Vor dem Impfgipfel Länderchefs drängen auf rasches Impfangebot für Kinder und Jugendliche

Auf dem Impfgipfel beraten Bund und Länder darüber, ob und wie schnell Minderjährige geimpft werden. Die Impfkommission zögert mit einer raschen Empfehlung – Niedersachsens Ministerpräsident zeigt sich darüber irritiert.
Abiturientin und Abiturient: Inzidenz von 98

Abiturientin und Abiturient: Inzidenz von 98

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Sebastian Gollnow / picture alliance / dpa

Die Gesamtinzidenzen in Deutschland sinken rapide – allerdings nicht bei Kindern und Jugendlichen. Auf einem eigenen Impfgipfel wollen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten an diesem Donnerstag beraten, ob und wann Kinder und Jugendliche gegen das Coronavirus geimpft werden können. Die ersten Länderchefs fordern bereits ein schnelles Impfangebot.

»Kinder und Jugendliche können sich infizieren und das Virus weitergeben, deshalb müssen sie ein Impfangebot bekommen – sofern eine Zulassung vorliegt, bei der Nutzen und Risiken abgewogen wurden«, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Zuletzt signalisierte jedoch die Ständige Impfkommission (Stiko), möglicherweise vorerst keine generelle Impfempfehlung für Kinder auszusprechen. Weil kann das nicht verstehen: »Dass die ständige Impfkommission nun plötzlich den Sinn einer flächendeckenden Impfung von Schülerinnen und Schülern grundsätzlich infrage stellt, irritiert mich und auch viele andere Menschen.«

Von der Bundesregierung forderte Weil, die notwendigen Impfdosen für eine Impfung der Schüler zur Verfügung zu stellen. »Der Bundesgesundheitsminister hat die klare Erwartung geweckt, dass allen Schülerinnen und Schülern ein Impfangebot gemacht wird, sobald der Impfstoff für sie zugelassen ist. Ich erwarte, dass der Bund dann auch die entsprechenden Impfstoffdosen in ausreichender Zahl zur Verfügung stellt«, so Weil.

100er-Inzidenz bei den Jugendlichen

Kinder sind am Ende der dritten Welle besonders gefährdet. Immer mehr Schulen öffnen wieder für den Präsenzunterricht, gleichzeitig sind Impfungen für Kinder bisher nicht zugelassen. Am Donnerstagmorgen wies das Robert Koch-Institut (RKI) den Bundesschnitt mit 41 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner aus. Bei Kindern und Jugendlichen jedoch sind die Zahlen weiter gefährlich hoch: So liegt die Sieben-Tage-Inzidenz der 15- bis 19-Jährigen laut RKI aktuell bei 98, die der 10- bis 14-Jährigen gar bei 100,9 – es ist die einzige Altersgruppe mit einer Inzidenz über 100.

Der Impfgipfel mit Merkel muss nun klären, wie die konkrete Organisation von Impfungen für Jugendliche beispielsweise über Schulen oder Arztpraxen aussehen könnte – und ob zusätzlicher Impfstoff dafür da ist. Angestrebt wird, bis Ende August allen über Zwölfjährigen Impfangebote zu machen. Zuvor muss jedoch die EU-Arzneimittelbehörde EMA voraussichtlich an diesem Freitag über eine entsprechende Zulassung für den bisher ab 16 Jahren zugelassenen Impfstoff von Biontech und Pfizer entscheiden.

Der Chef des Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, begrüßte die zurückhaltenden Signale der Stiko. Auf die Frage, ob er eine solche Entscheidung für richtig halte, sagte er dem »Handelsblatt«: »Ja. Es wäre durchaus nachvollziehbar, wenn die Stiko keine Impfempfehlung aussprechen würde. Die Studienlage zum Infektionsrisiko von Kindern ist bislang sehr dünn.«

Der Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen von den Grünen sieht eine Bevorzugung von Schülern bei den Corona-Impfungen auch aus anderen Gründen kritisch. »Wichtig ist, Eltern zu impfen, Angehörige, Verwandte zu impfen, Lehrerinnen, pädagogisches Personal zu impfen, bevor wir dann in einem letzten Schritt – im Falle einer Empfehlung durch die Ständige Impfkommission (Stiko) – auch dazu kommen, Teile von Kindern und Jugendlichen impfen zu können«, sagte Dahmen im ARD-»Morgenmagazin«. Bisher seien noch viele Menschen in den Risikogruppen nicht geimpft.

Dahmen, der selbst Arzt ist, verwies darauf, dass die Zulassung der EMA zunächst nur die Altersgruppe ab zwölf Jahren betreffen wird, man werde also sowieso weitere Schutzmaßnahmen ergreifen müssen. »Hier müssen wir gegensteuern, durch Schutzmaßnahmen, durch Testen, indem wir Schule wirklich sicher möglich machen für alle Altersgruppen.«

Müller will Impf-Infrastruktur aufrechterhalten

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller drängt hingegen auf baldige Impfungen von Kindern und Jugendlichen. »Es ist gut, dass die Dynamik der Impfkampagne zunimmt. Wir dürfen uns darauf aber nicht ausruhen und müssen jetzt die Weichen stellen für die nächsten Schritte«, sagte Müller der Nachrichtenagentur dpa. Wichtig sei eine gute Organisation für die kommenden Wochen, wenn die Impfpriorisierung aufgehoben werde, so der SPD-Politiker, der auch Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) ist. »Und wir brauchen einen realistischen Fahrplan für mögliche Impfangebote bei Kindern und Jugendlichen, der die Impfstofflieferungen und die Verteilung unter den Ländern berücksichtigt.«

»Was wir jetzt vor allem brauchen, ist eine schnelle Klärung der offenen Fragen«, sagte Müller weiter. »Mit Blick auf die nächsten Monate dürfen wir jetzt nicht den Fehler machen, kurzsichtig eine gute Infrastruktur abzuwickeln.« Das gelte für das Testen ebenso wie für das Impfen. »Wenn Auffrischungsimpfungen nötig werden, zählt Geschwindigkeit. Auf solche Szenarien muss die Impfkampagne jetzt vorbereitet werden.«

Auch SPD-Chefin Saskia Esken drängt auf ein schnelles Impfangebot für Minderjährige. »Kinder und Jugendliche haben jetzt weit über ein Jahr auf vieles verzichten müssen und leiden besonders unter den Einschränkungen in der Pandemie«, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. »Wenn sichergestellt ist, dass die Impfstoffe ausreichende Wirksamkeit haben und keine schweren Nebenwirkungen auftreten, plädiere ich deshalb dafür, Kindern über zwölf Jahren und allen Eltern zügig ein Impfangebot zu machen.«

Angesichts der unterschiedlichen Signale aus der Politik und Wissenschaft fürchtet der Präsident des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger »einen großen Vertrauensverlust bei Lehrern und Schülern, weil Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt vorgeprescht ist mit dem Impfversprechen bis Ende August, die Ständige Impfkommission aber deutlich bremst«, sagte Meidinger der »Neuen Osnabrücker Zeitung«.

Sein Lehrerverband begrüße schnelle Impfungen für Kinder und Jugendliche. »Aber wenn die Stiko sagt, dass die Risiken noch zu wenig untersucht wurden, können und wollen wir das als Lehrerverband nicht anzweifeln.«

mrc/fok/AFP/dpa
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