Nikolaus Blome

Corona Ungeimpft? Selber schuld!

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Wie oft wollen wir noch Impfdebatten führen, die allesamt an dem einen Punkt enden, der da heißt: So was kommt von so was.
Bratwurst im Brötchen als Impfbelohnung

Bratwurst im Brötchen als Impfbelohnung

Foto: Hendrik Schmidt / picture alliance / dpa-Zentralbild / dpa

Zu den wenigen paradigmatischen Sätzen, die von Angela Merkel bleiben werden, gehört dieser: »Sie kennen mich.« Und dieser hier auch: »Politik ist Wiederholung. Wiederholung. Wiederholung.« Wer zwischen dem zweiten und dem ersten Satz einen kausalen Zusammenhang vermutet, liegt seit 16 Jahren richtig. Aber müssen wir das wirklich bis zum Stillstand aller geistig-intellektuellen Körperfunktionen auch in der Corona-Debatte durchhalten? Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung, bis der Arzt kommt oder das Impftempo doch wieder steigt? Das liegt übrigens im Osten der Republik deutlich hinter dem im Westen, aber dazu sage ich heute nichts.

Die Dinge liegen doch wie folgt: Geimpfte im Erwachsenenalter infizieren sich (und andere) nur sehr selten. Und unter denen, die in den Krankenhäusern mit Corona behandelt werden, sind die Geimpften eine verschwindend kleine Gruppe im Vergleich zu den Ungeimpften. Wiewohl das alles komplett vorhersehbar war, gibt es trotzdem eine gar nicht kleine Gruppe von Erwachsenen, die sich impfen lassen könnte – aber nicht will. Diese leider nur noch langsam schrumpfende Gruppe freiwillig Ungeimpfter sieht sich nun mit gewissen Konsequenzen ihres (Nicht-)Tuns konfrontiert. Aber begehrt an jeder Stelle neu auf.

Können bitte die, Himmel, die so fürchterlich stolz darauf sind, gegen den Strom zu schwimmen, einfach akzeptieren, dass sie… gegen den Strom schwimmen?

Damit muss sich die Politik auseinandersetzen, dafür ist sie da. Aber in dieser Dauerschleife kommt man sich vor wie beim Elternabend oder in der Marxismus-Leninismus-Schulung. Rechte und Pflichten für Geimpfte, Genesene und Getestete, 3G oder 2G, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität – alles wird an jedem einzelnen Punkt von null an neu durchdekliniert, es sind immer wieder dieselben Versatzstücke, und ich kann nicht mehr. Auch die vergangene Woche war geprägt von zähen Rückzugsgefechten all jener, die nicht wahrhaben wollen, dass sie in eine Minderheitenposition geraten.

  • Zunächst ging es um die Frage, ob in Zügen die 3G-Regelung gelten solle, also keine Beförderung mehr für Menschen, die nicht geimpft, genesen oder frisch getestet sind. Das könne man doch gar nicht kontrollieren, hieß es aufgeregt. Ach ja? Im Vorort-Zug oder im knallvollen Innenstadtbus heißt es zu den unpassendsten Momenten »Fahrscheinkontrolle!«, das geht ja auch. Für Fernzüge gilt das erst recht, wo über mehrere Stunden Fahrtzeit der Schaffner mindestens einmal vorbeischaut. Aber nein, 3G in Bussen und Bahnen wurde vorerst abgeräumt, kleiner Sieg für die Ungeimpften, verstehe das, wer kann.

  • Dann stritt man über das Recht der Arbeitgeber zu erfahren, ob ihre Mitarbeiter geimpft sind oder nicht. Das gehe zu weit, hieß es empört, und wäre der Wochenvorrat an »Stasi!«-Vorwürfen nicht schon für das Steuermeldeportal in Baden-Württemberg draufgegangen, hätte bestimmt jemand »Impf-Stasi!« gerufen. Hier immerhin wurde ein kleiner Fortschritt für bestimmte Branchen erzielt, und der Wirtschaftsminister hat recht, wenn er sagt: Dabei wird's nicht bleiben, liebe Leute. Wie sollen Unternehmen, gerade die kleinen und mittleren, jemals wieder Tritt fassen, wenn sie ihre neuen Post-Corona-Abläufe ohne die zentrale Kennziffer abstecken müssten – den Impfstatus bzw. die Gesundheit ihrer Mitarbeiter?

  • Ebenso bizarr ist der Unmut darüber, dass Ungeimpfte in absehbarer Zeit die Schnelltests selber bezahlen sollen, die sie zur Teilnahme an bestimmten Teilen des öffentlichen Lebens berechtigen werden. »Wie ungerecht!«, hieß es neunmalklug, für Zigarettenraucher oder Extremskifahrer würden ja auch keine kostenpflichtigen Auflagen gemacht. Doch nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich: Auch der Raucher wird auf Kosten der Allgemeinheit der (nichtrauchenden) Versicherten behandelt, wenn er Krebs kriegt. Genauso, wie der Ungeimpfte mit Corona.

Wenn in dieser Debatten-Endlosschleife niemand mehr schlauer wird, aber jeder rammdösig, dann möchte ich ein für alle Mal sagen: Ungeimpft? Selber schuld! Und für die nächsten Monate gilt: So was kommt von so was, hohe Ansteckungsgefahr inklusive.

Können also bitte die, Himmel, die so fürchterlich stolz darauf sind, gegen den Strom zu schwimmen, einfach akzeptieren, dass sie… gegen den Strom schwimmen? Ist es nicht sogar so, dass die Anti-Impf-Helden in Wahrheit gar nicht mit uns Merkel-ferngesteuerten, Bill-Gates-gechippten Voll-Lurchen im selben Restaurant sitzen oder ins Kino gehen wollen? Sie haben sich eine eigene Welt gebaut, um unter ihresgleichen zu sein, nun sollen sie halt ein Restaurant nur für Ungeimpfte aufmachen, einen Tanzschuppen oder eine Taxikette. Mir egal.

Jeder kann ungeimpft sein und stolz darauf. Aber wer sich mit einigem Türenschlagen aus einer Welt verabschiedet, sollte nicht beanspruchen, in ebendieser Welt, die er gerade verlassen hat, weiterhin das große Wort zu schwingen. Das ist ein performativer Widerspruch, und es überrascht mich, wie viele Liberale und Konservative das nicht sehen mögen. Ja, die Mündigkeit des Einzelnen ist ein Dreh- und Angelpunkt freiheitlichen Denkens. Und ja, die Freiheit, sich in den eigenen Fuß zu schießen, gehört dazu. Aber, mimimi, man muss dann auch den Schmerz ertragen können.

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