Corona-Ausgangssperre in Mannheim Stille Nacht

Mannheim ist eine Stadt, deren Söhne und Töchter es sich gern gut gehen lassen. Normalerweise. Seit gestern aber dürfen die Menschen nachts nur noch in Ausnahmefällen auf die Straße. Wie fühlt sich das an?
Aus Mannheim berichtet Christoph Ruf
Der Wasserturm in der Mannheimer Innenstadt

Der Wasserturm in der Mannheimer Innenstadt

Foto: Uwe Anspach / dpa

Das hier könnte die Szenerie aus einem Sherlock-Film sein. Drei Grad Celsius, nebliges Licht unter schummrigen Straßenlaternen. 200 Meter Kopfsteinpflaster, auf denen kein Mensch zu sehen ist. Doch das hier ist nicht das Londoner East End. Und es ist auch nicht vier Uhr morgens. Sondern 21 Uhr 15. Das hier ist Downtown Mannheim, eine Viertelstunde, nachdem in Mannheim die erste Ausgangssperre der Republik begonnen hat. Sie soll erst mal bis zum 13. Dezember gelten.

Hier, wenige Hundert Meter vom Marktplatz entfernt, tobt normalerweise das Leben. »Normal«, das heißt natürlich nicht erst seit gestern: vor Corona. Doch selbst 24 Stunden zuvor, am Donnerstag, war hier zur gleichen Zeit ordentlich was los. In einer Straße, in der in bester Citylage Imbiss an Imbiss und Kiosk an Kiosk gereiht ist, herrschte auf den Gehwegen abends selbst dann ein ziemliches Gedränge, wenn Kneipen und Restaurants geschlossen sind. Zu essen und zu trinken gab es genug. In der zweitgrößten Stadt Baden-Württembergs, deren Innenstadt skurrilerweise in Quadrate eingeteilt ist, traf man sich halt auf der Straße.

In G2 bis G7 war das zunächst selbst am Freitag so. Doch sowohl hier, wo die Autos beim Cruisen vorbei röhren, als auch in den gediegeneren Wohnvierteln am Stadtrand herrscht eine Ruhe, als wäre man nicht in Mannheim. Sondern in einem Dorf im nahen Odenwald.

Der einzige Klang ist der der eigenen Schritte

Ab 20 Uhr leeren sich die Straßen zunehmend, um Punkt 21 Uhr sind alle Läden und Imbisse geschlossen. In den Straßenbahnen ist ab 22 Uhr kaum noch ein Fahrgast anzutreffen.

Kurz nach 21 Uhr ist auf Höhe des Odeon-Programmkinos ("Mannheim bleibt stark") der einzige Klang der der eigenen Schritte. Er wird von Hofeinfahrten ungebremst zurückgeworfen. Die fünf jungen Männer, die gerade noch vor »Selman Döner« standen, sind auch weg. Drinnen ist das Licht erloschen. Auch die zwei bärtigen Mittzwanziger, die sich vorm Kiosk noch eine Kiste bayerisches Helles besorgt haben, sind längst verschwunden. Zusammen mit einem weiteren Kumpel seien sie »zu Hause« verabredet, hatten sie gerade noch gesagt. Es gäbe ja auch gerade nicht so richtig viele Alternativen.

»Come as you are«, steht derweil in geschwungenen hellrosa Neon-Lettern bei »Maria Jungbusch – Gin, wine, whiskey«. Die Bar hatte auch am Vortag schon geschlossen. Jetzt gehen nicht einmal Passanten vorbei, die so sind, wie sie sind.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

1700 aktive Fälle zählte Mannheim am Freitagabend, die 7-Tage-Inzidenz lag bei 224. Andere Städte wie das fränkische Nürnberg hatten in den vergangenen Tagen bereits »Ausgangsbeschränkungen« erlassen. Mannheim ist nun die erste Großstadt, die die strengere »Ausgangssperre« anwendet, wie sie Baden-Württemberg für alle Gebiete mit mehr als 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche beschlossen hat. Neben Mannheim, Pforzheim und Heilbronn lagen auch drei ländliche Kreise über diesem Wert. Für 1,1 Millionen Menschen gelten nun noch einmal verschärfte Alltagsregeln. In Mannheim muss seit Freitag nun also jeder um 21 Uhr zu Hause sein, der nicht plausibel machen kann, dass er entweder berufsbedingt noch draußen ist, dass er einen Notfall versorgen muss, oder dass er mit seinem Hund Gassi gehen muss. Die Polizei hatte schon am Donnerstag »mobile und stationäre Kontrollen«, Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) eine massive Aufstockung des städtischen Ordnungspersonals angekündigt. Bis zu 100 Euro Strafe können die für ein Vergehen verhängen.

Tatsächlich stehen am Freitagabend vorm Bahnhof ein paar Polizisten und Security-Leute. Bei größeren Menschenansammlungen, hieß es im Vorfeld, würde man einschreiten. Bußgelder um die 100 Euro seien dann fällig. Tatsächlich fahren immer wieder Polizeiautos Streife durch G, H und Jungbusch. Sie wirken dabei allerdings völlig gelassen. Wenn ihnen hin und wieder doch mal jemand entgegenkommt, der um 23 Uhr noch auf der Straße ist, fahren sie vorbei oder wechseln freundlich ein paar Worte. Es gibt hier keine rebellierenden Querdenker, es gibt nicht einmal Menschen, die sich Nachbars Hündchen ausleihen, um trotz Ausgangssperre durch die Straßen ziehen zu können. Das kann einen durchaus überraschen.

Eine Ausgangssperre ist ein schwerer Eingriff in die Grundrechte, er kommt einem Hausarrest für erwachsene Menschen gleich, die sich nicht vorschreiben lassen müssen, wo sie sich zwischen 21 Uhr abends und 5 Uhr morgens aufzuhalten haben. Es sei denn, man lebt in einer Stadt, die 1700 aktive Corona-Fälle zählt und seit Wochen darauf hofft, dass die Infektionszahlen endlich sinken mögen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wären in einer solchen Notlage Menschen mit Megafonen durch die Straßen gelaufen, um die Warnungen zu verkünden. Die Zeitungen hätten Sonderausgaben gedruckt. Wenn heute die Menschen in den Straßenabschnitten G und H gefragt werden, woher sie wissen, dass der 4. Dezember, 21 Uhr, eine Zäsur markieren würde, deuten sie auf ihr Handy. Dass für Mannheim eine Ausgangssperre gilt, weiß jedenfalls tatsächlich jeder hier. Menschen, die in Polizeikontrollen geraten, weil sie die Nachrichtenlage nicht auf dem Schirm haben, gibt es jedenfalls heuer selten.

»Muss halt sein«. Diesen Satz sagte am Freitag ein Imbissbetreiber, als er auf die Ausgangssperre angesprochen wurde. Kurz zuvor hatte er einem SUV-Fahrer einen Kebab durchs offene Seitenfenster gereicht. Den 5-Euro-Schein wollte er nicht annehmen. »Stammkunde«, sagt er. »Der kommt wieder.«