Christiane Woopen

Verteilungsdebatte Wer bekommt den Impfstoff zuerst?

Christiane Woopen
Ein Gastbeitrag von Christiane Woopen
Schon bald könnten die ersten Impfdosen gegen Corona produziert sein. Über die Frage, wie sie gerecht verteilt werden, entscheiden ethische Kriterien. Ein Vorschlag.
So – oder so ähnlich – wird der Corona-Impfstoff wohl aussehen

So – oder so ähnlich – wird der Corona-Impfstoff wohl aussehen

Foto: Laci Perenyi / imago images/Laci Perenyi

Seit Beginn der Corona-Pandemie wartet die Welt auf einen Impfstoff, nun gibt es die konkrete Hoffnung, dass demnächst ein Serum zugelassen wird, das – so die Angaben der Hersteller Biontech und Pfizer – bei 90 von 100 Geimpften die Infektion verhindert. Doch der Impfstoff wird auch nach seiner Zulassung nicht für jeden sofort verfügbar sein. Deshalb stellt sich die Frage, wie er gerecht verteilt werden kann.

Soll der Zufall entscheiden?

Soll es nach Alter, Beruf oder Einkommen gehen? 

Noch ist nicht bekannt, wie der Impfstoff in unterschiedlichen Altersgruppen und bei Vorerkrankungen wirkt, wie lange sein Schutz anhält und ob geimpfte Personen das Virus übertragen können. Das sind aber wichtige Informationen für eine Verteilung, die die Menschen aus guten und nachvollziehbaren Gründen für gerecht halten können. Wer also soll den Impfstoff zuerst erhalten? Und nach welchen Kriterien soll entschieden werden?

Schutzbedürftige zuerst?

Auf den ersten Blick ist es naheliegend, besonders schutzbedürftige Menschen vorrangig zu impfen: Menschen, die ein hohes Risiko haben, schwer zu erkranken und zu versterben. Damit würden Menschen mit Vorerkrankungen und Alte zuerst Zugang erhalten.

So könnte es sinnvoll sein, Menschen in Pflegeheimen, die das Haus ohnehin nicht verlassen und nur wenige Kontakte haben, nicht vorrangig zu impfen.

In dieser Gruppe gibt es aber erhebliche Unterschiede. Manche stehen mitten im Beruf, andere leben in einem Senioren- oder Pflegeheim, manche sind mobil, andere bettlägerig, manche sehen täglich viele Menschen, andere nur sehr wenige. Diese Unterschiede sollten bei der Verteilung berücksichtigt werden. 

So könnte es sinnvoll sein, Menschen in Pflegeheimen, die das Haus ohnehin nicht verlassen und nur wenige Kontakte haben, nicht vorrangig zu impfen. Dagegen spricht, dass damit scheinbar gerade diejenigen, denen es ohnehin schon schlecht geht, benachteiligt würden. Der Vorwurf der Altersdiskriminierung ist absehbar.

Dieser Vorwurf ließe sich ausräumen, wenn Kontaktpersonen am Eingang von Pflegeheimen mit Schnelltests untersucht werden. Damit würde man alten und pflegebedürftigen Menschen zudem das Risiko möglicher Nebenwirkungen einer Impfung ersparen. In jedem Fall wird deutlich, dass wir den Blick nicht auf die Impfung verengen, sondern das breite Spektrum schützender Maßnahmen immer mit ansehen sollten.

Menschen mit vielen Kontakten

Bevorzugt sollten auch Menschen geimpft werden, die einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, sich oder andere zu infizieren. Das sind nicht nur Menschen in den Gesundheitsberufen, sondern auch in Berufen, die nahen Kontakt mit anderen mit sich bringen wie etwa bei Verkäuferinnen und Verkäufern, aber auch Menschen, die in Gefängnissen oder Heimen leben und tätig sind.

Schwierig wird es bei den Arbeitern in den Fleischfabriken, die durch Corona-Ausbrüche bekannt geworden sind. Hier sollten die erbärmlichen Arbeitsbedingungen abgeschafft und nicht durch bevorzugte Impfungen indirekt stabilisiert werden. 

Und wie sieht es mit den Schulen aus?

Zurzeit sind angeblich mehr als 300.000 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne, betroffen davon sind auch deren Eltern, die dann am Arbeitsplatz fehlen. Deshalb sollte auch dort frühzeitig geimpft werden, da Schulen eine hohe gesellschaftliche Bedeutung haben und ihr Ausfall die Belastung für große Teile der Gesellschaft erhöht. Es sind also nicht nur gesundheitliche Risiken und medizinische Fragen für eine gerechte Verteilung zu bedenken, sondern auch soziale, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte.

Schulen mit vielen Schülern aus prekären Verhältnissen sollten vorrangig berücksichtigt werden.

Die letzten Monate haben gezeigt, dass Menschen, die ohnehin schon benachteiligt sind, durch die Pandemie oft zusätzlich belastet werden. Noch so große Hilfspakete können Ängste und Nöte nicht vollständig heilen, sei es die Sorge um den Arbeitsplatz, häusliche Gewalt oder psychische Krankheiten wie Depression und Sucht. Und wenn die Schule lange ausfällt, kann das Auswirkungen auf das ganze Leben von Kindern haben.

Soziale Ungleichheit als Kriterium

Nach meiner Überzeugung sollte deshalb auch soziale Ungleichheit eine Rolle bei der Verteilung von Impfstoffen spielen. So sollten zum Beispiel Schulen mit vielen Schülern aus prekären Verhältnissen vorrangig berücksichtigt werden. Das würde den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und das langfristig so wichtige Selbstverständnis unseres Sozialstaates unter Beweis stellen, dass Gerechtigkeit und Solidarität zählen. 

Ähnliches gilt für die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen, die nicht nur in Bildung, sondern auch in ihren Freizeitmöglichkeiten derzeit erheblich eingeschränkt sind. Dabei geht es nicht um Partys und Feiern, die zu Spreader-Ereignissen werden können, sondern um Grundbedürfnisse der Entfaltung und Entwicklung wie Sport, gemeinsames Spielen und Musizieren oder einfach nur miteinander Zeit verbringen. Sie sollten auf der Priorisierungsliste nicht zu weit unten stehen, denn Kinder und Jugendliche brauchen Vergewisserungsräume und Zukunftschancen. 

Zusammengefasst sollten also meines Erachtens drei Verteilungskriterien Grundlage einer nationalen Impfstrategie sein:

  • das Risiko für einen schweren oder tödlichen Verlauf der Erkrankung

  • das Risiko, angesteckt zu werden oder viele Menschen anzustecken

  • die Vermeidung besonderer gesellschaftlicher Lasten 

Lassen sich diese Kriterien auf die europäische oder sogar internationale Ebene übertragen?

In dieser Woche haben sich die EU-Kommission und Biontech/Pfizer auf einen Vertrag zur Lieferung von bis zu 300 Millionen Impfstoffdosen geeinigt. Doch wie soll dieser Impfstoff in Europa verteilt werden? Die EU-Kommission hat sich bereits festgelegt, ihr Sprecher bezeichnete den Anteil an der EU-Bevölkerung als das einzig faire Kriterium der Verteilung auf die Mitgliedstaaten. Das mag formal einleuchten, dahinter steht der ethische Anspruch, dass jeder Mensch gleich zählt.

Verteilung nach europäischen Werten

Dabei werden aber die inhaltlichen Kriterien, die in einer auf der Charta der Grundrechte fußenden Wertegemeinschaft zählen sollten, nicht berücksichtigt. Diesen aber verpflichtet sich der Europäische Ethikrat, der in der vergangenen Woche zusammen mit einer Gruppe hochrangiger Wissenschaftsberater eine Stellungnahme vorgelegt hat.

Er empfiehlt, dass die Verteilung knapper Produkte und Dienstleistungen Kriterien des Bedarfs folgen soll, die auf den europäischen Werten der Solidarität, Gleichheit, Nichtdiskriminierung und sozialen Gerechtigkeit beruhen. Besondere Aufmerksamkeit soll benachteiligten Gruppen wie alten Menschen, chronisch Kranken und Menschen mit Behinderungen sowie benachteiligten Regionen auch über die Europäische Union hinaus gelten. 

Dieser Empfehlung widerspricht möglicherweise der Plan des Biontech-Finanzvorstands Sierk Poetting, der "definitiv nicht (will), dass es eine unfaire Überhöhung der Chargen in einzelnen Regionen gibt". Dieser Ansatz wäre problematisch, wenn Poetting damit jede Überhöhung pauschal ausschließt. Denn es könnte durchaus fair und ethisch gerechtfertigt sein, einer älteren Gesellschaft mehr Impfstoff zur Verfügung zu stellen als einer jüngeren. 

Biontech will nun zusammen mit Pfizer über die Verteilung entscheiden. Kann das im Sinne internationaler Gerechtigkeit richtig sein?

Die Weltbank hat kürzlich errechnet, dass die Pandemie weltweit in diesem und im kommenden Jahr bis zu 150 Millionen Menschen in so extreme Armut stürzen wird, dass ihr Überleben in Gefahr ist. Sie werden ein Einkommen von weniger als 1,90 Dollar pro Tag haben. Dieses Problem wird ein Impfstoff nicht lösen, seine gerechte Verteilung aber kann zu einer Linderung beitragen. Möglicherweise treffen die beiden Unternehmen gute Entscheidungen. Trotzdem sollte man es nicht dem Markt und der moralischen Motivation einzelner Unternehmer überlassen, internationale Gerechtigkeit herzustellen. 

Die Pandemie wird weltweit in diesem und im kommenden Jahr bis zu 150 Millionen Menschen in so extreme Armut stürzen, dass ihr Überleben in Gefahr ist.

Vor Kurzem hat die Weltgesundheitsorganisation zusammen mit anderen internationalen Organisationen den "Covid-19 Tool Accelerator" gegründet. Er soll zusammen mit Regierungen, Zivilgesellschaft und Industrie die Entwicklung, die Produktion und den gerechten Zugang zu Corona-Tests, Therapien und Impfstoffen beschleunigen. Diese Kampagne ist ein bedeutsamer Schritt zu international geteilter Verantwortung. Auf der Website von COVAX, dem auf Impfstoffe bezogenen Teil des Tools, ist allerdings ebenfalls zu lesen, dass das Serum nach Bevölkerungszahl auf die teilnehmenden Länder verteilt werden soll. Das halte ich für problematisch.

Verteilungsgerechtigkeit hat einen Maßstab, der dem Verteilen vorausgeht. Wie dringend ein Land im Hinblick auf gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Schäden des Impfstoffs bedarf, wird nicht durch seine Bevölkerungszahl bestimmt. 

Es sollte uns allen darum gehen, Schäden zu vermeiden. Dazu gehört, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen und die massenweise Produktion von Impfstoffen, ihren Transport und die Impfung selbst zu organisieren.

Aufklärung und Transparenz

Aber nehmen wir einmal an, wir hätten ausreichend Stoff zum Impfen – und keiner geht hin. Zu Recht wird immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig Aufklärung, Transparenz und gute Kommunikation sind, damit möglichst viele Menschen einen Impfschutz akzeptieren. Nur wissenschaftliche Daten, die jeder Interessierte verstehen kann, weil sie entsprechend aufbereitet und kommuniziert werden, können das Vertrauen der Bevölkerung fördern und rechtfertigen.

Nur auf einer solchen Grundlage werden sich letztlich ausreichend Menschen impfen lassen, um die sogenannte Herdenimmunität zu erreichen und dafür zu sorgen, dass sich das Virus nicht mehr unkontrolliert ausbreiten kann. 

Eine wichtige Diskussion hat begonnen. Sie sollte breit geführt werden. Noch steht der Impfstoff nicht zur Verfügung. Wer ihn, wenn es so weit ist, zuerst bekommt, wird viel sagen über unser Verständnis von Humanität.

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