Knapper Corona-Impfstoff Spahn lässt Verzögerung der zweiten Dosis prüfen

Gesundheitsminister Jens Spahn erwägt nach SPIEGEL-Informationen mehrere Maßnahmen, um die Impfungen in Deutschland zu beschleunigen. Womöglich könnten die bereits verfügbaren Dosen anders verteilt werden.
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): Probleme beim Impfstart

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): Probleme beim Impfstart

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Um größere Teile der Bevölkerung schnell gegen das Coronavirus zu immunisieren, prüft das Bundesgesundheitsministerium eine Verlängerung des Abstands zwischen der ersten und der zweiten Impfdosis. Dies geht aus einem Papier des Ministeriums hervor, das dem SPIEGEL vorliegt.

Durch eine Verlängerung der Zeitspanne zwischen den beiden Einzelimpfungen könnte die Verfügbarkeit des Impfstoffs so kurzfristig erhöht werden. Das Ministerium habe die Ständige Impfkommission des Robert Koch-Instituts um eine Prüfung des Vorgehens gebeten, heißt es in dem Papier. Dabei orientiert sich das Ressort von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Vorgehen Großbritanniens, wo eine Verlängerung des Zeitraums zwischen den Impfungen weit über die maximal vorgesehene Zeit von 42 Tagen bereits möglich ist.

Bislang wurden in Deutschland 1,34 Millionen Impfdosen der gemeinsamen Hersteller Biontech und Pfizer ausgeliefert. Da sich in der Praxis herausgestellt habe, dass aufgrund einer »Überfüllung« der Fläschchen statt fünf vorgesehener Impfdosen sechs Dosen entnommen werden können, befürwortet das Ministerium dem Papier zufolge außerdem dieses Verfahren.

Dies sei »bei Einhaltung aller Sorgfaltspflichten« in Absprache mit dem Paul-Ehrlich-Institut und dem Hersteller bereits am 27. Dezember 2020 gegenüber den Ländern befürwortet worden, heißt es. Mittlerweile liege ein Antrag auf eine entsprechende Änderung der Zulassung vor. Dies könnte dem Ministerium zufolge die Zahl der zur Verfügung stehenden Impfdosen um bis zu 20 Prozent erhöhen und statt 1,34 Millionen »bis zu 1,6 Millionen Impfungen« ermöglichen.

Biontech will Kapazitäten verdoppeln

Zudem will der Bund den Hersteller Biontech beim Ausbau seiner Kapazitäten unterstützen. Das Paul-Ehrlich-Institut als Bundesoberbehörde soll dazu gemeinsam mit dem Land Hessen den Produktionsstart in einem neu gekauften und hergerichteten Werk in Marburg begleiten, der noch für Februar vorgesehen ist. Biontech strebt demnach eine Verdoppelung der Produktionskapazität an.

Zur Entspannung der Lage könnte auch die Zulassung des durch den US-Konzern Moderna entwickelten Impfstoffs beitragen, für die die Europäische Arzneimittelagentur Ema zuständig ist. Das Gesundheitsministerium geht davon aus, dass die finale Stellungnahme des wissenschaftlichen Ausschusses der Ema und die anschließende Zulassung »sehr zeitnah« anstehen, voraussichtlich schon am 6. Januar.

In den ersten Wochen sei »mit mindestens 1,5 Millionen Dosen dieses Impfstoffs zu rechnen«. Insgesamt habe sich Deutschland über die europäischen Verträge 50 Millionen Impfdosen für 2021 von Moderna gesichert. Auch bei diesem Präparat sind für einen bestmöglichen Impfschutz zwei Dosen notwendig.

Spahns Ministerium setzt zudem auf eine schnelle Prüfung des Impfstoffs von AstraZeneca und der Oxford-Universität, der in Großbritannien bereits freigegeben wurde. Auch der Ema liegt ein Antrag im sogenannten Rolling-Review vor, einem beschleunigten Zulassungsverfahren. Dieser werde vom deutschen Paul-Ehrlich-Institut und den anderen nationalen Arzneimittelbehörden der EU »mit Hochdruck bewertet«, heißt es in dem Papier des Gesundheitsministeriums. Ziel sei es, »zeitnah über den weiteren Weg zu und den Umfang einer Zulassung zu entscheiden«.

Länderchefs kritisieren Verteilung

Spahn steht mit dem Gesundheitsministerium bei der Beschaffung von Impfstoffen unter Druck, da die von ihm mitgetragene Bestell- und Einkaufsstrategie der EU-Kommission zur derzeitigen Knappheit in Deutschland beigetragen hat. Kritik daran äußerte auch Biontech-Chef Uğur Şahin im Gespräch mit dem SPIEGEL .

Am Montag berät die Gesundheitsministerkonferenz der Länder über die Impfstrategie. Mehrere Länderchefs hatten sich zuletzt über die Impfstoffknappheit und die Verteilung durch das Bundesgesundheitsministerium beklagt – unter anderem Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Er sieht den Stadtstaat bei der Impfstoffzuteilung für medizinisches Personal benachteiligt. Für Hamburg werde mit Dosen für 1,85 Millionen Menschen kalkuliert, dabei übernehme die Hansestadt auch die Gesundheitsversorgung für das Umland und somit für rund fünf Millionen Menschen, so Tschentscher. Der Bedarf im Gesundheitssektor sei entsprechend höher.

ire/mes/cos