Verschärfung der Anti-Corona-Maßnahmen Der nächste Shutdown könnte länger dauern, als Sie glauben

Schulen dicht, Geschäfte zu, Ausgangssperren: Die Ministerpräsidenten haben lange gezögert, nun scheint der Ernst der Lage erkannt. Bis zum 10. Januar soll das Virus unter Kontrolle sein. Doch es könnte länger dauern.
Einkaufsstraße in Bielefeld-Mitte: So wie hier im ersten März-Shutdown dürfte es in vielen deutschen Fußgängerzonen bald wieder aussehen

Einkaufsstraße in Bielefeld-Mitte: So wie hier im ersten März-Shutdown dürfte es in vielen deutschen Fußgängerzonen bald wieder aussehen

Foto: Robert B. Fishman / picture alliance

Deutschland fährt runter. Schon bevor sich die Ministerpräsidenten erneut mit der Kanzlerin zusammenschalten – vermutlich am Sonntag, vielleicht auch früher – verschärfen einzelne Regierungschefs in ihren Ländern die Maßnahmen im Kampf gegen Corona deutlich.

Denn die Lage hat sich in den vergangenen Tagen zugespitzt, der seit vielen Wochen geltende Shutdown light verfehlt seine Wirkung. Jeden Tag sterben Hunderte; an diesem Donnerstag meldete das Robert Koch-Institut sogar fast 600 Todesfälle. Innenminister Horst Seehofer (CSU) fordert im SPIEGEL den sofortigen, harten Lockdown. Dieser sei die »einzige Chance, wieder Herr der Lage zu werden«.

Aber dieser Lockdown könnte länger dauern, als sich das viele Politiker und Bürger jetzt vorstellen.

Ausgangsbeschränkungen im Ländle

Deutschland, vormals Vorzeigeland in Sachen Corona-Bekämpfung, gilt nun als Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Beherrschten gerade erst noch Debatten über Lockerungen rund um Weihnachten oder das Böllern an Silvester die politische Agenda, hat sich die Stimmung plötzlich gedreht. Nahezu alle Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten fordern einen mehr oder weniger weitreichenden Lockdown.

Einige gehen bereits voran:

  • So schickt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sein Land schon am Montag in den Shutdown: Die meisten Geschäfte werden schließen und auch die Schulen.

  • Baden-Württembergs Winfried Kretschmann (Grüne) plant von Samstag an Ausgangsbeschränkungen, auch tagsüber.

  • Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) drängt auf einen harten Lockdown vor Weihnachten, inklusive Ausgangssperren.

  • Armin Laschet (CDU) aus Nordrhein-Westfalen plädiert für einen schnellstmöglichen Lockdown bis zum 10. Januar.

Dieser 10. Januar, ein Sonntag im neuen Jahr, spielt in fast allen solchen Überlegungen implizit oder explizit eine Rolle. Allerdings ist fraglich, ob selbst der härteste Lockdown die Inzidenzzahlen bis zu diesem Termin wieder in den erstrebten Bereich um die 50 Fälle drücken könnte.

Modellierer fordern harten Lockdown – und zwar möglichst schnell

»Realistischerweise können wir das Enddatum vom 10. Januar für einen Lockdown nicht verkünden«, schreibt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem SPIEGEL: Es werde erheblich schwieriger, den Inzidenzwert von 50 pro 100.000 Einwohner bis zu diesem Datum zu erreichen, als die meisten Politiker sich das vorstellten. Und falls der harte Shutdown erst am 21. Dezember beginne, sei der 10. Januar völlig unrealistisch.

Modellrechnungen der Universität des Saarlandes deuten an, dass Lauterbach mit seiner Einschätzung richtig liegen könnte. Ein Team aus Forscherinnen und Forschern der Uni um Thorsten Lehr, Professor für klinische Pharmazie, hat verschiedene Szenarien durchgespielt. Die Wissenschaftler gehen dabei von einem Shutdown ähnlich wie im Frühjahr aus: Schulen steigen komplett auf Onlineunterricht um, und nur Geschäfte des täglichen Bedarfs sowie Einrichtungen wie Arztpraxen bleiben geöffnet. 

  • Das erste Szenario spielt durch, was geschähe, wenn schon vom 14. Dezember an ein solcher Shutdown gelten würde. Über Weihnachten und Silvester gäbe es keine Lockerungen. Das Ziel von bundesweit nicht mehr als 50 Neuinfektionen in sieben Tagen je 100.000 Einwohner wäre so tatsächlich noch bis Anfang Januar erreichbar. 

  • Im zweiten Szenario gilt der Shutdown ebenfalls schon ab dem 14. Dezember. Hier werden an den Weihnachtstagen aber mehr persönliche Kontakte erlaubt. Auf diese Weise ließe sich die Zielinzidenz von 50 bis Mitte Januar erreichen. 

  • Im dritten Szenario tritt der Shutdown erst zum 27. Dezember in Kraft; Geschäfte bleiben bis zum Heiligen Abend geöffnet. Eine Inzidenz von 50 wäre dann bis Ende Januar erreicht. Laut der Berechnung würde sich bis dahin die Gesamtzahl der Corona-Toten von derzeit gut 20.000 mehr als verdoppeln: auf über 40.000 Todesfälle.

Präzise die Zukunft vorhersagen kann keine Prognose; erst recht nicht bei einem so neuen Phänomen wie Sars-CoV-2. Die Modellrechnungen geben jedoch eine Vorstellung davon, welche Maßnahmen die Infektions- und Todeszahlen wie stark senken könnten.

Und so fordern die saarländischen Wissenschaftler einen »flächendeckenden harten und raschen Lockdown«. Dieser sei die einzige Möglichkeit, die Pandemie bald wieder unter Kontrolle zu bekommen. Nur mit einem zeitnahen Shutdown ohne Lockerungen über Weihnachten »können Tausende zusätzliche Covid-Sterbefälle vermieden« werden, sagt der Pharmazieprofessor Lehr. 

Dass es knapp werden könnte mit dem Ziel 10. Januar, legen auch Hochrechnungen der Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation nahe. Derzeit liegt der R-Wert für vier Tage bei 0,9. Sinkt er auf 0,7, reduziert sich die Zahl der Neuinfektionen pro Woche um rund die Hälfte. »Genauso, wie wir bei einem R-Wert über eins ein exponentielles Wachstum sehen, sinken die Zahlen bei einem Wert unter eins exponentiell«, sagt Priesemann.

Im Frühjahr war es nur zeitweise gelungen, die Ansteckungsrate so weit zu senken. Mitte April betrug der Wert an manchen Tagen laut RKI sogar 0,68, am 15. April lag das Wochenmittel unter 0,8.

Werden Ausgangssperren vor Gericht gekippt?

Warum wird den Deutschen dann mit einem Zieltermin Mitte Januar Hoffnung gemacht, die sich womöglich nicht erfüllen kann? Es könnte daran liegen, dass manche Politiker ihren Bürgern eine Perspektive geben wollen. Und natürlich spielen auch juristische Gründe eine Rolle.

Im reformierten Bundesinfektionsschutzgesetz ist vorgesehen, dass alle verkündeten Maßnahmen der Landesregierungen grundsätzlich auf vier Wochen befristet sind. Wenn diese verlängert werden sollen, braucht es dafür triftige Gründe. Die Länder haben dann also eine besondere Rechtfertigungslast.

Zudem steht erneut die Frage im Raum, welche neuen Maßnahmen vor den Gerichten wieder gekippt werden könnten. Nächtliche Ausgangssperren etwa sind in dem neuen Maßnahmenkatalog des Infektionsschutzgesetzes nicht aufgeführt – und könnten vor den Richterinnen oder Richtern womöglich nicht bestehen.

Handel fordert Entschädigungen in Milliardenhöhe

Klar ist: Für die Steuerzahler werden die Verschärfungen teuer. Der Staat wird weitere Milliarden in die Wirtschaft pumpen müssen: um die Einzelhändler zu entschädigen. Deren Lobbyisten bringen sich bereits in Stellung.

Eine Schließung des Nichtlebensmittelhandels vor Weihnachten »hätte nicht nur fatale wirtschaftliche Folgen für unsere Branche, sondern würde auch einen Kundenansturm bis hin zu Panikkäufen auslösen«, heißt es in einem gemeinsamen Brief des Präsidenten und des Geschäftsführers des Handelsverbands Deutschland an Kanzleramtschefs Helge Braun (CDU), der dem SPIEGEL vorliegt.

Jeder Schließungstag werde Umsatzausfälle von 800 Millionen Euro verursachen, behaupten die Verfasser. »Für den Monat Dezember kann es (...) gar nicht anders sein, als dass der direkt betroffene Einzelhandel zu 70 beziehungsweise 75 Prozent seines Umsatzausfalls zu entschädigen wäre.« Und weiter: »Für die Schließungstage im Januar muss ebenso eine Unterstützung erfolgen, ansonsten wären vermutlich schwerste Akzeptanzprobleme im Handel die Folge.«

Würde diese Forderung erfüllt, kämen schon für dreieinhalb Geschäftstage vom 27. bis 31. Dezember mindestens 1,8 Milliarden Euro zusammen. Tatsächlich sind die Wochen vor Weihnachten wie auch die Zeit zwischen den Jahren mit die umsatzstärksten Tage für viele Läden und Einkaufszentren. Eine Entschädigung von 70 oder gar 75 Prozent des ausgefallenen Umsatzes könnte aber vielen Geschäftsleuten weitaus mehr Profit einbringen, als wenn sie geöffnet hätten.

In Österreich etwa bekamen die Ladeninhaber im gerade zu Ende gegangenen zweiten Lockdown je nach Branche entweder 20, 40 oder 60 Prozent des ausgefallenen Umsatzes. Ein österreichischer Fotohändler zeigte sich schon über seine 20 Prozent hocherfreut. Schließlich mache er beim regulären Verkauf einer 300-Euro-Kamera höchsten 20 Euro Marge, erzählte er dem SPIEGEL. Und obendrauf spare er sich den Lohn für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die waren in Kurzarbeit: bezahlt vom Staat.

In Deutschland bekommen seit Anfang November Restaurants, Hotels, Kneipen, Kultureinrichtungen sowie Soloselbstständige wie etwa Künstler vom Staat Zuschüsse in Höhe von 75 Prozent des durchschnittlichen Umsatzes. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will dieses System aber grundlegend überarbeiten. Seinen Plänen zufolge sollen sich die Hilfen ab Januar an konkreten Fixkosten orientieren.

Wie und wie hoch der deutsche Handel entschädigt wird, das steht noch in den Sternen. Sicher ist nur: je länger die Schließungen herausgezögert werden, desto später werden die Geschäfte wieder öffnen können.

Die Medizin ist bitter, aber wohl unverzichtbar.