Trotz aktueller Entspannung Politiker warnen vor Delta-Welle

In Deutschland könnte die Delta-Variante des Coronavirus bald vorherrschend sein – mit womöglich gravierenden Folgen im Herbst. Die Opposition fordert schon jetzt konkrete Maßnahmen.
Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU)

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU)

Foto: Boris Roessler / dpa

Die Coronazahlen in Deutschland sinken – aber die Sorge vor einer Ausbreitung der Delta-Variante wächst. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) schließt deshalb eine Rückkehr zu Kontaktbeschränkungen nicht aus. »Ich rechne damit, dass die Delta-Variante in einem Monat auch in Deutschland die vorherrschende Variante ist«, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Bei der Delta-Variante handelt es sich um eine zunächst in Indien nachgewiesene Variation des Coronavirus Sars-CoV-2, die sich aktuell in vielen Ländern rasant ausbreitet. Als gesichert gilt, dass sie deutlich ansteckender ist als alle anderen bisher bekannten Varianten.

DER SPIEGEL

Man könne nicht ausschließen, dass Menschen infiziert aus dem Sommerurlaub zurückkehrten, sagte Bouffier. Auch davon hänge ab, »ob wir eine vierte Welle bekommen und wieder zu Kontaktbeschränkungen zurückkehren«, so Bouffier. »Ausschließen können wir das nicht.«

Mit der Ansicht ist Bouffier nicht allein. Auch Bundesgesundheitsminister und Parteikollege Jens Spahn glaubt, dass trotz derzeit sehr niedriger Inzidenzen im Herbst und Winter voraussichtlich nach wie vor Maßnahmen wie Maskenpflicht oder auch Wechselunterricht notwendig sein werden. Es sei eines der Hauptziele, das normale Schulleben so lange wie möglich zu bewahren. Doch: »Wir müssen auf alles vorbereitet sein.«

Die Opposition moniert angesichts der erwarteten Entwicklung Tatenlosigkeit. »Das Politikversagen, das wir im letzten Jahr durch fehlende Luftfilter in Schulen, volle Busse und Bahnen und viel zu wenig Schutz am Arbeitsplatz erleben mussten, darf sich nicht wiederholen«, sagte Linken-Fraktionschefin Amira Mohamed Ali der »Welt«. Sie fordert einen konkreten Fahrplan, wie der Delta-Variante begegnet werden soll: »Die Bundesregierung muss endlich aus ihren Fehlern lernen und die Strukturen schaffen, um einen guten Herbst und Winter zu ermöglichen.«

Auch der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen forderte im ARD-»Morgenmagazin« konkrete Maßnahmen zur Eindämmung: »Wir müssen jetzt Quarantäneregeln bei Reiserückkehrern auch wirklich konsequent umsetzen. Und wir werden auch bei Zusammenkünften wie in Fußballstadien konsequent Masken brauchen.« Schüler dürften nach den Sommerferien nicht die Leidtragenden sein. Die Bundesregierung müsse entsprechende Vorbereitungen treffen, etwa Filteranlagen einbauen und die notwendige Digitalisierung vorantreiben.

Angst vor der vierten Welle

Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes forderte eine gute Vorbereitung auf eine mögliche vierte Coronawelle. »Keiner weiß, ob und in welchem Umfang es eine vierte Welle geben wird. Aber wenn sie kommt, sollten wir darauf gut vorbereitet sein: Es ist sehr wichtig, dass die Gesundheitsämter jetzt zügig zusätzliches Fachpersonal erhalten«, sagte die Vorsitzende Ute Teichert der »Rheinischen Post«.

In der vergangenen Woche lag der Anteil von Delta an den Sars-CoV-2-Neuinfektionen nach Daten des Robert Koch-Instituts zuletzt bei gut sechs Prozent. Sonst sieht die Coronalage in Deutschland vergleichsweise entspannt aus: Erstmals seit zehn Monaten hatten die Gesundheitsämter weniger als 500 Neuinfektionen innerhalb eines Tages an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet. So registrierte das RKI 346 neue Fälle, wie aus Zahlen vom Montagmorgen hervorgeht. Die Sieben-Tage-Inzidenz gab das RKI mit bundesweit 8,6 an, in der Vorwoche lag sie bei 16,6.

Nach Angaben des RKI sind mehr als 25,8 Millionen Menschen oder mehr als 31 Prozent der Bevölkerung in Deutschland vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Etwas mehr als 42 Millionen Menschen (50,8 Prozent) haben mindestens eine Impfung verabreicht bekommen.

Doch unter anderem das beim Impfen sehr schnelle Großbritannien hatte vergangene Woche Öffnungsschritte ausgesetzt, nachdem die Delta-Variante dort wieder zu einem Anstieg der Neuinfektionen geführt hatte. Die Virusvariante war im April nachgewiesen worden. Anfang Mai machte sie dann bereits rund ein Viertel der Fälle aus, Anfang Juni gab es fast nur noch Delta-Fälle.

Vorläufigen Erkenntnissen der englischen Gesundheitsbehörde zufolge könnte Delta nicht nur ansteckender sein, sondern auch häufiger zu schwereren Covid-19-Erkrankungen führen als die davor dominierende Alpha-Variante. Daten aus England und Schottland legten ein erhöhtes Risiko für Krankenhauseinlieferungen nahe, hieß es Anfang des Monats von Public Health England. Vollständig geimpfte Menschen sind nach derzeitigem Kenntnisstand auch bei Delta gut gegen einen schweren Covid-19-Verlauf geschützt.

mrc/dpa
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