Corona-Schutzmaßnahmen Deutschland blickt nicht mehr durch

Wie viele Fans dürfen ins Stadion, wo braucht man einen negativen Corona-Test fürs Hotel - und wo nicht? Bei Bürgern, Verbänden und Vereinen wächst der Frust wegen uneinheitlicher Corona-Schutzmaßnahmen.
Red-Bull-Arena Leipzig: Maskentragen im Stadion

Red-Bull-Arena Leipzig: Maskentragen im Stadion

Foto: Jan Woitas / dpa

Während die Infektionszahlen in Deutschland drastisch ansteigen, regt sich Kritik an den uneinheitlichen Corona-Beschränkungen der Bundesländer. Bürger aus Risikogebieten dürfen in manchen Bundesländern nur gegen Vorlage eines negativen Corona-Tests "beherbergt" werden - je nachdem, woher sie kommen und wohin sie wollen. Wollen zum Beispiel Reisende aus Köln an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern Urlaub machen, dann müssen sie erst mal in Quarantäne, in Hamburg dürfen sie dagegen übernachten.

Was gilt wo, wer darf wohin reisen, wie viele Fans dürfen wo ins Fußballstadion? Die Verwirrung ist groß, der Frust auch.

Derweil versucht Berlin, mit Sperrstunde und Alkoholverbot eine weitere massive Ausweitung des Coronavirus zu verhindern - das erste Mal seit mehr als 70 Jahren, dass dieses Restriktionsinstrument wieder zum Einsatz kommt.

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In Frankfurt am Main gelten seit dieser Woche ebenfalls strengere Corona-Schutzmaßnahmen. Die Stadt liegt mit über 55 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern im roten Bereich. Da ist es sicher richtig, eine öffentliche Maskenpflicht sowie Alkoholverbote, eine Sperrstunde in der Gastronomie, und maximal 25 Gäste bei privaten Feiern im öffentlichen Bereich zuzulassen.

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Doch werden auch hier merkwürdige Ausnahmen gemacht: Am Freitag eröffnete Frankfurts Oberbürgermeister im Stadtzentrum eine Kirmes "Herbst in der Stadt". Vier Wochen lang sollen sich hier Tausende Besucher zwischen den kleinen Ständen auf dem Rummelplatz tummeln.

Industrie-Dachverbände kritisieren die Politik

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kritisiert "unkoordinierte Regelungen" bei Beherbergungsverboten. Dies sorge aktuell für große Verunsicherung bei den Unternehmen, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Schließlich hätten gerade die Betriebe in der Tourismuswirtschaft sichere Hygienekonzepte ausgearbeitet, digitale Lösungen entwickelt und sich unter erschwerten Bedingungen weiter engagiert. In der "Bild"-Zeitung warnte Schweitzer: "Gerade auch im Gastgewerbe können weitere Ausfälle die Existenz von Unternehmen gefährden."

Die Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, Ingrid Hartges, sagte, Gäste wie Hoteliers hätten unzählige Fragen und wüssten nicht, was jetzt im Detail gelte. "Daher muss dringend mehr Einheitlichkeit her", forderte Hartges in der "Passauer Neuen Presse". So müsse zum Beispiel generell klar sein, dass Geschäftsreisende von den Beherbergungsverboten ausgenommen werden.

Kassenärzte-Chef findet Regelungen kontraproduktiv

Der Chef des Kassenärzte-Verbandes, Andreas Gassen, warf den Ländern auch überzogene Maßnahmen vor. "Diese Regelungswut ist oft eher kontraproduktiv", sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) der "Neuen Osnabrücker Zeitung" mit Blick auf Beherbergungsverbote und Sperrstunden. "Die Reisebeschränkungen sind zur Pandemiebekämpfung überflüssig und auch nicht umzusetzen", sagte Gassen. Das Beherbergungsverbot müsse schnellstmöglich zurückgenommen werden.

Gassen bezeichnete innerdeutsche Reisen als "Pseudo-Gefahr". Masseninfektionen gebe es durch traditionelle Großhochzeiten, in Fleisch verarbeitenden Betrieben und durch unkontrolliertes Feiern. Auch Sperrstunden und Alkoholverbote wie in Berlin seien "mehr als fragwürdig". "Durch den Wust an nicht nachvollziehbaren Regelungen verlieren wir aber eventuell die Akzeptanz für die Maßnahmen, die wirklich etwas bringen", warnte Gassen.

Drosten: "Es ist gut, wenn es klare Regeln gibt"

Auch der Virologe Christian Drosten hält bundeseinheitliche Regelungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in den kommenden Wochen für notwendig. "Es ist gut, wenn es klare Regeln gibt. Das ist ganz eindeutig", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Sie durchzusetzen sei angesichts einer regional unterschiedlichen Häufigkeit der Krankheit derzeit verständlicherweise noch schwierig, räumte der Experte ein. Er betonte aber: "Das Virus wird sich immer gleichmäßiger verteilen. Wir werden mehr und mehr in eine Situation kommen, wo man besser pauschal reguliert".

Zum dritten Mal in Folge hat es in Deutschland mehr als 4000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus binnen eines Tages gegeben. Das Robert Koch-Institut meldete am Samstagmorgen 4721 neue Fälle. Köln überschritt als weitere deutsche Großstadt die wichtige Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen.

Rummenigge fordert bundesweit einheitliche Lösung für Fan-Zulassung

Die Stadt München teilte am Freitag mit, dass wegen der gestiegenen Corona-Zahlen Fußballspiele in der bayerischen Landeshauptstadt mindestens bis zum 25. Oktober ohne Fans stattfinden. Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge sprach sich daraufhin in der "Bild" für eine bundesweit einheitliche Regelung aus.

"In dieser Woche hatten wir eigentlich von der Stadt München den Hinweis, dass sie davon ausgehen, dass die nächsten Spiele mit Zuschauern stattfinden dürfen. Das ist durch den gestiegenen Inzidenzwert heute wieder revidiert worden", sagte der Vorstandsvorsitzende. In der Bundesliga zählt der FC Bayern zu den wenigen Teams, die bislang auf Zuschauer im eigenen Stadion verzichten mussten.

mfh/dpa
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