SPIEGEL-Spitzengespräch mit Alena Buyx »Gibt es eine moralische Pflicht, sich impfen zu lassen? Ja!«

»Jede Dosis muss in einen Arm«: Die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx hat im SPIEGEL-Spitzengespräch eindringlich für Corona-Impfungen geworben – und eine viel kritisierte Empfehlung ihres Gremiums verteidigt.
Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx im SPIEGEL-Studio

Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx im SPIEGEL-Studio

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, hat sich gegen eine Corona-Impfpflicht in Deutschland ausgesprochen. Sie sieht jedoch eine hohe Verantwortung bei Bürgerinnen und Bürgern, sich impfen zu lassen. »Gibt es eine moralische Pflicht, sich impfen zu lassen? Ja!«, sagte Buyx im SPIEGEL-Spitzengespräch mit Markus Feldenkirchen.

Buyx sprach in dem Interview auch über die Priorisierung von Impfkandidaten, den Umgang mit Impfrestdosen und eine mögliche Rückgabe von Freiheitsrechten bei bereits Geimpften. Seit die Impfkampagne in Deutschland Ende des vergangenen Jahres startete, gibt es um mögliche Lockerungen und den Umgang mit Impfungen eine breite Debatte. Buyx fasst ihren Blick auf die Diskussionen in einem Satz zusammen: »Jede Dosis muss in einen Arm.«

So hält sie es für vertretbar, dass am Ende eines Tages übrige Impfdosen auch Menschen gespritzt werden, die nicht der derzeit vorrangigen ersten Priorisierungsgruppe angehörten. »Wenn man sich darum wirklich bemüht hat, Impfdosen an die Priorisierungsgruppe zu geben, und niemanden findet, dann ist es vertretbar«, sagte Buyx.

Allerdings brauche es einen guten Mechanismus, um übrig gebliebene Dosen sinnvoll zu verimpfen. In der vergangenen Woche waren mehrere Fälle bekannt geworden, in denen sich Lokalpolitiker vorgedrängelt hatten und Impfdosen erhielten. Nicht immer war klar, ob wirklich keine anderen Kandidatinnen und Kandidaten gefunden werden konnten.

Buyx ist seit vergangenem Mai die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Die 43-Jährige beschäftigt sich mit Medizin- und Forschungsethik, an der Technischen Universität München hat sie eine Professur für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien inne.

Der Ethikrat wird zu gleichen Teilen von Bundestag und Bundesregierung einberufen und beschäftigt sich mit aktuellen Streitfragen. Gegenwärtig sitzen 24 Mitglieder im Rat, Medizinerinnen, Philosophen und Juristinnen. Alle arbeiten ehrenamtlich und dürfen kein politisches Amt ausüben.

»Viele setzen uns mit dem Bundesverfassungsgericht gleich«

Der Rat gibt lediglich Empfehlungen ab. Seit Corona sei die Taktung an Nachfragen aus der Politik besonders hoch, sagte Buyx. Ausgewogene Antworten zur Corona-Politik möglichst rasch zu geben, sei eine besondere Herausforderung, »denn wir sind ja kein Ad-hoc-Gremium«. Sie beobachte, dass bisweilen die Rolle des Ethikrats überhöht werde: »Viele setzen uns mit dem Bundesverfassungsgericht gleich.«

»Jede Impfdosis muss in einen Arm.«

Alena Buyx, Vorsitzende des Ethikrats

Eine aktuelle Empfehlung des Ethikrats, bereits Geimpften nicht vorab wieder Freiheitsrechte zu gewähren, wurde stark kritisiert. Im SPIEGEL-Gespräch verteidigte Buyx die Empfehlung erneut. Wichtig sei zunächst zu klären, ob von Geimpften keine Ansteckungsgefahr mehr ausgehe – so lange sei es für die betreffenden Personen weiterhin zumutbar, Maske zu tragen und Abstände einzuhalten. »Das sind wenig eingriffstiefe Maßnahmen.«

Dann gehe es gerade bei Restaurantöffnungen und Lockerungen im Kulturbereich auch um die Frage, ob überhaupt Personal bereitstehe. »Geschlossene Systeme gibt es aber fast nur in Pflegeheimen«, sagt Buyx. In Gaststätten arbeiteten hingegen Menschen, die erst spät in der Impfreihenfolge dran seien.

Als größte Gefahr im Streit um individuelle Freiheitsbeschränkungen sieht Buyx mögliche Spannungen des Gerechtigkeitsempfindens bei jenen, die erst spät geimpft werden. Die stünden einem »Gönnen-Können« anderer gegenüber.

Keine Priorisierung für Lehrkräfte

In der Debatte über Priorisierungen will Buyx an den bestehenden Kategorien festhalten. Der Bund will prüfen, Lehrkräfte und Erzieherinnen deutlich früher zu impfen, um Schulen und Kindergärten schneller zu öffnen. Aktuell sind sie in der dritten Kategorie eingeordnet.

Buyx sagte, sie halte den Bereich Schule und Kita für essenziell. Einen Vorrang beim Impfen für Lehrkräfte findet sie allerdings falsch. Die bisherigen Daten belegten nicht, dass das Ansteckungsrisiko bei Erzieherinnen und Erziehern sowie Lehrkräfte besonders hoch sei – daher sei die Debatte über Impfung irreführend. Buyx empfiehlt, die Politik solle innerhalb der Impfgruppe 3 eine »horizontale Priorisierung« vornehmen, um dann Lehrkräfte und Erziehende dort zuerst zu impfen.

Deutliche Kritik hatte Buyx für Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge übrig. Der hatte zuletzt Sonderrechte für Fußballer gefordert: »Wir wollen uns überhaupt nicht vordrängen, aber Fußballer könnten als Vorbild einen gesellschaftlichen Beitrag leisten.« So einen Vorrang hält Buyx allerdings »aus ethischer Perspektive für völlig ausgeschlossen«. Die augenscheinliche Bevorzugung im Profisport hält sie für schwierig.

»Wenn man sieht, dass es im Fußball prominente Ansteckungen gibt, dann ist das ein Zeichen, dass das Konzept doch nicht so gut funktioniert.«

Alena Buyx

Zwar stimme, dass bei einer guten Impfkampagne prominente Vorbilder wichtig seien, »aber die dürfen gegenwärtig nur aus den Priorisierungsgruppen stammen«. Junge und fitte Profifußballer sollten jetzt hingegen nicht vorgezogen werden. »Wenn die Sportlerinnen und Sportler dann dran sind, würde ich es begrüßen, wenn sie sich schnell und sichtbar impfen lassen, um so einer Vorbildwirkung gerecht zu werden.«

Buyx sagte, sie beobachte, dass es im Fußball auch abseits der Impfdebatte längst Privilegien gebe, die anderen verwehrt blieben. Spieler würden in andere Länder zu Spielen geflogen, während Kinos, Theater oder Museen geschlossen bleiben. Fußballfunktionäre verwiesen auf erarbeitete Hygienekonzepte. Viele andere Anbieter, zum Beispiel im Kulturbereich, hätten aber auch klare Hygienekonzepte, sagt Buyx – und dürften nicht öffnen. »Wenn man sieht, dass es im Fußball prominente Ansteckungen gibt, dann ist das ein Zeichen, dass das Konzept doch nicht so gut funktioniert.«

mrc