Beschlüsse zu AstraZeneca-Impfungen Die doppelte Astra-Volte

Der AstraZeneca-Impfstoff sorgt für Verwirrung: Erst war er nur für unter 65-Jährige empfohlen – nun für alle über 60. Die Bundesregierung wirbt weiter um Vertrauen. Denn sie braucht die Vakzine für ihre Impfstrategie.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel

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CLEMENS BILAN / POOL / EPA

Ab April sollte eigentlich alles besser werden: ausreichende Coronatests , große Mengen an Impfstofflieferungen, Einbeziehung der Hausärzte beim Impfen. Das Impftempo, so machte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kürzlich Hoffnung, werde sich erhöhen.

Doch wie so oft in der Pandemie, scheint auch in diesem Fall wieder zu gelten: Sobald Spahn Hoffnung macht, sobald irgendetwas in dieser Pandemie irgendwie vorangehen könnte, naht die nächste Katastrophe.

So hat die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Empfehlungen für den Einsatz des Coronaimpfstoffs von AstraZeneca nun geändert und damit zwei abendliche Videoschalten von Bund und Ländern veranlasst: Künftig sollen die Vakzinen nur noch Menschen erhalten, die älter sind als 60 Jahre. Ja, richtig gelesen: älter.

Der Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers hat seit seiner Entstehung für Schlagzeilen gesorgt. Meistens waren es keine guten. Als der Impfstoff im Januar in der EU zugelassen werden sollte, gab es die erste Verwirrung um die Wirksamkeit für eine Altersgruppe. Die Stiko empfahl den Stoff nur für Menschen zwischen 18 und 64 Jahren, weil Daten für die Altersgruppe ab 65 fehlten. Also wurde der Impfstoff vor allem an medizinisches Personal verimpft. Nach weiteren Studien empfahl die Stiko das Produkt auch für über 65-Jährige. Damit stieg die Hoffnung, die Vakzine besonders für die Impfungen in den Arztpraxen einsetzen zu können. Und gerade als es mit dem Impfen richtig losgehen sollte, traten die ersten Fälle der Sinusvenenthrombose auf. Nachdem andere EU-Länder die Coronaimpfungen mit dem Impfstoff ausgesetzt hatten, entschloss sich auch Deutschland dazu  und stoppte die Impfungen für ein paar Tage.

Unter den 1,6 Millionen Erstimpfungen mit der Vakzine waren in Deutschland zu dem Zeitpunkt sieben solcher Fälle bekannt. Inzwischen ist der Impfstoff wieder in Deutschland zugelassen und die Zahl der Thrombosen auf 31 gestiegen. Neun der erkrankten Menschen sind gestorben. Vor allem Frauen unter 60 sind betroffen.

Nach der Entscheidung der Stiko trafen sich erst die Gesundheitsminister der Länder und dann die Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Allen dürfte zu Beginn ihrer Konferenzen bereits klar gewesen sein: Sie werden der Empfehlung der Stiko folgen.

Für die Gesundheitsminister der Länder ging es deshalb vor allem um Organisatorisches: Reichen die anderen Impfstoffe oder müssen jetzt Termine abgesagt werden? Was tun mit den jüngeren Menschen, die bereits eine Impfung erhalten haben? Denn bislang ist die Kombination verschiedener Coronaimpfstoffe noch nicht ausreichend erprobt – und wird deshalb auch nicht vom RKI empfohlen. Die Lösung der Gesundheitsminister lautete deshalb erst mal: abwarten.

2,2 Millionen Menschen haben bereits erste Impfung mit AstraZeneca erhalten

Entweder werde die Stiko eine Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff in nächster Zeit erlauben – das Institut will sich dazu bis Ende April äußern – oder die Geimpften könnten sich auf eigene Entscheidung mit der Vakzine ein zweites Mal impfen lassen. 2,2 Millionen Menschen haben inzwischen bereits eine Erstimpfung mit AstraZeneca erhalten. Sie haben bis Anfang Mai Zeit, sich zu entscheiden. So lange hält die Wirkung der ersten Dosis vor.

Die über 60-Jährigen sollen dagegen flexibler mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft werden. Ihre Gruppe sei immerhin groß, meint ein Sprecher der Gesundheitsministerin aus Bremen gegenüber dem SPIEGEL. Wenn sie sich impfen lassen wollten, dann bekäme man den Impfstoff auch zügig verimpft. Für Bremen mag das stimmen: Die Stadt hat bis Anfang März so gut wie alle AstraZeneca-Dosen aufgebraucht. In anderen Teilen Deutschlands sieht es schlechter aus. In Berlin etwa bleiben zahlreiche Impftermine mit der Vakzine derzeit ungenutzt. Rund 3,4 Millionen Dosen hat AstraZeneca bis Anfang der vergangenen Woche nach Deutschland ausgeliefert, 1,4 Millionen davon wurden noch nicht als verimpft gemeldet . Das ist fast jede zweite Dosis.

Und so wächst mit dieser nächsten Schlagzeile in den Gesundheitsministerien die Angst, dass der Impfstoff nun von der Bevölkerung noch schlechter angenommen wird. Dabei rechnete Deutschland zuletzt mit 16,9 Millionen Impfdosen des Unternehmens im zweiten Quartal.

Keine Notzulassung für Sputnik ohne Daten

In der Runde mit Merkel und den Länderchefs wurde laut Teilnehmern auch über den russischen Impfstoff Sputnik gesprochen. Der ist bislang von der Europäischen Arzneimittel-Agentur Ema nicht empfohlen worden, wird aber etwa im EU-Land Ungarn bereits auf Grundlage einer nationalen Notfallzulassung eingesetzt.

Spahn beklagte sich laut Teilnehmern in der Schalte über fehlende Daten aus Russland: »Solange wir keine Daten haben, mache ich keine Notzulassung, nur weil Ungarn eine gemacht hat.« Er halte das für nicht verantwortbar. »Wir alle zusammen müssen unseren russischen Kontakten sagen, dass sie die Daten einreichen müssen. Ohne Daten keine Zulassung, weder europäisch noch national.«

Die Bundeskanzlerin habe indes berichtet, sie habe kurz zuvor eine Videokonferenz mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron gehabt. Sie und Macron hätten den russischen Präsidenten noch einmal eindringlich gebeten, die Zulassungsdaten bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur abzugeben.

»Die Kommunikation ist jetzt ganz wichtig.«

Angela Merkel

Bund und Länder überlegten außerdem, wie man das Problem am besten verkaufen sollte. Laut Teilnehmern sagte Merkel in der gemeinsamen Videoschalte: »Die Kommunikation ist jetzt ganz wichtig.« Die Stiko habe nicht gesagt, dass der Impfstoff für unter 60-Jährige tabu sei, sondern für die über 60-Jährigen empfohlen werde. Der Einsatz unter dieser Altersgrenze bleibe »nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoakzeptanz nach sorgfältiger Aufklärung möglich«. Die Stiko habe das sehr klug formuliert. »Ich gebe mich trotzdem keiner Illusion hin, welche Botschaft das bedeutet.«

Die Botschaft ist keine gute. Das weiß auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.

»Es wird sehr schwer werden, das Ganze so darzustellen, dass kein Vertrauensverlust entsteht.«

Laut Teilnehmern soll er in der Schalte gesagt haben: »Es wird sehr schwer werden, das Ganze so darzustellen, dass kein Vertrauensverlust entsteht.« Wieder warnte Söder vor einer starren Impfreihenfolge und pochte auf eine deutlich stärkere Einbeziehung der Hausärzte: »Wir werden mit diesen ganzen starren Prioritäten vom Tempo her im Wald landen.« Er rate gerade bei einem Impfstoff wie AstraZeneca, »der nicht weggehen wird wie warme Semmeln«, zu maximaler Flexibilität. Die Klausel im Beschluss – nach ärztlicher Beratung und auf eigenes Risiko – »die würde ich schon offensiv interpretieren«.

Doch ob die Bürger am Ende bei dem Altersgrenzenwirrwarr noch durchblicken? Und vor allem: Noch Vertrauen haben?

»Impfen ist fast immer die bessere Entscheidung.«

Jens Spahn

Bei einer anschließenden Pressekonferenz betonten Merkel und Spahn, impfen beruhe auf Vertrauen. Beide wollen dieses nach Möglichkeit erhalten, indem sie »Offenheit« und »Transparenz« signalisieren. Spahn behalf sich zudem mit Pragmatismus. »Wenn es nun schon so ist, hilft die nüchterne Betrachtung«, sagte er. Alle 60- bis 69-Jährigen könnten bereits jetzt mit der Vakzine geimpft werden. Er bat alle über 60-Jährigen, das Angebot wahrzunehmen: »Impfen ist fast immer die bessere Entscheidung.«

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