Viele nicht genutzte Impfdosen Bundesregierung lehnt Aufhebung der Priorisierung für AstraZeneca-Impfstoff ab

Die Bundesregierung strebt derzeit keine Freigabe des AstraZeneca-Impfstoffs an. Regierungssprecher Seibert hat die Sicherheit der Vakzine betont. In der Bevölkerung gibt es Vorbehalte gegen den Impfstoff.
Kanzlerin Merkel darf sich laut der Empfehlung der Ständigen Impfkommission nicht mit dem AstraZeneca-Impfstoff impfen lassen – sie ist 66 Jahre alt

Kanzlerin Merkel darf sich laut der Empfehlung der Ständigen Impfkommission nicht mit dem AstraZeneca-Impfstoff impfen lassen – sie ist 66 Jahre alt

Foto: Frederic Kern / Future Image / imago images

Die Bundesregierung weist die Forderung von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zurück, dass der Impfstoff von AstraZeneca für alle freigegeben werden sollte. Regierungssprecher Steffen Seibert betonte zudem, dass es ganz unterschiedliche Gründe gebe, wieso noch nicht alle Impfdosen verimpft seien.

Seibert sagte, es habe ohnehin bereits eine »gewisse Flexibilisierung« stattgefunden, weil »Erzieherinnen, Lehrer und Kitakräfte« in der Priorisierung hochgestuft worden seien. »Aber eine grundsätzliche Freigabe zu diesem Zeitpunkt ist nichts, was die Bundesregierung verfolgt«, sagte Seibert.

Hausarztpraxen sollen AstraZeneca-Vakzine erst verimpfen dürfen, wenn genug Impfstoff vorhanden ist

Das Gesundheitsministerium erklärte, dass es genug Personen in den Prioritätengruppen gebe, die zuerst geimpft werden sollten und auch geimpft werden wollten. Der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Sebastian Gülde, sagte, über eine Freigabe könne erst diskutiert werden, wenn »ausreichend Impfstoff zur Verfügung« stehe. Dann könne darüber nachgedacht werden, mit dem Impfstoff »in die Fläche zu gehen« und ihn auch in Hausarztpraxen verimpfen zu lassen.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte zuvor eine umgehende Änderung der Impfverordnung gefordert. »Gerade vor dem Hintergrund der steigenden Infektionszahlen dürfen wir jetzt keine Zeit mehr verlieren«, sagte Müller dem »Tagesspiegel«. Der Bund solle möglichst »noch diese Woche« die Impfverordnung anpassen, »damit Arztpraxen schon früher Impfungen vor allem für chronisch Kranke anbieten können«.

Die Bundesregierung betonte die Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffs. Laut Seibert weise die Regierung »bei jeder Gelegenheit« darauf hin, dass der AstraZeneca-Impfstoff »ordnungsgemäß freigegeben worden ist«. Die Bürgerinnen und Bürger könnten »darauf vertrauen«, dass es »ein sicherer und wirksamer Impfstoff ist«, so Seibert.

In ganz Deutschland bleiben Impftermine ungenutzt, wenn der AstraZeneca-Impfstoff verabreicht werden soll, was auch damit zusammenhängt, dass die Ständige Impfkommission den Impfstoff nur von 18 bis 64 Jahre freigegeben hat. Es gab Berichte über die geringere Wirksamkeit und angebliche Nebenwirkungen .

Objektiv betrachtet taugt der Impfstoff von AstraZeneca sehr wohl, um die Pandemie auszubremsen. Die zusammenfassenden Ergebnisse der Zulassungsstudien zeigten für den Impfstoff nach Gabe von zwei Dosen eine Wirksamkeit von 60 Prozent. Das klingt nach wenig, erst recht im Vergleich zu Biontech und Moderna, die auf etwa 95 Prozent kamen. Jedoch gibt die Prozentzahl nicht an, bei wie vielen Menschen der Impfstoff wirkt und bei wie vielen nicht. Er beschreibt, um wie viel Prozent das Risiko der Geimpften, an Covid-19 zu erkranken, gegenüber Ungeimpften sinkt.

EU-Kommissarin warnt vor Lücke zwischen gelieferten und verimpften Vakzinen

EU-Kommissarin Stella Kyriakides hat derweil Deutschland und die übrigen Mitgliedstaaten zum raschen Ausbau ihrer Corona-Impfkampagnen gedrängt. Es sei »entscheidend, dass keine Lücke zwischen den gelieferten und den verabreichten Dosen entsteht und dass keine Impfstoffe ungenutzt bleiben«, sagte Kyriakides am Montag bei einer Onlinekonferenz der EU-Gesundheitsminister.

Die EU-Kommission war selbst scharf kritisiert worden, weil anfangs zu wenig Impfstoff zur Verfügung stand. Doch sollen die Liefermengen vor allem im zweiten Quartal steigen. Kyriakides sagte, die Impfkampagne müsse mit den wachsenden Impfstoffmengen Schritt halten. »Wir müssen so schnell wie möglich impfen, vor allem, da die neuen Virusvarianten ins Spiel kommen«, sagte die Kommissarin.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, der AstraZeneca-Impfstoff sei erst ab 65 Jahren freigegeben, tatsächlich ist er von 18 bis 64 Jahren durch die Ständige Impfkommission freigegeben. In der Überschrift hieß es zudem, die Bundesregierung lehne die Freigabe von AstraZeneca für alle ab. Korrekt ist, dass sie die Aufhebung der Priorisierung im Fall dieses Impfstoffs abgelehnt hat.

höh/Reuters/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.