Nikolaus Blome

Miese Corona-Politik Und wir Sündenböcke sagen auch noch Danke!

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Bei Corona machen die Politiker zusehends Fehler – aber die Bürger verantwortlich. Und die bedanken sich mit Zustimmung. Krass.
Passanten in Hamburg (Archivbild)

Passanten in Hamburg (Archivbild)

Foto: Chris Emil Janssen / imago images

Politiker zu sein, ist vielfach eine ziemlich undankbare Aufgabe, das muss man ja auch mal sagen dürfen. In jüngster Zeit fällt mir allerdings auf, dass Politiker vielfach ziemlich undankbar sind.

Nicht nur Demoskopen staunen über die Zahlen, wonach auch im neunten Monat der Pandemie die Bürger stabil zu drei Vierteln oder mehr hinter der Regierungspolitik stehen – und zwar ganz gleich, welche Kapriolen und Kurven diese Politik gerade in den Alltag von 80 Millionen Menschen malt. Lockdown 1, Lockdown 2, Masken rauf, Masken runter, Läden geöffnet, Schulen geschlossen (oder umgekehrt)? Die Bürger ziehen stoisch mit.

Die Kanzlerin ist mit kilometerweitem Abstand die beliebteste Politikerin im Land, ihr könnte gelingen, was keinem ihrer Vorgänger glückte: ein Abgang im Zenit der Zustimmung. Seit Sommer bewegt sich in den Umfragen für die Parteien so gut wie nichts, was in einem seltsamen Kontrast zur Amplitude der Krise oder den Kosten steht. Kaum vorstellbare 80 Prozent der Befragten finden es zugleich in Ordnung, dass die EU-Prüfung des Corona-Impfstoffs länger braucht als in den USA oder Großbritannien. Und wenn es um die WarnApp geht, würden ebenfalls 80 Prozent den Datenschutz hintanstellen, wenn sie dann besser funktionieren würde.

Derartig breitstabile Zustimmung würde schon an ein Wunder grenzen, wenn alles rundliefe. Tut es aber gar nicht. Montags sind seit neun Monaten die Infektionszahlen falsch, weil die zuständigen Stellen am Wochenende auf Notbeleuchtung schalten. Die WarnApp ist zusehends ein peinliches Ärgernis, ebenso die schleppende Beschaffung von Impfstoff für Deutschland. Auch die zweite Infektionswelle traf Schulen, Pflegeheime und Gesundheitsämter wie unvorbereitet. Das hatte die Politik ganz anders versprochen, aber es scheint niemanden recht zu scheren. Und die ominöse »50« (Neuinfektionen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner) ist nur deshalb der rote Faden der merkelschen Corona-Politik, weil die Gesundheitsämter immer noch nicht mehr als eben diese 50 Fälle auf einmal nachverfolgen können.

Mich erinnert das in gewisser Weise an die Flüchtlingskrise 2015/2016. Auch damals traf eine plötzliche Belastungsspitze auf einen eher schwachbrüstigen Teil der deutschen Verwaltung: die Ausländerämter und das BAMF. Dann aber wurden die Strukturen rasch aufgerüstet und können seither ein Vielfaches von Asylanträgen verarbeiten. Warum, Himmel, war das bei den Gesundheitsämtern nicht auch möglich?

Ich denke, die Bürger hätten guten Grund, solche Fragen zu stellen, und sie hätten guten Grund, sauer zu sein. Stattdessen schauen sie in großer Mehrheit dauer-duldsam auf das politische Treiben, weshalb die Umfragen als Seismograf für akute Politikfehler derzeit nicht taugen. Die Gesellschaft ist auch nicht »tief gespalten«, wie es mitunter heißt, zumindest nicht längs der Mitte, auch nicht bei zwei Drittel/ein Drittel, sondern eher bei 85 zu 15 Prozent, unter letzteren die vereinigte Volksfront der Yoga-Flyer und querdenkenden Stiernacken (oder andersrum).

Das Volk verhält sich also wie ein Musterknabe. Aber was ist der Dank? Man wird bisweilen behandelt wie ein Lümmel oder Sündenbock.

Markus Söder schimpft über »Schlendrian« und meint garantiert nicht seine Landesregierung. RKI-Chef Lothar Wieler erklärt die hohen Infektionszahlen zum »Ergebnis einer gewissen Sorglosigkeit«. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer warnt vor »Hysterie« der Bevölkerung. »Haltet den Dieb«, rufen die Langfinger, so klingt das für mich.

Abgesehen davon, dass Kretschmers letzte wortgleiche Warnung vor »Hysterie« an die Adresse der Bundeskanzlerin ging, als sie vor zwei Monaten schärfere Regeln wollte und er nicht: Ich sehe keine hysterische Bevölkerung. Ich sehe Menschen, die sich bei Schnelltests das Gehirn fast perforieren lassen, weil sie sicher sein wollen, ihre Familien an Weihnachten nicht anzustecken. Ich sehe im Alltag keine Menschen mehr ohne Maske, sondern Schlangen von Einkaufenden, die brav in Reihe frieren und so gut als möglich den Abstand halten. Selbst in der S-Bahn geht es vollauf gesittet zu, und sonst ist ja eh fast alles geschlossen. Mag sein, dass ich überwiegend in den langweilig-bürgerlichen Ecken der Stadt meiner Wege gehe, aber da lebt die Mehrheit nun einmal.

Unvermeidbar auch dieser Mehrheit droht Herr Kretschmer aber mit »autoritären Maßnahmen des Staates«, weil jetzt mal Schluss mit lustig sei. Ausgerechnet Kretschmer: In vielen Runden bei der Kanzlerin gab er stets und störrisch den Bremser, sein Land fährt nun mit Karacho vor die Wand, und der Fuß auf dem Gaspedal war seiner. Mutmaßungen, schwerstbetroffene Ortschaften würden demnächst abgeriegelt, nannte Kretschmer ein Missverständnis. Das musste ich spontan denken (und ich weiß, es ist ein schiefer Vergleich): »Niemand hat die Absicht, eine Mauer...«

Die Bundeskanzlerin wiederum prägte vor einigen Wochen den schönen Satz, dass unter Politikern zu viel über Glühweinstände gesprochen werde und zu wenig über Krankenschwestern und Pflegekräfte. Wohl wahr. Aber mindestens ebenso viel zu viel wird unter Politikern über die Unzulänglichkeiten der Bürger gesprochen. Und zu wenig über die eigenen Versäumnisse.

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