Nikolaus Blome

Corona-Politik Impft endlich die Kanzlerin!

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Trotz aller Turbulenzen starr die Impfreihenfolge einzuhalten, ist so was von typisch deutsch. Freie Bahn für freie Bürger!
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

Foto: Annegret Hilse / AFP

Die deutsche Sprache ist ein Wunder, weil man ihre Hauptwörter immer neu verlöten kann und jedes Mal etwas Neues in Händen hält. In vielen anderen Ländern und Sprachen ist das nicht so, da sind die Substantive keusch und nicht kuppelbar. Dieser Tage fügt es sich nun, dass wir in Deutschland wenig Impfstoff haben, dafür aber sehr viele neue Worte mit »Impf«. In anderen Ländern ist das, wie gesagt, andersherum. Da gibt es sehr viel Impfstoff.

Impfdrängler, Impfnachrücker, Impfreihenfolgenleugner, die neuen deutschen Worte kommen in Wogen und mit ihnen die Frage: Was für ein Impfneid (wieder eins!) regiert das Land? Und was für eine Impfneidangst (noch eins!) regiert die hohe Politik?

Ja, ja, gewiss muss man Ordnung in die Abläufe bringen: Wer darf zuerst, die Gefährdeten oder die »Systemrelevanten«? Die Alten oder die Arbeitenden? Die Gesunden oder Sterbenden? Auf sinkenden Schiffen heißt es: Frauen und Kinder zuerst in die Boote. Davon wird im vorliegenden Fall erkennbar abgewichen. Mit dem geistigen Beistand einer Ethikkommission und allerlei weiterer Bedenkenträger wurde eine Impfreihenfolge festgelegt, die sich weitgehend am Lebensalter orientiert. Das hat durchaus Sinn, weil die Ältesten am ehesten gefährdet sind, einer Corona-Infektion zu erliegen. Allein: Wenn die Kohorten hierzulande erst einmal in Reih und Glied stehen, ist für Improvisation und Pragmatismus keine Luft mehr, komme, was wolle. Ach, wie kleinkariert und... deutsch.

Wo aber eine strenge Reihenfolge ist, da sind auch hierzulande immer einige, die aus der Reihe tanzen. In neun der 16 Bundesländer seien »Impfdrängler« auffällig geworden, berichtete die Nachrichtenagentur dpa vergangene Woche, darunter Landräte, Stadträte und ein paar Bürgermeister von Kleinstädten. Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, erwog prompt Strafen für alle von ihnen. In Saudi-Arabien würde ihr Amtskollege vermutlich vorschlagen, den geimpften Arm zwangsweise zu amputieren.

Mich befremdet diese Aufregung. Ja, es ist im Einzelfall unanständig, wenn sich jemand eine Impfung erschleicht. Es wurden aber auch etliche Polizisten und Feuerwehrleute vorfristig geimpft, denen gönne ich es allemal, sie haben die Spritze ja nicht einer sterbenden Großmutter aus dem Arm gezogen, sondern, soweit man weiß, nur Tagesreste geleert. Ich wette: Beim Aufziehen der Hunderttausenden von Spritzen wird mehr Impfstoff verkleckert, als es Impfdrängler gibt.

Nein, es gibt eigentlich nur eine Impfdrängelei, über die nachhaltig zu reden wäre, nämlich Länder und Kommunen jetzt zu höherem Impftempo zu drängeln. Diese Woche muss es sich im Vergleich zur Vorwoche schon verdoppeln, wenn alle bereitliegenden Dosen verbraucht werden sollen. Andernfalls wird Impfdrängelei das neue Containern.

Ich habe große Zweifel, ob ein spürbar höheres Impftempo möglich ist, ohne die starre Impfreihenfolge aufzubrechen. Das heißt: freie Bahn für frei(willig)e Bürger, nicht nur beim AstraZeneca-Stoff. Und es heißt auch: Impft endlich die Kanzlerin und das Kabinett!

In Berlin erzählt man sich, dass Heiko Maas auf Auslandsreisen geradezu gehänselt wird, weil er als deutscher Minister noch nicht geimpft sei. Mitleidige Gastgeber sollen ihm angeboten haben, sich kurzerhand vor Ort impfen zu lassen, aber Maas habe abgelehnt, aus Angst, in Deutschland gekreuzigt zu werden für solchen Frevel an der hochheiligen Impfreihenfolge.

Die Kanzlerin und ihre Minister stellen sich also aus Furcht vor öffentlichem Impfneid hinten an, ich halte das für ganz falsche Bescheidenheit und für wenig selbst- oder rollenbewusst. Angela Merkel hat einen Eid geschworen, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden, und das geht nicht, wenn man mit einem Schlauch im Hals auf der Intensivstation liegt. Es ist geradezu schizophren, Angela Merkel erst in der dritten Prioritätsgruppe dranzunehmen: Wir vertrauen der Kanzlerin das Land an und zahlen ihr dafür ein stattliches Gehalt. Wir lassen sie rund um die Uhr von Spezialkommandos der Polizei bewachen und in stark gepanzerten Limousinen durch die Gegend fahren, damit sie sicher ist. Aber vor Corona schützen wollen wir sie nicht – weil nicht geimpft sein kann, wer nicht geimpft sein darf?

Unter Linken ficht solcher Widersinn kaum jemand an. Dort regiert weiterhin die gleichmacherische Skepsis gegenüber jedweder Form von leistungsbezogener Herausgehobenheit, erst recht, wenn es sich um hohe Funktionsträger des Staates handelt. Für Linke, so meine Erfahrung, heißt die Gleichung: Je höher jemand steht, umso gleicher ist er aus Prinzip zu behandeln. In einer solchen Welt gibt es kein Corona, so wie es in der DDR keinen Mangel gab.

Der gelassene Konservative sieht es anders, denn er hat einen gewissen Respekt vor öffentlichen Ämtern und deren Inhabern, die auf Zeit nun einmal deutlich mehr Verantwortung tragen als der Durchschnittsbürger. Die Bundeskanzlerin ist nicht Frau Irgendwer. Ihre Gesundheit ist ein öffentliches Gut, solange sie im Amt ist, und der Staat hat öffentliche Güter zu schützen. So gesehen könnte sie sich sogar selbst impfen.