Anna Clauß

Corona-Beschlüsse Dauershutdown mit Dauerwelle

Anna Clauß
Ein Kommentar von Anna Clauß
Offene Friseursalons sind ein Grund zur Freude. Vor allem aber sind sie der endgültige Beweis für die Machtlosigkeit der deutschen Politik in der Virenpandemie.
Friseursalon in Greifswald (Archivbild)

Friseursalon in Greifswald (Archivbild)

Foto: Jens Büttner / dpa

Vorerst keine Lockerung, lieber keine Verschärfung. Dafür: schöne Haare für alle. Angela Merkel und die Ministerpräsidenten scheinen sich im Kampf gegen das Coronavirus ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie auf eine klare Strategie geeinigt zu haben: Sie geben auf.

So schön und begrüßenswert es ist, dass graue Haaransätze künftig wieder blond, orangerot oder dunkelbraun leuchten werden und Friseure in Deutschland ab dem 1. März nicht mehr schwarz arbeiten müssen. So beklagenswert ist die Tatsache, dass sich die Mitglieder der Ministerpräsidentenkonferenz zu keinen anderen klaren Ansagen durchringen konnten. Offenbar verfolgen die obersten Pandemiebekämpfer des Landes kein No-Covid-Ziel, wie es unter anderem von der Virologin Melanie Brinkmann gefordert wird. Dazu hätte der Shutdown verschärft werden müssen.

Gelockert aber wird auch nicht. Am 3. März will die Ministerpräsidentenkonferenz erneut zusammenkommen und beraten. Wenn bis dahin die deutschlandweite Sieben-Tage-Inzidenz unter 35 pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner gesunken ist, seien offene Läden, Museen oder Hotels denkbar, heißt es in der Beschlussvorlage. Nach neun Stunden Konferenzmarathon konnten sich die Bundesländer mit der Bundeskanzlerin nur auf eine einzige konkrete und bundesweit geltende Maßnahme einigen: Am 1. März dürfen Friseure in Deutschland wieder öffnen.

Als nach dem ersten Corona-Shutdown im Frühjahr 2020 Möbelgeschäfte und Bundesligastadien den Betrieb wieder aufnehmen durften, Schulen aber geschlossen blieben, war die Empörung in weiten Teilen der Bevölkerung groß. Die Politik scheint daraus gelernt zu haben, dass es schlau ist, in der Not nicht auf dem Berufsverband mit dem stärksten Lobbyverband im Rücken zu hören, sondern auf die Stimme des Volkes. Klar rufen da viele nach einem kurzen Prozess für den Wischmopp auf dem Kopf. Für viele Friseure geht es nach acht Wochen Berufsverbot außerdem um die nackte Existenz.

Aber nicht nur Friseure kämpfen ums Überleben. Mit welchem Argument will die Politik dem Nagelstudio, dem süßen Spielzeuglädchen oder dem exquisiten Brautmodengeschäft neben dem offenen Friseursalon künftig das Geschäft verbieten? Wer sich mit FFP2-Maske gefahrlos die Haare kürzen lässt, müsste im kleinen Laden ein paar Meter weiter auch in einer Umkleidekabine verschwinden können, ohne das Infektionsrisiko für sich und andere signifikant in die Höhe zu treiben. Wenn es bis Anfang März keine dritte Welle gibt, werden wir eine Klagewelle von Einzelhändlern und sonstigen innerstädtischen Dienstleistern erleben, die mit Friseuren gleichgestellt werden wollen. Vermutlich zu Recht.

Die Ministerpräsidentenkonferenz hat mit ihrem heutigen Beschluss nicht nur die Friseurstudios geöffnet, sondern letztlich die Büchse der Pandora. Falls Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten gehofft haben sollten, die Bürger mit der Blendgranate »Öffnung der Friseursalons« derart in Euphorie zu versetzen, dass sie die Stilllegung des restlichen öffentlichen Lebens weiter klaglos in Kauf nehmen, könnten sie sich getäuscht haben.

In Bayern geht es kommenden Sonntag jedenfalls munter weiter mit den Ausnahmeregelungen. Weil Valentinstag ist, dürfen Blumenläden einmalig öffnen. Tags drauf ist übrigens Tag des Regenwurms. Es wäre nur konsequent, würde Gartencentern in Deutschland aus diesem Anlass erlaubt, ihre Türen für Kundschaft zu öffnen.

Letztlich sind die offenen Friseursalons nicht nur eine Kapitulation vor dem Bedürfnis der Bevölkerung nach Öffnungen – aller gesundheitlichen Bedenken und Warnungen vor den mutierten Viren zum Trotz. Sie sind auch ein Ablenkungsmanöver von der erschreckenden Einfallslosigkeit der deutschen Politik. Nicht mal mehr Markus Söder gibt sich Mühe, das zu überspielen. In der Pressekonferenz nach der Ministerpräsidentenkonferenz nannte er das Ergebnis abwechselnd »Vorsicht mit Perspektive« und »Perspektive mit Vorsicht«. Der Besuch eines Friseursalons würde Menschen ein Stück »Würde« zurückgeben. Es klang so, als sollten die Bürger für den Entzug der Bewegungsfreiheit, Berufsfreiheit und Versammlungsfreiheit mit einer Art Grundrecht aufs Haareschneiden entschädigt werden.

Im Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz heißt es: »Vor dem Hintergrund der Bedeutung von Friseuren für die Körperhygiene« seien offene Friseursalons erforderlich, »da erhebliche Teile der Bevölkerung, insbesondere ältere Menschen, auf diese angewiesen sind«. Ältere Menschen sind derzeit wohl eher auf Impfungen gegen das Coronavirus angewiesen. Dass die Dauerwelle bald wieder sitzt, dürfte ein schwacher Trost für die mitunter sehr lange Wartezeit auf einen Impftermin sein.

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