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Alexander Neubacher

Impfskepsis bei Ärzten und Pflegekräften Querdenker in Weiß

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Erschreckend viele Menschen in Gesundheitsberufen wollen sich nicht gegen Corona impfen lassen. Da hilft nur Zwang.
aus DER SPIEGEL 2/2021
Corona-Intensivstation (Symbolbild)

Corona-Intensivstation (Symbolbild)

Foto: Sebastian Kahnert/ DPA

Nur etwa die Hälfte aller Pflegekräfte in Krankenhäusern ist bereit, sich gegen Corona impfen zu lassen. Das geht aus einer Umfrage hervor, von der ich in der »Zeit« gelesen habe. Die Umfrage ist von Dezember, sie ist nicht repräsentativ. Doch das Ergebnis deckt sich mit dem, was Klinikchefs und Pflegeheimleiter auch schon im SPIEGEL berichtet haben: Es arbeiten in der Gesundheitsbranche nicht nur Corona-Helden. Eine Ärztin erzählte mir mit bitterer Ironie, dass sie bei ihrer Arbeit auf der Corona-Intensivstation noch keinen »Querdenker« getroffen habe – unter den Patienten. Unter ihren Kollegen sehe es leider anders aus.

Nun kann meinetwegen jeder selbst entscheiden, ob ein kleiner Piks und ein an Zigtausend Probanden getesteter Impfstoff gefährlicher ist als eine Krankheit, die in Deutschland derzeit zu den drei häufigsten Todesursachen zählt. Mag jeder so leben und sterben, wie es ihm gefällt; meine Toleranz ist groß.

Weil aber die »Querdenker« in Weiß nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, sondern auch das Leben anderer, wird mir mulmig. Wer zur Entbindung oder für eine Knie-OP ins Krankenhaus geht, will nicht mit Corona herauskommen. Hier aber liegt das Problem: Patienten und die wenigen Besucher werden an der Pforte getestet. Beim Personal hingegen sind die Kontrollen manchmal lückenhaft. Dann sind es Ärzte und Pfleger, die das Virus einschleppen und jene Menschen gefährden, denen sie eigentlich helfen sollen.

Braucht es eine Impfpflicht für alle? Ich glaube nicht. Um die Pandemie zu stoppen, müssen sich etwa zwei Drittel der Deutschen spritzen lassen; das sollte auch so zu schaffen sein. Selbst wenn noch unklar ist, ob Geimpfte das Virus weitertragen, werden sie schneller als Ungeimpfte ihre Freiheit zurückgewinnen, etwa beim Reisen. Allein das dürfte viele überzeugen. Von Tag zu Tag schwindet die Angst vor möglichen Nebenwirkungen.

Wer für eine Knie-OP ins Krankenhaus geht, will nicht mit Corona herauskommen.

Anders bei Menschen in Heilberufen. Ich wünschte, die Krankenhäuser und Heime könnten sie zum Impfen zwingen. Doch ob das erlaubt ist, wird von Juristen bezweifelt. Fraglich auch, ob die Chefs es darauf anlegen wollen. Niemand möchte seine Leute zur Konkurrenz treiben. Ärzte und Pflegekräfte sind auf dem Arbeitsmarkt begehrt.

Deshalb muss sich der Gesetzgeber darum kümmern. Die im vergangenen Jahr eingeführte Masern-Impfpflicht, die auch für Beschäftigte in Krankenhäusern und Arztpraxen gilt, zeigt, wie es geht: Nur wer einen Impfnachweis hat, wird auf Kranke und Alte losgelassen.

Lehnen eine Ärztin oder ein Pfleger die Corona-Impfung dann immer noch ab und berufen sich auf angebliche Persönlichkeitsrechte, sind sie keine Freiheitskämpfer, sondern skrupellose Zocker, die das Leben von Schutzbefohlenen aufs Spiel setzen. Solche Leute haben im Operationssaal oder am Pflegebett nichts zu suchen. Für sie gilt dasselbe wie für einen Pfarrer, der nicht beten, eine Soldatin, die nicht kämpfen, einen Erzieher, der nicht mit Kindern spielen möchte: Beruf verfehlt.

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