»Das schadet« Lauterbach kritisiert Wagenknechts Impf-Aussagen als gefährlich

Von »das schadet« bis »abwegig«: Im SPIEGEL-Spitzengespräch übt Karl Lauterbach harte Kritik an Äußerungen Sahra Wagenknechts und Richard David Prechts zu Coronaimpfungen – und sagt, welcher Fehler bei den Impfzentren gemacht wurde.
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Gespräch mit Markus Feldenkirchen

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Gespräch mit Markus Feldenkirchen

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat Aussagen der Linkenpolitikerin Sahra Wagenknecht scharf kritisiert. Er habe die »dunkle Vermutung«, Wagenknecht stelle Fakten über Coronaimpfungen bewusst falsch dar, sagte Lauterbach im SPIEGEL-Spitzengespräch mit Moderator Markus Feldenkirchen.

DER SPIEGEL

Hintergrund sind Äußerungen Wagenknechts im ARD-Talk »Anne Will« vom Sonntag. Die Politikerin hatte sich in der Sendung skeptisch über Impfungen und die Langzeitfolgen einer Coronainfektion geäußert . Unter anderem sagte Wagenknecht, nur ältere Menschen oder Risikogruppen sollten sich impfen lassen. Lauterbach sagte nun, er schätze Wagenknecht als Politikerin, aber ihr Auftritt sei gefährlich gewesen. »Das schadet«, sagte Lauterbach über die Aussagen der Linkenpolitikerin.

Lauterbach sagte, es gebe nur zwei Möglichkeiten: Entweder kenne Wagenknecht sich nicht aus, »das wäre eine denkbare Interpretation«. Wagenknechts Äußerungen seien dann so, wie er ein Fußballspiel kommentiere würde, so Lauterbach: also ohne Fachkenntnis. »Die andere Möglichkeit ist, sie weiß mehr, aber stellt es falsch dar.«

»Man kann ja die vierte Welle nicht einfach weiterlaufen lassen«

Lauterbach sprach auch über Richard David Precht, der jüngst in einem Podcast mit Aussagen zum Coronavirus für Aufsehen gesorgt hatte. Unter anderem sagte Precht, man könne die Nebenwirkung der Impfung genauso wenig abschätzen wie die Nebenwirkung des Coronavirus. Lauterbach bezeichnete Prechts Position als abwegig. »Es waren sehr viele Dinge dabei, die einfach so falsch sind.«

Lauterbach sagte, er kenne Precht gut und schätze ihn, deshalb habe er im Ansatz nicht mit solchen Aussagen gerechnet und sei »vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt worden«. Es habe ihn überrascht und auch enttäuscht.

Angesichts der Zahl an Corona-Neuinfektionen hält der SPD-Gesundheitsexperten weitere Einschränkungen schon bald für »unabdingbar«. »Man kann ja die vierte Welle nicht einfach weiterlaufen lassen.«

Lauterbach wünscht sich von den Bundesländern daher am liebsten klare Einschränkungen: »2G bringt am meisten, das ist der Königsweg«. Konkret sprach sich Lauterbach dafür aus, Restaurants, Klub und andere Veranstaltungsorte nur noch für Geimpfte oder Genesene zu öffnen – so wie es aktuell unter anderem Sachsen plant. Gastronomen und Veranstalter in Deutschland kritisierte Lauterbach für ihre »läppischen« Kontrollen. In vielen Restaurants in Deutschland werde nur unzureichend überprüft, ob Gäste geimpft seien oder einen aktuellen Schnelltest vorweisen können.

Jeder Erwachsene »wird eine Booster-Impfung brauchen«

Der Politik wirft Lauterbach vor, zu spät ausreichend über die Notwendigkeit der Auffrischungsimpfungen aufgeklärt zu haben. »Die gesamte erwachsene Bevölkerung wird noch mal eine Booster-Impfung brauchen«, ist sich der 58-Jährige sicher. Die Impfzentren daher vorschnell abzuwickeln, sei ein Fehler gewesen. »Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass die Fallzahlen zurückgehen«, warnt Lauterbach. Im mittleren Alter seien noch zu viele Menschen ungeimpft, bei den Älteren lasse zugleich bereits der Impfschutz nach und das Boostern gehe nicht rasch genug.

Lauterbach gehört zu den versiertesten Gesundheitsexperten im Bundestag. In den vergangenen anderthalb Jahren hat er sich einen Namen als Pandemie-Erklärer gemacht. Die einen schätzen seine Kompetenz, die anderen stören sich an seinen dauerpräsenten Mahnungen.

Lauterbach gilt als ein Kandidat für das Amt des Gesundheitsministers in einer Ampelkoalition. Zu dem Posten befragt sagte der SPD-Politiker, er beteilige sich nicht an Spekulationen. Es gebe viele andere, die Gesundheitsminister werden könnten. Aber er bekräftigte auch frühere Äußerungen, wonach er sich das Amt zutraue. Konkrete Ansprüche erhob er aber nicht.

Eine Schattenseite seiner Prominenz in der Coronakrise ist, dass Lauterbach wegen seiner öffentlichen Haltung zur Pandemie zum Ziel von Hass und Drohungen geworden ist. »Ich bin dankbar, dass ich vom Bundeskriminalamt (BKA) gut geschützt bin«, sagte er. Er werde viel bedroht, sei »im Fokus des Geschehens«. »Die Professionalität, mit der das BKA das macht, ist beeindruckend.«

mrc/ulz
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