Jakob Augstein

Alternativlose Corona-Politik Angst frisst Demokratie

Jakob Augstein
Ein Gastbeitrag von Jakob Augstein
Ein Gastbeitrag von Jakob Augstein
Über Nacht wurden das öffentliche Leben und unsere Grundrechte stillgelegt. Rührt der Rausch des Notstands vielleicht daher, dass die Menschen die tatsächliche Gefahr der Krankheit überschätzen?
Wegen der Coronakrise geschlossenes Geschäft in Hamburg

Wegen der Coronakrise geschlossenes Geschäft in Hamburg

Foto: Achim Duwentäster/ teamwork/ imago images

Das Virus hat großen Schaden angerichtet. Es hat Leben vernichtet und Menschen ins Unglück gestürzt. Aber es hat noch mehr getan: es hat unsere Schwäche entlarvt. Jenseits der persönlichen Betroffenheit der eigentlichen Opfer und ihrer Angehörigen wird das die dauerhafte Botschaft dieser Krankheit sein: wir sind anfälliger, als wir dachten.

Es ist die Rede von der "größten Bedrohung seit dem Krieg", es heißt, dies sei die "dunkelste Stunde der Menschheit". Aber das hier ist kein Krieg und es fallen einem noch ein paar dunklere Stunden ein. Die dramatische Rhetorik hat vor allem den Sinn, die Reihen zu schließen. Es muss schließlich begründet werden, warum wir alle über Nacht eines großen Teils unserer Bürgerrechte verlustig gegangen sind, warum das öffentliche Leben stillgelegt wurde, warum eigentlich nichts mehr geht, was unsere Gesellschaft ausmacht. Es sind sogar die Kirchen und Moscheen geschlossen!

Die Realität ist nüchtern: Nach allem, was wir wissen, handelt es sich bei Covid-19 um eine Krankheit, die eine Minderheit der Menschen ernsthaft bedroht. Die Politik hat beschlossen, zugunsten dieser Minderheit der Mehrheit sehr schwere Lasten aufzubürden. Ob es andere Wege gegeben hätte, mit dieser Krise umzugehen, ist offen - und wird nach allem, womit man rechnen muss, auch offen bleiben. Denn lässt sich tatsächlich vorstellen, dass nach dem Ende der Pandemie ein allgemeines Urteil gefällt wird, die Regierung habe zu schnell und zu scharf reagiert? Oder werden wir nicht vielmehr gezwungen sein, alles auch im Nachhinein gutzuheißen, ganz einfach, weil so viel auf dem Spiel steht?

Das übermächtige Streben nach Einmütigkeit

Es gibt einen Namen für das Streben nach Einmütigkeit, das so übermächtig wird, dass es jede realistische Abschätzung von Handlungsalternativen verdrängt: Groupthink. Der Begriff stammt aus der Psychologie der Siebzigerjahre – und wie in einem gigantischen Feldexperiment füllen wir ihn zurzeit mit Leben. Es gibt ein paar Ausnahmen: die Schriftstellerin Juli Zeh hat an unsere Verfassung erinnert, nach der bei Grundrechtseingriffen immer das mildest mögliche Mittel gewählt werden muss – eine hierfür notwendige Debatte habe aber nicht stattgefunden. Der Journalist Heribert Prantl hat geschrieben , man müsse "nicht nur entschlossen gegen das Virus kämpfen, sondern auch gegen eine Stimmung, die die Grund- und Bürgerrechte in Krisenzeiten als Ballast, als Bürde oder als Luxus betrachtet.”

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Aber es sind wenige Stimmen, und sie verschaffen sich kein Gehör. Und im Bundestag fehlt die Opposition.

Die Angst vor der Krankheit hat die Demokratie aufgegessen. Obwohl wir über die Krankheit nicht sehr viel wissen – oder gerade deswegen. Der Medizinstatistiker Gerd Antes, Professor in Freiburg und weltweit renommierter Experte in seinem Fach, hat dem SPIEGEL gesagt: "Es gibt zwei enorme Probleme mit den Zahlen: Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich bislang mit dem neuen Coronavirus infiziert haben und wie viele jeden Tag hinzukommen. Außerdem ist unklar, wie viele Menschen ursächlich an einer Infektion sterben.”

Wenn dieser Satz zutrifft, müsste er eigentlich die gesamte Corona-Politik der Regierung hinwegfegen. Stattdessen verklingt er einfach.

Untergegangen ist auch, dass die zentrale Argumentation der Bundeskanzlerin, welche Bedingungen eintreten müssen, damit die Restriktionen gelockert werden, inkonsistent ist. Merkel hatte gesagt, Ziel sei es, dass die Zahl der Infizierten sich erst in einem Zeitraum von zehn Tagen verdoppele, dann war von zwölf Tagen die Rede, dann von 14. Es sind nicht die wechselnden Zahlen das Problem, die sind den Unsicherheiten der Krise geschuldet. Das Problem ist das Argument selbst: wir kennen die reale Zahl der Infizierten gar nicht, wir wissen nur, wie viel getestet wird. Wenn die Krankheit schon einen hohen Durchseuchungsgrad erreicht hat, richtet sich die Zahl der Infizierten schlicht nach der Zahl der Tests – das sagt über die Gefährlichkeit der Krankheit oder über die Überlastung des Gesundheitssystems nichts aus.

Der Rausch des Notstands

Die Leute stürzen sich in einen Akt der Solidarität mit den Schwächsten, obwohl die Allermeisten von ihnen von den Maßnahmen gegen die Krankheit viel stärker bedroht werden, als von der Krankheit selbst. Lauter Altruisten, wo man zuvor nur Selbstoptimierer wähnte? Oder rührt der Rausch des Notstands doch daher, dass die Menschen die tatsächliche Gefahr der Krankheit immer noch überschätzen?

Wir alle sind Gefangene der Bilder aus Bergamo: der Konvoi der Militärlaster, der gekommen ist, die Särge der Toten zu holen. Das Leid, das der Lockdown verursacht, ist schwerer abzubilden: die Sprachlosigkeit der Einsamen, die Schmerzen der Opfer der häuslichen Gewalt, die Nöte der Arbeitslosen, die Angst der kleinen Selbstständigen und Unternehmer. Die Sozialmediziner könnten davon berichten. Aber im Moment ist ja nur die Stunde der Epidemiologen.

Das Corona-Erlebnis wird auch darum in die Geschichtsbücher eingehen, weil es sich hier um die erste Krankheit handelt, die auch über das Netz übertragen wird. Alle Mechanismen der modernen Medienhysterie werden hier wirksam! Und anstatt zu mäßigen, wirken Politik und Medien noch als Brandbeschleuniger. Ja, uns fehlt in jeder Hinsicht die Immunität gegen dieses Virus: gesundheitlich und gesellschaftlich. Diese Krankheit ist ernst. Wir haben sie zur Katastrophe gemacht.