SPIEGEL-Spitzengespräch über Impfstoffe Lauterbach rechnet mit Sputnik-V-Zulassung in der EU

Kann russischer Impfstoff in Deutschland beim Kampf gegen die Corona-Pandemie helfen? SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zeigte sich im SPIEGEL-Talk optimistisch. Andere Gäste kritisierten die Impfstrategie der Bundesregierung.
SPD-Politiker Karl Lauterbach beim SPIEGEL-Spitzengespräch

SPD-Politiker Karl Lauterbach beim SPIEGEL-Spitzengespräch

Der russische Corona-Impfstoff Sputnik V wird nach Ansicht des SPD-Politikers Karl Lauterbach wahrscheinlich auch in der EU zugelassen werden. Er gehe davon aus, dass die Ergebnisse der am Dienstag veröffentlichten Studie belastbar seien, sagte Lauterbach im SPIEGEL-Spitzengespräch mit Moderator Markus Feldenkirchen. Die Prüfer der Publikation im Fachmagazin »The Lancet« seien »absolute Profis« und »sehr vertrauenswürdig«.

Lauterbach lobte auch das Impfprinzip von Sputnik V als plausibel. Die Kombination von zwei Vektorimpfstoffen sei ein kluges System. Er forderte daher, dass der Wirkstoff sofort von der Europäischen Arzneimittelagentur Ema geprüft werden müsse.

Eine unabhängige Überprüfung der russischen Studie hatte ergeben, dass der Impfstoff nach ersten Ergebnissen tatsächlich eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent gegen einen symptomatischen Verlauf von Covid-19 aufweist. Diese sei höher als etwa beim Präparat von AstraZeneca, sagte Lauterbach.

Russland gab Sputnik V als Erstes weltweit schon im vergangenen Sommer frei, obwohl noch keine großen Studien damit durchgeführt worden waren. Angeblich sind inzwischen mehr als 1,5 Millionen Menschen damit geimpft worden. Der Kreml hat zudem angekündigt, die EU im zweiten Quartal dieses Jahres mit 100 Millionen Dosen versorgen zu können. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich zuletzt nicht abgeneigt. Einen entsprechenden Zulassungsantrag hat Russland Ende Januar eingereicht.

Doch auch der Einsatz von Sputnik V würde die akute Impfstoffknappheit in Europa nicht sofort lindern. Bei einem Impfgipfel im Kanzleramt hatten Bund und Länder am Montag versucht, Klarheit in die deutsche Impfkampagne zu bringen – jedoch weitgehend vergeblich. An der Runde nahmen neben Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Regierungschefs der Länder auch Vertreter von Pharmaunternehmen teil. Lösungen zur raschen Behebung der Knappheit brachte jedoch auch der Gipfel nicht.

»Blamabel«: Wissing kritisiert Impfstrategie der Bundesregierung

FDP-Generalsekretär Volker Wissing zeigte sich im SPIEGEL-Talk »sehr unzufrieden« mit dem Fortschritt der Impfungen und bezeichnete die Bemühungen der Bundesregierung als »blamabel«. Der Impfgipfel sei »viel zu spät« gekommen, entscheidende Versäumnisse seien nicht mehr aufzuholen. Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister forderte, den Impfstoffherstellern durch »Marktanreize« bei der Produktion zu helfen.

Dagegen sprach sich die Linksfraktionschefin Amira Mohamed Ali in dem Livegespräch dafür aus, die Hersteller zu zwingen, ihre Patente herauszugeben. Zwar sei klar, dass dadurch nicht kurzfristig mehr Impfstoff entstehe, sagte Mohamed Ali. Gerade mit Blick auf die neuen Corona-Mutationen sei es aber sinnvoll, langfristig auch anderen Firmen die Produktion zu ermöglichen. Sowohl das Infektionsschutzgesetz als auch das deutsche Patentrecht sähen einen solchen Schritt ausdrücklich vor, sagte die Linkenpolitikerin. Dies müsse man nutzen: »Wenn nicht jetzt, wann dann?«

Lauterbach erteilte dem Vorschlag jedoch eine Absage. Dies würde »auf keinen Fall funktionieren«, sagte der SPD-Politiker. Die komplexe Produktion von mRNA-Impfstoffen wie denen von Biontech/Pfizer und Moderna durch dritte Unternehmen sei nur möglich, wenn der Entwickler aktiv dabei helfe. Ein einfacher Nachbau von Impfstoffen sei hingegen »abwegig«.

Lauterbach lobte das Vorgehen der USA, die in etwa so viel Geld in den Ausbau der Produktionskapazitäten gesteckt hätten wie in die Entwicklung und den Kauf der Präparate selbst. Die Kosten dafür seien lediglich so hoch gewesen wie jene, die ein paar Tage Lockdown für die deutsche Gastronomie verursache, sagte Lauterbach.

Der Berliner Amtsarzt Patrick Larscheid warnte als vierter Gast in der Runde vor schnellen Lockerungen des geltenden Shutdowns. Nötig sei stattdessen »eine Kombination von Wahrheit und Mut«, sagte Larscheid. Das bedeute, bei einer gleichbleibenden Gefahr einer dritten Infektionswelle und angesichts der Mutationen zu sagen: »Es ändert sich nichts, also bleibt es dabei.«

Larscheid bezeichnete es als das »eigentliche Drama«, dass es nicht ausreichend Impfstoff gebe. Denn schon jetzt sei eine »drastische« Ausbreitung der britischen Virusvariante in Deutschland zu beobachten. Dies geschehe in einem Tempo, »das wir noch gar nicht richtig begreifen«, sagte der Amtsarzt.

Ähnlich äußerte sich auch Lauterbach. Die Gefahr durch die wahrscheinlich ansteckenderen Virusvarianten sei groß und erlaube derzeit keine großen Lockerungen der Maßnahmen. Der SPD-Politiker sprach sich aber dafür aus, wenigstens für die Grundschulen Konzepte zu erarbeiten, um die Schäden für die Kinder möglichst gering zu halten. »Wie gut oder wie schlecht der Sommer wird, entscheidet sich auch in den nächsten Wochen, die die schwersten Wochen der Pandemie werden«, sagte Lauterbach.

mes