Kampf gegen Covid-19 Vertrauliche Regierungsstudie beschreibt Corona-Szenarien für Deutschland

Mehrere Wissenschaftler haben nach SPIEGEL-Informationen für das Innenministerium untersucht, wie sich die Epidemie ausbreiten könnte. In einem Worst-Case-Szenario beschreiben sie, was passiert, wenn der Staat gegen Corona zu wenig unternimmt.

Das Bundesinnenministerium hat in einer Studie Szenarien zur Ausbreitung des Coronavirus entworfen. In der als vertraulich eingestuften Untersuchung mit dem Titel "Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen" haben Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mitgewirkt. Sie sollten die Frage beantworten, wann aus einer Gesundheitskrise eine Staats- und Systemkrise werden könnte - und wie dies verhindert werden kann.

Die Studie, die dem SPIEGEL vorliegt, wurde am 22. März auch dem Verteidigungsministerium  und dem Bundeskanzleramt vorgelegt. Auch die "Süddeutsche Zeitung" berichtet darüber.

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In einem Worst-Case-Szenario beschreiben die Wissenschaftler, was passiert, wenn der Staat gegen die Corona-Epidemie nur wenig unternimmt, etwa nur Großveranstaltungen verbietet und Reisetätigkeiten einschränkt. Infolgedessen wären bald 70 Prozent der Bevölkerung infiziert, mehr als 80 Prozent der Intensivpatienten müssten von den Krankenhäusern abgewiesen werden, die Todeszahlen in Deutschland überstiegen die Millionengrenze.

Ein weiteres Szenario beschreibt die strikte Unterdrückung der Neuansteckungen unter anderem auch mit umfangreichen Tests und einer strengen Isolierung der Infizierten. Dafür müssten die Testkapazitäten in den nächsten Wochen gesteigert, mobile Teststationen müssten aufgebaut werden. In der Studie geht man zunächst von einer Erhöhung der Testkapazitäten auf 100.000 pro Tag, wenige Wochen später auf 200.000 pro Tag aus. In der Kalenderwoche 12 (vom 16. bis 22. März) wurden laut Robert-Koch-Institut in Deutschland knapp 350.000 Tests durchgeführt.

"Um das Testen schneller und effizienter zu machen", heißt es in dem Papier des Innenministeriums, "ist längerfristig der Einsatz von Big Data und Location Tracking unumgänglich". Folgt man diesem Modell, würden sich nach Berechnungen der Wissenschaftler rund eine Million Menschen in Deutschland infizieren, aber nur 12.000 würden sterben. Das strenge Vorgehen müsste zwei Monate durchgehalten werden. Da aber danach nur ein geringer Teil der Bevölkerung gegen das Virus immunisiert wäre, "müsste weiterhin kontinuierlich hohe Wachsamkeit bestehen bleiben", heißt es.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte dem SPIEGEL, er habe sich zudem an einer Studie des Londoner Imperial College zu Interventionsmaßnahmen gegen Corona orientiert. Hier werden Wege aufgezeigt, mit Pandemien umzugehen. Bei der "Suppression" versucht man, mit strikten Maßnahmen die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Als "Mitigation" wird die Eindämmung bezeichnet, also der Versuch, die Fallzahlen lediglich langsamer ansteigen zu lassen, sodass das Gesundheitssystem genügend Zeit für die Vorbereitungen hat.

"Ich bin ein entschiedener Anhänger der Suppression, auch wenn dieser Weg deutlich teurer ist", sagte Seehofer. "Aber er rettet am meisten Leben."

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es unter Verweis auf das Bundesgesundheitsministerium, pro Woche würden in Deutschland etwa 200.000 Tests durchgeführt. Wir haben die Angabe auf Basis von Zahlen des Robert-Koch-Institutes korrigiert.

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