Nikolaus Blome

Coronapandemie Wir Geiseln der Ungeimpften

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die »Pandemie der Ungeimpften« wird zusehends größer als gedacht und zieht das ganze Land in Mitleidenschaft. Danke für gar nichts.
Menschen am Hamburger Hauptbahnhof

Menschen am Hamburger Hauptbahnhof

Foto: Eibner / IMAGO

Dem realitätsgeneigten Bürgerlichen ist es sowohl gegeben als auch eine Pflicht, stets im Auge zu behalten, was er in der jüngeren Vergangenheit so in die Welt gesetzt hat. Weil irrtumsimmune Ideologien nicht unsere Sache sind, müssen wir darum die Wahrnehmung der eigenen Unzulänglichkeiten mitunter aushalten.

Also: Im August schrieb ich an dieser Stelle, dass es eine »vierte Coronawelle« nicht geben könne. Wohin auch immer Infektionszahlen steigen würden, werde sich diese Welle von den drei vorhergehenden qualitativ so stark unterscheiden, dass sich eine fortlaufende Nummerierung verbiete. Wegen der weitgehenden Impfung der Bevölkerung werde der geringere Grad von Inanspruchnahme der Krankenhäuser den entscheidenden Unterschied machen.

»Ungeimpft? Selber schuld!« schrieb ich einen Monat später und vertrat die Ansicht, dass man freiwillig Ungeimpften ihren (Un-)Willen durchaus lassen könne, wenn sie nur aufhörten, die persönlichen Konsequenzen ihrer Entscheidung so peinlich zu bejammern. Von zwei Welten, der mit Geimpften und der mit Ungeimpften, ging ich damals aus. Vor allem das ist nun zu korrigieren, und damit sind Fragen aufgeworfen, die ans Mark alles Liberalen gehen. Das ist das Verhältnis zwischen Staat und Bürger, von Mehrheit und Minderheit.

Zum einen stagniert die Impfquote auf einem Niveau, dass die Gruppe der Impfunwilligen groß genug bleibt, um Infektionen, schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle in Größenordnungen hervorzubringen, die Sorge machen müssen – und zwar nicht nur ihnen selbst. Tatsächlich wächst die allgemeine Furcht vor Corona laut einer Umfrage wieder, bezeichnenderweise bei den Geimpften stärker als bei den Ungeimpften. Zwischen den vermeintlich ›zwei Welten‹ besteht also eine ärgerlich enge Verbindung. Das hätte ich nicht gedacht.

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An dieser Stelle war ich mir sogar mit Jakob Augstein einig, mit dem ich mich vergangene Woche für das RTL-Fernsehen darüber unterhielt : »Solange ich gut geimpft bin, ist Corona für mich im Grunde genommen vorbei«, der Satz stimmt in medizinischer Hinsicht zwar weiterhin, doch in politischer, ökonomischer, moralischer Hinsicht stimmt er eben nicht mehr. So werden aus dem Steuersäckel aller demnächst wohl wieder zig Millionen kostenlose Coronatests finanziert. Auch wird vielen Krankenhäusern wieder ein Batzen Geld gezahlt werden, damit sie Betten freihalten.

Mit demselben Ziel werden auch erneut Operationen verschoben, die eine Nachbetreuung auf der Intensivstation erfordern, denn natürlich hat ein akuter Coronafall Vorrang vor einer Bypass-OP, die noch einen Monat warten kann. Aber zum einen sollte man den Zorn des Patienten ohne Bypass nicht unterschätzen und zum anderen könnte man gesamtgesellschaftlich sagen: Hier wedelt der Schwanz mit dem Hund. Oder: Die Minderheit der freiwillig Ungeimpften nimmt die Mehrheit der Geimpften in Haftung, ja, als Geisel.

Hinzu kommt die bald legendäre Fähigkeit der Corona-Verantwortlichen in Bund und Ländern, alles vor die Wand zu fahren, was Räder hat. Dieses Mal sind es die nach sechs Monaten rollierend nötigen Drittimpfungen, »Booster« genannt. Rund 15 Millionen solcher Impfauffrischungen sind rechnerisch bis Weihnachten fällig, aber erst gut zwei Millionen verabreicht, und nun reibt sich der Gesundheitsminister den Schlaf aus den Augen und ruft zur Eile beim Boostern. Tja, wer konnte auch ahnen, dass nach sechs Monaten sechs Monate rum sind? Unter dem Strich könnte die Zahl der faktisch Ungeimpften (Impfschutz ausgelaufen) mithin noch zunehmen, weil Bund und Länder in ihrer Saumseligkeit die »Pandemie der Ungeimpften« regelrecht anfüttern. O, Mann, bald werden die Hospitäler mit Querdenkern gefüllt sein, die sich krankgelacht haben. Wer soll diesen Staat ernst nehmen?

Bislang wollen die betroffenen Bundesländer die neuerlichen Einschränkungen – 2G, 3G+ – allein auf die freiwillig Ungeimpften beschränken. Doch je weiter sie sich auf diesem Weg vorwagen, umso schwankender wird der juristische Grund. Lassen sich freiwillig Ungeimpfte wirklich vor der Notaufnahme eines vollen Krankenhauses abweisen, wie Thüringens Ministerpräsident Ramelow in Aussicht stellt? Das dürfte staatlicherseits klar zu weit gehen und ist gleichwohl nichts gegen die vielen Fragen, die eine wachsende Gruppe von unfreiwillig Ungeimpften aufwerfen dürfte, die unverschuldet lange auf ihren Booster warten. Es gehört nicht viel Fantasie dazu: Wenn es der Obrigkeit misslingt, Regeln trennscharf für einen bestimmten Teil der Bevölkerung zu formulieren und deren Einhaltung auch zu erzwingen, dann bleibt als Ausweg eigentlich nur, sie für die gesamte Bevölkerung zu erlassen und an deren Solidarität in der Not zu appellieren. Das ist jedenfalls leichter zu kontrollieren.

Kurzum: Selten haben sich das Recht auf individuelle Eigenverantwortung, die (moralische) Pflicht zur Solidarität und staatlich administrierte Daseinsvorsorge so sehr ineinander verkantet wie in dieser Phase von Corona. Alle drei Kraftstränge sind in der neuen Regierung durch jeweils eine Partei vertreten, aber dass sie deswegen politisch stabiler durch die Pandemie kommt als die Große Koalition, das wage ich zu bezweifeln.

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