Vor Corona-Gipfel Experten schwören Länderchefs auf harten Lockdown ein

Kurz vor Merkels Treffen mit den Ministerpräsidenten erteilen Fachleute den Regierenden in interner Runde letzte Ratschläge. Der Tenor nach SPIEGEL-Informationen: Ein knallharter Lockdown muss her.

Innenstadt von Hannover am frühen Montagmorgen: Kommt die bundesweite Ausgangssperre?

Innenstadt von Hannover am frühen Montagmorgen: Kommt die bundesweite Ausgangssperre?

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Julian Stratenschulte / dpa

Großbritannien soll Deutschland eine Mahnung sein. Das machen die Fachleute am Montagabend in der Besprechung mit dem Kanzleramt und den Regierungschefs der Länder deutlich. Eingeladen sind Expertinnen und Experten, die größtenteils für einen harten Lockdown plädieren (einen Kommentar zur Auswahl der Fachleute lesen Sie hier). Etwa Rolf Apweiler, Molekularbiologe und Direktor des European Bioinformatics Institute in England. Er hat bereits dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron empfohlen, einen scharfen Abwehrkurs gegen die britische Virusmutation einzuschlagen.

Apweiler habe nun in der Schalte nach SPIEGEL-Informationen erklärt, in Großbritannien habe die neue Virusmutation B.1.1.7. während des nationalen Lockdowns im November um 200 bis 400 Prozent zugenommen, und das unbemerkt. Andere Varianten hätte im selben Zeitraum um circa 50 Prozent abgenommen. Das Problem: B.1.1.7. ist wohl deutlich ansteckender als die bis dato geläufigen Mutationen. Die neue Variante schaffe ein sechs- bis achtmal höheres Wachstum der Fallzahlen pro Monat als andere, sagte Apweiler laut einem Teilnehmer.

Seine Empfehlung an die Verantwortlichen ist klar: Um die Infektionszahlen rasch zu drücken, muss ein scharfer Lockdown her. Dieser solle Schulschließungen und eine Homeoffice-Pflicht beinhalten. Zudem solle so schnell und so viel wie möglich gegen das Coronavirus geimpft werden. Die Kapazitäten zur Sequenzierung, also der gezielten Erkennung von Virusmutationen, müssten schnell ausgebaut werden.

Neben Apweiler ist die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in der Runde, die seine Forderungen bekräftigte, wie der SPIEGEL aus Teilnehmerkreisen erfuhr. Brinkmann ist Unterstützerin der #ZeroCovid-Kampagne, einer radikalen Corona-Strategie mit besonders einschneidenden Maßnahmen.

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»Es ist so, als ob das Virus noch einmal einen Raketenanzug angezogen hat«

Apweiler habe mit seiner Präsentation gezeigt, wie schnell man die Kontrolle über die Ausbreitung verliere, sagte Brinkmann den Regierenden laut einem Teilnehmer. Es sei nun der kritischste Moment in der Pandemie. Dass sich die neue Variante des Virus gegen die anderen durchsetze, sei ein Naturgesetz – und in Deutschland angekommen ist sie bereits. Es bestehe die Gefahr, dass 2021 schlimmer werde als 2020, wenn man nicht jetzt handle. »Es ist so, als ob das Virus noch einmal einen Raketenanzug angezogen hat«, erklärte Brinkmann laut einem Teilnehmer. Man wisse aber, was zu tun sei – »nämlich das, was wir im Frühjahr 2020 gemacht haben«, wird sie zitiert.

Eine Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen – das gesetzte Ziel von Bund und Ländern, von dem der bundesweite Schnitt weit entfernt ist – sei illusorisch, sagte Brinkmann einem Teilnehmer zufolge. Die Bevölkerung müsse überzeugt werden, »dass wir auf null müssen«. Denn eine 50er-Inzidenz sei ein Mittelweg, der auf Dauer schmerzhafter sein werde als ein radikaler Lockdown.

Auch andere Fachleute warnten in der Runde vor einer bloßen Verlängerung des geltenden Shutdowns. Falls sich die Bevölkerung weiter so einschränke wie Anfang Januar, sei nach einer Modellrechnung mit weiter zurückgehenden Infektionszahlen zu rechnen, heißt es in einem Papier, an dem der Physiker und Mobilitätsexperte Kai Nagel mitgewirkt hat. Doch die Erfahrung aus dem Frühjahr 2020 zeige, dass die Bevölkerung eher zu normalen Mobilitätsmustern zurückkehren werde. Dies müsse unbedingt vermieden werden, eventuell auch mittels neuer Einschränkungen.

Der Bericht für das Bundesbildungsministerium vom 15. Januar kam auch in der Runde am Montagabend zur Sprache. Darin wird etwa eine FFP2-Maskenpflicht am Arbeitsplatz empfohlen. Eine abendliche und nächtliche Ausgangssperre sei zudem »eine schnell umsetzbare und gut wirksame Maßnahme«. Schulöffnungen wiederum sollten nur in Verbindung mit FFP2-Masken während des Unterrichts in Betracht gezogen werden.

Die Psychologieprofessorin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt mahnte in der Schalte nach Teilnehmerangaben, die aktuellen Maßnahmen müssten kompensieren, was im ersten Lockdown an zusätzlichen freiwilligen Maßnahmen ergriffen worden sei. Denn trotz guter Akzeptanz der geltenden Maßnahmen führten psychologische Faktoren dazu, dass die Menschen Ausnahmen machen, erklärte Betsch. Außerdem warnte sie vor »Pandemiemüdigkeit« und einem Vertrauensverlust der Menschen in die Regierungskommunikation. Die Expertin schlug daher ein neues Framing vor, also eine neue Kommunikationsstrategie: Bei der Pandemiebekämpfung müsse den Menschen ihr Eigeninteresse an einer gemeinschaftlichen, gesamtgesellschaftlichen Lösung verdeutlicht werden, wurde Betsch zitiert.

Die Ratschläge der Fachleute dürften bei den Länderchefs auf gemischte Gefühle stoßen. Im Vorfeld der entscheidenden Besprechungen hatten vor allem SPD-geführte Länder Zweifel an weiteren Verschärfungen geäußert, ein radikaler Lockdown fand in den öffentlichen Statements der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten keine Erwähnung.

Auch Bayerns Regierungschef Markus Söder, der im deutschlandweiten Vergleich bereits besonders scharfe Regeln erlassen hat, sprach sich gegen neue Regeln aus. Stattdessen sollten die anderen Länder sich an Bayern ein Beispiel nehmen, sagte Söder – was vielerorts faktische Verschärfungen bedeuten würde.

Diskutiert wurden zuletzt unter anderem eine bundesweite FFP2-Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften, Ausgangssperren sowie eine weitgehende Homeoffice-Pflicht. Auf welche Maßnahmen sich Bund und Länder einigen können oder ob es bei einer bloßen Verlängerung des gegenwärtigen Shutdowns bleibt, wird aber erst nach der Ministerpräsidentenkonferenz am Dienstagnachmittag feststehen.

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