Vakzinen für Kinder und Jugendliche Länder befürchten zusätzliche Engpässe bei der Impfkampagne

Woher soll Impfstoff für Kinder und Jugendliche kommen? Nach SPIEGEL-Informationen sind keine zusätzlichen Kontingente vorgesehen. Deshalb steht Gesundheitsminister Spahn beim Gipfel von Bund und Ländern massiv in der Kritik.
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) muss sich gegen Kritik aus den Bundesländern wehren

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) muss sich gegen Kritik aus den Bundesländern wehren

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Einen »Gipfel der Zuversicht« hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor den Beratungen von Bund und Ländern über das weitere Vorgehen bei den Corona-Impfungen gefordert. Zum Auftakt der Beratungen geriet nach SPIEGEL-Informationen jedoch Spahn selbst unter Druck.

Streitpunkt ist dabei vor allem die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass auch 12- bis 18-Jährige bei einer Freigabe für die Altersgruppe zeitnah mit Impfstoff versorgt werden können. In einem Papier des Gesundheitsministeriums, das dem SPIEGEL vorliegt, ist geplant, Kinder ab 12 Jahren im Juni, Juli und August zu impfen. Dafür will die Bundesregierung knapp 6,4 Millionen Dosen bereitstellen.

Die Frage ist nun, woher diese Impfdosen kommen sollen. Mehrere Länderchefs haben die Ankündigung aus Spahns Ministerium so verstanden, dass der Bund für die Impfungen der Jugendlichen zusätzliche Dosen bereitstelle.

Spahn dagegen will die Aussage so verstanden wissen, dass mit »zusätzlich« nicht mehr Impfstoff gemeint sei, sondern lediglich eine andere Verteilung. Demnach will der Gesundheitsminister die Impfungen für die 12- bis 18-Jährigen aus den ohnehin knappen Kontingenten der Haus- und Betriebsärzte bestreiten.

Im Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz vom 6. Mai hieß es, Länder, die durch entsprechende Konzepte Impfangebote für Kinder und Jugendliche sicherstellten, »erhalten vom Bund die hierfür erforderlichen Impfdosen für die Erst- und Zweitimpfungen zusätzlich«.​ Dies könne beispielsweise durch ausdrückliche Einladung dieser Jahrgänge in die Impfzentren geschehen, durch Reihenimpfungen in den Schulen oder auf vergleichbaren Wegen unter Einbindung der Ärzteschaft.

Mehrere Länderchefs bemängeln nun, dass Spahn mit der Impfung der Jugendlichen vorgeprescht sei, ohne dass es einen ausreichenden Nachschub an Vakzinen gebe. Bei einer Gesundheitsministerkonferenz am 6. Mai hatten Bund und Länder vereinbart, dass die Länder bis Ende des Monats Konzepte für die Impfung der Kinder und Jugendlichen erstellen.

Spahn sagte nun nach SPIEGEL-Informationen in der Runde hingegen, der Vorstoß, auch allen 12- bis 18-Jährigen bis August ein Impfangebot zu machen, sei nicht zuerst vom Bund gekommen. Vielmehr sei der Vorstoß von den Bundesländern ausgegangen. Er bekräftigte, dass die Hausärzte nach der Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur (Ema) und der Aufhebung der Impfpriorisierung auch Jugendliche impfen könnten.

Höhere Nachfrage – aber weniger Impfstoff

Der Impfstart von Kindern und Jugendlichen könnte ausgerechnet in eine Zeit fallen, in der die Impfkampagne in Deutschland ohnehin zu lahmen droht. Denn beim Impfstoff der Hersteller Biontech und Pfizer – in Deutschland mit Abstand das meistgespritzte Präparat – wird es unmittelbar nach der Aufhebung der Impfpriorisierung Anfang Juni einen Lieferengpass geben . Dann wird der Hersteller nur knapp 4,6 Millionen statt der geplanten 5,1 Millionen Dosen an die Bundesrepublik ausliefern. Und in der Woche darauf nur gut vier Millionen.

Währenddessen ist mit einer erhöhten Nachfrage zu rechnen. In den kommenden Wochen stehen neben der aufgehobenen Impfpriorisierung auch viele Zweitimpfungen mit Biontech an; sie haben den Vorrang gegenüber Erstimpfungen. Die Impfung von Kindern und Jugendlichen dürften die Impfstoffmenge für Erwachsene weiter schmälern.

Bereits vor dem Impfgipfel hatten mehrere Länderchefs ihrem Ärger über ausbleibende Impfstofflieferungen durch den Bund Luft gemacht. So klagte unter anderem Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher darüber, dass der Bund bereits jetzt bei den angekündigten Liefermengen hinterherhinke. An Hamburg seien bisher mehr als 40.000 Impfdosen zu wenig geliefert worden. »Die Impfstoffverteilung in Deutschland ist ungerecht«, sagte Tschentscher.

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke kritisierte die Verteilung unter den Bundesländern. »Brandenburg bekommt prozentual weniger als andere Länder«, sagte Woidke dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). »Ich will wissen, woran das liegt«, so der SPD-Politiker.

fek/stw/gud/cte/flo/dpa