Stefan Kuzmany

Corona-Gipfel Bitte alle wieder aufwachen

Stefan Kuzmany
Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
Bund und Länder einigen sich auf weitgehend gemeinsame Maßnahmen, um den sprunghaften Anstieg der Corona-Infektionen aufzuhalten. Das ist gut so. Und hoffentlich noch nicht zu spät.
Bundeskanzlerin Angela Merkel: Es war immer ernst, aber jetzt wird es wieder richtig ernst

Bundeskanzlerin Angela Merkel: Es war immer ernst, aber jetzt wird es wieder richtig ernst

Foto: Stefanie Loos / dpa

Tun wir nicht überrascht. Seit Wochen steigt die Zahl der Corona-Infektionen in Deutschland, hauptsächlich in Ballungszentren, aber auch auf dem Land. In den vergangenen Tagen zeigte die Kurve steil nach oben. Es war klar, dass etwas geschehen muss, wollen wir die vollends unkontrollierte Ausbreitung des verdammten Coronavirus noch in den Griff bekommen.

Nach einem einigermaßen sorglosen Sommer hat die Pandemie das Land wieder voll erwischt, womöglich auf gefährlichere Weise als im Frühjahr, als sich die Ausbreitung auf eingrenzbare Hotspots zurückführen ließ. Jetzt droht der Flächenbrand.

Es wird wieder richtig ernst

Es ist gut, dass sich Bund und Länder nun, nach Wochen verwirrender regionaler Einzelmaßnahmen, auf eine gemeinsame Linie verständigt haben, wie die Verbreitung in Gebieten mit starkem Infektionsgeschehen eingedämmt werden soll.

Streng begrenzte private Feiern, Sperrstunden in Restaurants, nur noch höchstens zehn Personen gemeinsam im öffentlichen Raum bei Inzidenzwerten ab 50 pro Woche, schon ab 35 eine ausgeweitete Maskenpflicht. Dazu Hände waschen, Lüften, Abstand halten, die Corona-Warn-App benützen. All das leuchtet ein, all das kann man sich merken, all das ist also besser als verwirrende, hyperlokale Vorschriften wie etwa zeitbeschränkte Maskenregelungen in Hamburg, die hausnummerngenau nur für bestimmte Straßenzüge gelten.

Das könnte die wichtigste Botschaft, das wichtigste Ergebnis des Corona-Gipfels im Kanzleramt sein: ein gemeinsames Verständnis von der Ernsthaftigkeit der Lage. In Berlin haben die Kanzlerin und die Länderchefs um die Infektionszahlen gerungen, ab denen die neuen Maßnahmen gelten sollen. Armin Laschet etwa soll die Einschränkungen privater Feiern zu früh und zu rigoros genannt haben, Markus Söder und andere dagegen für ein hohes Tempo geworben haben. Beim Beherbergungsverbot konnte man sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen. Im Großen aber kommt es nun weniger darauf und auf die konkreten Grenzwerte an. Sondern vor allem darauf, dass die Bevölkerung eine gemeinsame Stimme hört und begreift: Es war immer ernst, aber jetzt wird es wieder richtig ernst.

Wir sind es müde, aber das ändert nichts

Eingefleischte Corona-Leugner werden sich auch von diesem neuerlichen Appell der Politik nicht beeindrucken lassen. Und Vorsichtige haben sich auch vor der neuen Warnung zurückgehalten. Doch die vielen dazwischen sind müde geworden. Das verfluchte Virus selbst hat sie noch nicht erwischt, aber seine Begleiterscheinung nagt an ihnen: die Zermürbung. Man möchte Freunde treffen. In den Urlaub fahren. Endlich wieder ein ganz normales Leben führen. Und nicht ständig über Corona, Corona, Corona nachdenken müssen. Das Virus schert sich aber nicht um unsere Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Wollen wir es aufhalten, müssen wir alle wieder wachsamer werden.

Sollte der Anstieg der Infektionszahlen durch die verschärften Maßnahmen nicht spätestens innerhalb von zehn Tagen zum Stillstand kommen, "sind weitere gezielte Beschränkungsschritte unvermeidlich, um öffentliche Kontakte weitergehend zu reduzieren", so steht es im gemeinsamen Beschluss. Das klingt wie eine Warnung, ist aber tatsächlich eine Ankündigung des Unvermeidlichen. Selbst wenn ab morgen ein kompletter Lockdown gälte, würden die Zahlen noch weiter steigen, denn die in einer Woche sicht- und messbaren Infektionen sind bereits geschehen. Wir laufen dem Virus hinterher.

Hoffen wir, dass die heute beschlossenen Maßnahmen den Abstand wieder etwas verringern, damit wir Zeit gewinnen, bis endlich ein Impfstoff verfügbar ist. Aber machen wir uns nichts vor: Es waren nicht die letzten und nicht die härtesten Corona-Beschlüsse. Es wird ein langer, dunkler Winter.

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