Bettina Gaus

Corona, Klima und Zukunftssorgen Die Angst wählt mit

Bettina Gaus
Eine Kolumne von Bettina Gaus
Erst kommt das Virus, dann die Flut: Wenn die Furcht vor der Apokalypse alles überstrahlt, geht die Kraft verloren, sich um vermeintlich kleinere Probleme des Landes zu kümmern.
Montagsdemo gegen die Coronamaßnahmen in Bad Dürkheim (Archivbild)

Montagsdemo gegen die Coronamaßnahmen in Bad Dürkheim (Archivbild)

Foto: imago images / U. J. Alexander

Was ist ausschlaggebend für Ihre Wahlentscheidung: Angst vor der Zukunft? Hoffnung auf bessere Zeiten? Begeisterung für eine Partei und deren Programm? Wut über Affären und Skandale? Die Analyse des Wahlkampfs 2021 wird noch Heerscharen von Gelehrten beschäftigen, aber meinem vorläufigen Eindruck nach ist Angst das beherrschende Thema der letzten Monate gewesen.

Nicht zum ersten Mal. Das hat es in Demokratien schon häufiger gegeben. Die Furcht vor einem Atomkrieg, dessen Schlachtfeld in Europa liegen und der Deutschland – ja: das gesamte, damals noch geteilte Land – ausradieren würde, war der vermutlich entscheidende Grund dafür, dass Willy Brandt 1969 Bundeskanzler geworden ist. Die Sehnsucht nach Entspannungspolitik zwischen den Weltmächten war groß.

Vielleicht hat seine Vision uns vor dem Untergang gerettet. Oder es war die militärische Aufrüstung, Stichwort Nato-Doppelbeschluss, der die Sowjetunion am Ende wirtschaftlich und politisch in die Knie gezwungen hat. Deutsche Fachleute streiten darüber noch heute. Von den USA aus sieht das Ende der bipolaren Welt, wenig erstaunlich, übrigens etwas anders aus. Europa wirkt dort kleiner als hierzulande.

Ein wachsender Teil der Gesellschaft fürchtet, dass das Leben, wie wir es kannten und mochten, für immer vorbei ist.

Aber es geht mir heute nicht darum, Position in einem mittlerweile historischen Streit zu beziehen – obwohl ich eindeutig auf der Seite von Brandt stehe. Sondern um die Frage, welche Wirkungen apokalyptische Ängste auf demokratische Auseinandersetzungen haben. Lassen sie noch Raum für – scheinbar – kleinere, aktuelle Fragen? Welche Chance und welche Hoffnung hat eine alte Frau mit berechtigter Furcht vor Altersarmut, sich im Wahlkampf dauerhaft Gehör zu verschaffen? Oder eine Familie, die nicht weiß, wie sie die häusliche Pflege für schwer kranke Angehörige stemmen soll? Oder jemand, der oder die trotz Vollzeitjob nicht genug Geld verdient, um es den Kindern ein bisschen nett zu machen?

Es war in den letzten Wochen viel davon die Rede, dass es in diesem Wahlkampf nur selten um Inhalte und viel zu häufig um Personalien und Meinungsumfragen ging. Dieser Vorwurf ist ungerecht. Es hat durchaus ernsthafte Diskussionen über Bildung, Steuerfragen, Sozialpolitik und Wohnungsbau gegeben. Um nur einige Bespiele zu nennen. Das Problem: Alle diese Fragen betreffen nur jeweils Teilgruppen der Bevölkerung. Wenn aber alle gemeinsam Vorstellungen der Endzeit quälen, dann fehlen Engagement und Kraft für Details, seien sie für Einzelne auch noch so wichtig.

Von einer tiefen Spaltung der Gesellschaft ist derzeit oft die Rede. Ich bin nicht so sicher, dass diese Analyse stimmt. Die Furcht vor den Folgen des Klimawandels und den, auch langfristigen, Konsequenzen der Coronapandemie lassen sich letztlich in einem Satz zusammenfassen: Ein wachsender Teil der Gesellschaft fürchtet, dass das Leben, wie wir es kannten und mochten, für immer vorbei ist. In dieser Angst sind Angehörige aller politischen Lager miteinander verbunden – ohne dass dies den meisten bewusst wäre.

Selbstverständlich reagieren Leute, die unterschiedliche Weltbilder, Zukunftsaussichten und Vermögensverhältnisse haben, auch unterschiedlich auf eine Bedrohung. Die einen leugnen die Gefahr, andere flüchten – wo lässt es sich auch in Zeiten der Seuche noch ganz nett leben? –, wieder andere fühlen sich um das betrogen, worauf sie meinten, sich verlassen zu dürfen.

Je weiter verbreitet allgemeine Ängste sind, desto größer ist die Gefahr, dass Probleme von Teilgruppen keine Rolle spielen.

Kollektive Ängste, also beispielsweise die Reaktion auf Seuchen oder Umweltprobleme, lassen sich durchaus in Wahlkämpfe integrieren. Je weiter verbreitet diese Ängste sind, desto größer ist jedoch die Gefahr, dass Probleme von Teilgruppen keine weitere Rolle spielen, nachdem alle Beteiligten bei einer Fernsehdiskussion einen angemessen bedrückten Gesichtsausdruck aufgesetzt haben. Pech für die Frau, die konkret von Altersarmut bedroht ist.

Das wird die demokratische Auseinandersetzung nicht beflügeln. Wer auch immer gewinnt: Das Gefühl, um die Hoffnungen auf die eigene Zukunft betrogen worden zu sein, wird wachsen. So wie die Wut und der Zorn auf traditionelle Institutionen der parlamentarischen Demokratie.

Das ist bedrohlich. Aber die Schuld dafür lässt sich nicht ganz automatisch »der Politik« oder »den Medien« zuschreiben. Liebe Wählerinnen und Wähler: Ein ganz kleines bisschen haben Sie schon auch damit zu tun, wie das Ergebnis der Bundestagswahl ausfällt. Und falls Ihnen an der alten, armen Frau liegt – Sie können etwas für sie tun. Wenn Sie wollen.

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