas Weigend dem SPIEGEL.

Der auf Streitereien um Examensarbeiten spezialisierte Rechtsanwalt Michael Hofferbert urteilte: "Kein Richter wird einem Kandidaten glauben, der über hundert Seiten seiner Doktorarbeit abschreibt und hinterher behauptet, er habe dies versehentlich getan." Der frühere Verfassungsrichter Winfried Hassemer sagte: Selbst wenn der faktische Beweis nicht vorliege, seien "Juristen gut darin geübt, den Vorsatz aus den äußeren Umständen einer Tat zu schließen".

Selbst Vertraute melden indes vorsichtige Zweifel an dieser Erklärung an. Der frühere Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) sagte im Interview mit SPIEGEL ONLINE: "Diese Erklärung ist für mich schwer nachvollziehbar." Und schon gibt es einen neuen Verdachtsfall: Auch in einem 2004 veröffentlichten Aufsatz zur Beziehung zwischen der Türkei und der EU soll Guttenberg Fremdpassagen übernommen haben, ohne die Urheber zu nennen. Sein Büro weist die Vorwürfe zurück.

cte/dpa
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