Milena Hassenkamp

Debatte über Impfpflicht für Pflegekräfte Zu dumm zum Impfen?

Milena Hassenkamp
Ein Kommentar von Milena Hassenkamp
Markus Söder moniert die vermeintlich geringe Impfbereitschaft unter Pflegekräften – und will sie zum Impfen verpflichten. Wir sollten aufhören, über ihre Körper zu verfügen.
Eine Pflegekraft wird in Berlin geimpft

Eine Pflegekraft wird in Berlin geimpft

Foto: Markus Schreiber / dpa

Vor einem knappen Jahr wurden sie beklatscht, Politiker versprachen ihnen Bonuszahlungen für ihre Dienste, sie arbeiteten an vorderster Front und riskierten ihre Gesundheit, sie versorgten unsere Verwandten, oft über die Grenzen ihrer eigenen Kräfte hinaus – oftmals ohne ausreichendes Schutzmaterial. Jetzt stellt sich heraus: Die Pflegekräfte sind offenbar doch nicht die Helden der Pandemie . Nein, sie sind zu ängstlich oder zu dumm, um sich einen Piks in den Arm geben zu lassen und sich so gegen das Coronavirus zu schützen.

Nichts anderes suggerieren Kommentare einiger Politiker und Journalisten über die Impfbereitschaft der Pflegekräfte. Seitdem eine Studie zur angeblich bescheidenen Impfbereitschaft unter Pflegekräften kursiert, ereifern sie sich darüber. »Warum lässt sich Pflegepersonal nicht impfen?«, fragte kürzlich etwa die »Bild«-Zeitung. Mein SPIEGEL-Kollege Alexander Neubacher nannte die Pflegekräfte vor ein paar Tagen in einem Kommentar »Querdenker in Weiß«.  Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wünscht sich heute in der »SZ«, der deutsche Ethikrat möge prüfen, ob eine Impfpflicht für die Pflegekräfte denkbar wäre.

Für die Vorwürfe gibt es keine Belege

Doch all diese polemischen Vorhaltungen entbehren einer tragfähigen Grundlage, denn tatsächlich gibt es keine stichhaltigen Erkenntnisse über die Impfbereitschaft bei Pflegekräften. In der besagten Studie hieß es, sie liege bei 50 Prozent – doch diese Studie ist nicht repräsentativ. Immerhin: Auch Markus Söder spricht davon, dass es »unter den Pflegekräften in Alten- und Pflegeheimen eine zu hohe Impfverweigerung« gebe. Und auch einige Pflegeheimleiter erzählten das kürzlich dem SPIEGEL.

Es scheint da allerdings große Unterschiede zu geben. Ruft man andere an, hört man anderes. Etwa, dass sich zwei Drittel der Pflegekräfte in ihrem Heim impfen lassen wollten, wie mir ein Pflegeheimleiter am Telefon erzählt. Oder dass die Impfbereitschaft bei Ärzten und Pflegepersonal hoch sei und weiter steige, wie der Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft der »FAZ« sagte. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erzählte kürzlich bei einer Pressekonferenz, es gebe allenfalls »anekdotische Belege« für eine geringe Impfbereitschaft. »Aus dem einen Krankenhaus höre ich 20 Prozent der Belegschaft, aus dem anderen Pflegeheim höre ich 80 Prozent. Daraus können wir noch keine Schlüsse ziehen.« So ist es.

Was ist mit uns allen anderen?

Für eine Debatte über vermeintliche Verweigerer und eine Impfpflicht für eine Berufsgruppe ist es zwei Wochen nach Impfbeginn ohnehin zu früh. Zumal noch nicht einmal erforscht ist, ob Geimpfte das Virus weiter übertragen können. Und man bei einer Impfpflicht für eine Berufsgruppe doch fragen müsste: Was ist dann mit den Lehrern? Was ist mit den Beschäftigten in der Fleischverarbeitung? Was ist mit uns allen anderen?

Dass die Debatte über diese eine Berufsgruppe dennoch geführt wird, macht viele Pflegekräfte in Deutschland gerade sehr wütend.

Der Ruf nach einer Impfpflicht steht symptomatisch dafür, wie herablassend in Deutschland mit Pflegekräften umgegangen wird, allen gesetzlichen Neuerungen und wohlmeinenden Worten zum Trotz.

Impfverweigerung als Widerstand

Die Pandemie hat den Pflegenden vieles abverlangt. Es ist nicht in Ordnung, über sie zu bestimmen, als hätten sie die Entscheidungskompetenz über ihren Körper mit der Berufswahl abgegeben.

Eine ehemalige Krankenpflegerin schrieb kürzlich einen klugen Blogbeitrag  dazu mit dem Titel »Mein Körper, meine Sache!«. Sie erklärte, sie sei keine Impfgegnerin, doch in einer Branche, in der permanent über den Körper der Pflegekraft bestimmt werde – wie viele Überstunden er machen solle, wie wenig Ruhepausen er habe, wie er seine Gesundheit in der Pandemie aufs Spiel setze –  könne es so etwas wie Widerstand bedeuten, wenn man am Ende den Piks verweigere. In den sozialen Medien pflichten ihr gerade viele Pflegekräfte bei. Das ist nachvollziehbar: Pflegekräfte sind keine bloße Verfügungsmasse. Es wird Zeit, dass wir damit aufhören, sie so zu behandeln.

Anstatt sie zu verunglimpfen, sollten sich Politiker und Journalisten lieber damit befassen, warum Pflegepersonal nicht besser informiert wird, warum nicht zunächst einmal die Ängste vor einer Impfung abgebaut werden, anstatt sie zu verordnen. Sie sollten Kampagnen starten und Pflegekräfte direkt ansprechen.

Gehen wir stattdessen weiter respektlos mit ihnen um,  dürfen wir uns nicht wundern, wenn für ohnehin überlastete und dann auch noch gedemütigte Pflegekräfte die Schmerzgrenze überschritten ist – und sie ihren Beruf verlassen. Und wer pflegt uns dann?