Nikolaus Blome

Impftrödler Prämie oder Prügel?

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Statt über Menschen zu debattieren, die sich »zu früh« impfen lassen, sollten wir lieber über die reden, die es gar nicht tun wollen. Das ist ihr gutes Recht. Aber natürlich werden sie dadurch soziale Nachteile haben.
Impfkampagne der Bundesregierung

Impfkampagne der Bundesregierung

Foto: Christian Ditsch / imago images

Nach dem vergeigten Impfstart zu Beginn des Jahres ist Deutschland inzwischen mit einem Tempo unterwegs, das höher ist als das der USA oder Großbritanniens. Beide Staaten liegen in der Gesamtbilanz zwar noch deutlich in Front, aber die weiteren Fortschritte gestalten sich dort zäh und zäher. Impftrödler und Impfverweigerer sind wie Kleister. Nun steckt man drin.

Im Bundesstaat Ohio geht der Gouverneur deswegen so weit, eine Lotterie auszuloben: Die Impflinge einer Woche sollen daran teilnehmen dürfen und eine Million Dollar gewinnen können. Ungeimpfte, man ahnt es, dürfen nicht mitmachen. Das ist eine gut gelaunte Eskalation nach Gratis-Donuts, Gratis-Joints und anderen kleinen Anreizen für Impfbereite. Think big, typisch Amerika. Und jetzt frage ich mich: Wäre so etwas auch in Deutschland möglich? Schließlich ist die Zahl der pflichtvergessenen Impfzögerer, die sich in einschlägigen Umfragen outen, immer so hoch, dass sie das Erreichen der »Herdenimmunität« unnötig hinauszögern oder blockieren könnten. Wir gesamtgesellschaftlich also alsbald in den Kleister (siehe oben) treten.

Auf zuckerschweres Naschwerk oder auf fettige Burger zurückzugreifen – da wäre in Deutschland die grüne Ernährungspolizei vor, und die sitzt bald in der Bundesregierung. Das fällt also aus. Dann ein kleiner Einkaufsgutschein? Vielleicht, aber auf Druck der SPD nur nach Einkommen sozial gestaffelt und unter Vorlage eines fälschungssicheren Steuerbescheids, für den Peter Altmaier die Software programmiert. Nicht schlecht die Idee, aber leider erst etwas für Pandemien ab 2030. Oder wird Armin Laschet im schicken Smoking bald öffentlich raunen: »Ich mache dir ein Angebot, das du nicht ausschlagen kannst!« – also doch die Million?

Kreatives Tempo beim Impfen zu ächten, darauf kann nur kommen, wer »gleich« für wichtiger hält als »gut«.

Ehrlich gesagt, ich glaube an nichts dergleichen. Das alles ist entweder zu einfach oder zu groß gedacht in einem Land, dessen Politiker öffentlich lieber über Strafen für »Impfdrängler« diskutieren. So nämlich werden dieser Tage all jene Mitbürger verunglimpft, die ein bisschen Eigeninitiative entwickeln und sich lokale Lockerungen der Impfreihenfolge oder Restposten in den Impfzentren zunutze machen. Kreatives Tempo beim Impfen zu ächten, darauf kann nur kommen, wer »gleich« für wichtiger hält als »gut« und sei es »gleich schlecht«, und ja, ich meine alle Geisteslinken in den Parteien. Man redet lieber über Druck auf Impfdrängler als über Druck auf Impftrödler, wiewohl letztere das größere Problem sind und man die Uhr danach stellen kann, wann es wie in den USA überhandnimmt. Aber auf dem Weg raus aus der Pandemie ist die Bundesregierung von nahezu jeder Debatte erst überrascht und dann überrollt worden.

Geht es in Deutschland also nur auf die harte Tour? Christian Drosten etwa will den Virus selbst machen lassen: In einer überraschend wenig beachteten Folge seines Podcasts erklärte er jüngst, dass »diejenigen, die sich aktiv gegen die Impfung entscheiden, wissen müssen, dass sie sich damit auch aktiv für die natürliche Infektion entscheiden«. Er sage das »ohne jede Wertung«, schob Drosten nach. Im Klartext: Wer zu spät impft, den bestraft das Leben mit einer womöglich lebensgefährlichen Infektion. Auch eine Art von Dialektik.

Nein, ich denke, wir müssen auf die sozialen Nachteile für freiwillig Ungeimpfte zurückkommen, die ich an dieser Stelle bereits Anfang Dezember in Aussicht gestellt habe. Das hat damals einen mittleren Empörungssturm in den sozialen Medien ausgelöst, aber auf diese Nachteile läuft es nun geradewegs zu, und ja, der pragmatische Liberal-Konservative behält ganz gern auch einmal Recht und fühlt sich gut dabei. Denn es bleibt wahr: Wer sich die Freiheit nimmt, eine Impfung abzulehnen, der sollte die Größe haben, anderen die Freiheit zu gewähren, nur Geimpfte in sein Restaurant, sein Kino oder seinen Laden zu lassen. Da es nun einmal einen faktischen Unterschied zwischen geimpft und ungeimpft gibt, möge jeder seine Seite wählen, aber die Folgen ohne zu jammern dann auch tragen. Es ist übrigens nicht der böse Staat von Bill Gates' Gnaden, der das so fügt, sondern das Bundesverfassungsgericht und die Marktwirtschaft, mithin zwei Instanzen, zu denen man rechts der Mitte nahezu unbegrenztes Vertrauen hat.

There is no such thing as free lunch, betitelte Milton Friedman vor 45 Jahren ein bahnbrechendes Buch. Der Mann hat als Neoliberaler seit geraumer Zeit keinen guten Ruf mehr, zu Unrecht, wie ich meine. Und es lohnt sich daran zu erinnern: Das alte Leben vor Corona ist mehr als ein Mittagessen, das gibt es garantiert nicht umsonst zurück, und schon gar nicht für Trittbrettfahrer.

US-Präsident Joe Biden twitterte dieser Tage in beneidenswerter Klarheit: »Die Regel ist einfach: Lassen Sie sich impfen. Oder tragen Sie eine Maske, bis Sie es tun. Sie haben die Wahl.« In Deutschland bräche ein Sturm los, käme Angela Merkel mit so einem Satz: Dass die Masken also die neuen gelben Sterne seien, würde es heißen. Dass die Masken die Gesellschaft spalten. Dass die Masken sozial deklassieren und Privilegien schaffen. In den USA sagt man dagegen: Deal! Und ich sage: Amerika, du hast es besser.