Umgang mit Corona-Geimpften Die Angst vor dem Neid

Die Bundesregierung fürchtet eine Neiddebatte und will über Freiheiten für Geimpfte gemeinsam mit den Ländern entscheiden. Doch die machen lieber ihre eigenen Regeln.
Eine Analyse von Milena Hassenkamp
Besucher im Impfzentrum Tübingen

Besucher im Impfzentrum Tübingen

Foto: Marijan Murat / dpa

Immerhin, sie können noch miteinander reden – so lautete das dürftige Fazit des Corona-Impfgipfels der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten mit der Bundeskanzlerin Anfang der Woche. Beschlüsse gab es keine, dafür aber viel Hoffnung, wie die Teilnehmer anschließend betonten.

Kanzlerin Angela Merkel versprach, die Impfpriorisierungen ab Juni aufzuheben. Gesundheitsminister Jens Spahn stellte in Aussicht, eine gemeinsame Verordnung zu Lockerungen für Geimpfte könnte Ende Mai verabschiedet werden. Was darin stehen wird, ist noch nicht klar. Nächste Woche soll ein Entwurf vorliegen.

Der Grund für den langen Vorlauf dürfte vor allem einer sein: die Angst vor dem Neid. Der Neid auf diejenige, die bereits einen Impftermin bekommen hat, und auf denjenigen, der nach der zweiten Impfung ohne Test wieder mehr darf als Personen, die noch keine Spritze bekommen haben.

Nach einem Jahr Pandemie, in dem immer wieder an die Solidarität der Gesellschaft appelliert wurde, wirkt dieser Ansatz wie eine Kapitulation: Die Menschen, davon geht die Politik offenbar aus, denken eben doch zuallererst an sich selbst. Man erwartet gar nicht mehr von ihnen, dass sie sich für andere freuen können.

Für wen es schon bald Lockerungen geben könnte

Laut dem Eckpunktepapier der Bundesregierung könnten drei Gruppen mehr Freiheiten bekommen. Das Papier ist jedoch noch nicht beschlossen:

Geimpfte: Als geimpft gelten alle, die seit mindestens 14 Tagen einen vollständigen Impfschutz mit einer Vakzine haben, die in der EU zugelassen ist. Im Fall von Biontech, Moderna und AstraZeneca sind dafür zwei Dosen nötig, beim Impfstoff von Johnson & Johnson nur eine. Der Impfschutz muss nachgewiesen werden, geplant ist eine Art digitaler Ausweis, das sogenannte Digital Green Certificate.

Genesene: In diese Kategorie gehören alle, die ein positives PCR-Testergebnis auf das Coronavirus Sars-CoV-2 vorlegen können, das mindestens 28 Tage alt sein muss. Die Genesung darf höchstens sechs Monate zurückliegen, weil nur solange von einem ausreichenden Impfschutz ausgegangen werden kann. Der Nachweis von spezifischen Antikörpern gegen Sars-CoV-2 reicht nicht. Sobald ein Genesener eine Impfung bekommen hat, gilt derjenige als geimpft.

Getestete: Für den Nachweis wird ein aktueller negativer PCR-Test akzeptiert sowie ein negativer Schnelltest. Die Schnelltests müssen jedoch vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) überprüft worden sein. Eine Liste finden Sie hier . Zudem muss geschultes Personal den Schnelltests gemacht oder zumindest die Durchführung überwacht haben.

Jeder macht das, was er für richtig hält

Was bei dem Treffen zu Wochenbeginn besprochen wurde, ist wenige Tage später für einige Länderchefs ohnehin nicht mehr relevant. Es ist wie bei den zurückliegenden Ministerpräsidentenkonferenzen: Jede und jeder macht das, was sie oder er für sein Land für richtig hält – und löst damit vermutlich bei vielen Menschen genau die neidischen Reaktionen aus, die die Bundesregierung verhindern will.

So kündigt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder an, dass die Impfpriorisierung in dem Bundesland bereits Mitte Mai falle. Den Impfstoff von AstraZeneca haben einige Bundesländer, neben Bayern unter anderem Berlin, bereits für alle Altersgruppen freigegeben. Andere werfen ihnen deshalb Populismus vor, etwa jüngst ein Sprecher des Innenministeriums in Brandenburg. Es sei noch nicht genügend Impfstoff da, um ihn an alle zu geben.

Laschet will gemeinsames Vorgehen

Für die Bürgerinnen und Bürger dürfte sich die Debatte schräg anfühlen: Wer in Berlin wohnt, hat die Chance auf einen Impftermin in den nächsten Tagen. Wenige Kilometer weiter in Brandenburg muss man warten.

Da hilft es auch nichts, dass Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, CDU-Chef und Kanzlerkandidat der Union, sich für ein gemeinsames Vorgehen von Bund und Ländern ausspricht und Geimpfte in seinem Bundesland nicht anders behandeln will als alle anderen. Er steht mit seiner Position – mal wieder – ziemlich allein da.

Und – mal wieder – gefällt sich der Kollege der Schwesterpartei in der Vorreiterrolle. So verkündete Söder am Dienstag nach einer Sitzung des Kabinetts, dass doppelt Geimpfte ab heute in Bayern keine Tests mehr vorlegen müssen. Was Söder vollmundig ankündigt, ist in anderen Ländern zwar bereits beschlossene Sache. Doch forsche Ankündigungen nach ergebnislosen Bund-Länder-Runden haben sich für den CSU-Chef, der gern sein Macher-Image pflegt, bewährt.

Nachdem das Robert Koch-Institut (RKI) Anfang April in einem Bericht an das Bundesgesundheitsministerium erklärte, dass »Geimpfte bei der Epidemiologie der Erkrankung wahrscheinlich keine wesentliche Rolle mehr spielen«, hatte Rheinland-Pfalz bereits kurz darauf eine entsprechende Verordnung erlassen. Wer vollständig geimpft ist, wird demnach zwei Wochen nach der zweiten Dosis mit einem negativ Getesteten gleichgestellt. Kurz darauf passte auch Berlin seine Verordnung an. Und Hessen. Und Niedersachsen. Weitere Bundesländer denken darüber nach.

Das Gerangel um eine Gleichsetzung von Geimpften und Getesteten mutet derzeit schon allein deshalb merkwürdig an, weil es dabei gerade nicht darum geht, dass die geimpften Großeltern jetzt wieder Goldene Hochzeit mit hundert Gästen feiern oder sich in Restaurants tummeln dürfen. Wann diese Debatte kommen wird, ist noch nicht abzusehen. (Mehr über die Frage, ob man Genesene und Geimpfte gleich behandeln sollte, lesen Sie hier .)

Aktuell geht es in den Ländern um Fragen wie die, Geimpfte in gewissen Situationen von der Testpflicht zu befreien – etwa, wenn sie zum Friseur gehen. Dort sollen sie keinen Test mehr vorlegen müssen, sondern einen Impfnachweis.

Aber auch Geimpfte müssen weiterhin Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln tragen. Auch sie dürfen zwischen 22 und 5 Uhr ohne triftigen Grund nicht aus dem Haus. Es ist schwer nachzuvollziehen, weshalb das ein Grund sein sollte, neidisch zu werden. Vielmehr zeigt es: Wenn der Bund mit den Ländern Schritt halten will, muss er schneller sein.

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