Nikolaus Blome

Coronakrise Auch Greta unter den Opfern

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Das Virus stellt zentrale Elemente der Klimaschutz-Bewegung infrage. Gut so. "Fridays for Future" muss auf die Couch.
Protestaktion von "Fridays for Future" vor dem Reichstag in Berlin, 24. April 2020

Protestaktion von "Fridays for Future" vor dem Reichstag in Berlin, 24. April 2020

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Das kennt man: Mami und Papi (okay, meistens der Papi) haben die Sandburg der Kinder zu nah am Wasser gebaut. Jetzt kommt die Flut, und mit ihr kommen die Tränen. Zwei, drei Wellen schwappen über das prachtvolle Mauerwerk, schon verliert es Kontur, den Halt, und bald sind Burg und Kinder nur noch ein Häufchen Elend.

So ergeht es gerade den Klimaschutz-Aktivisten von "Fridays for Future" (FFF). Länger nichts gehört von ihnen: Die Corona-Welle lässt nicht viel übrig von ihrer Burg aus Wunsch und Willen. Aber bevor es zu wohlfeilen Missverständnissen kommt, weil ich der Kolumnist rechts von der Mitte bin: Ich bin kein Klimawandel-Leugner. Erderwärmung ist ein Fakt und menschengemacht.

Luisa Neubauer schrieb jüngst im "Stern": "Die Klimakrise lässt sich trotz Corona nicht dauerhaft stummschalten." Richtig, die Klimakrise nicht, aber FFF schon eher. Und ich räume ein, es regt sich ein wenig die Schadenfreude, oder genauer: die Erleichterung, da ich eine Bewegung gebremst sehe, für deren Ziel ich Sympathie habe, aber deren tiefe, geradezu sakrale Inbrunst mir nie geheuer war. Deren moralisch bis an die Berstgrenze aufgeladenes Selbst- und Sendungsbewusstsein ein absolut kompromissloses Herangehen an Fragen befeuert, die doch ihrem Wesen nach komplexe, gesellschaftliche Verhandlungen und kompromisshafte Lösungen verlangen. Kurz: Haltung und modus operandi der Bewegung werden in Zeiten von Corona geprüft. Und, tja, verworfen.

  • Mit Schulstreiks am Freitag und Massendemonstrationen haben sich überwiegend junge Menschen Gehör und Einfluss verschafft. Damit ist es vorbei. Schulstreiks ohne regelmäßigen Schulbetrieb sind ein Widerspruch in sich, dasselbe gilt für Massendemonstrationen ohne massenhafte Anwesenheit. Stagediving der Stars, ohne Menge vor der Bühne? Aua, das grenzt nicht nur politisch an Selbstverstümmelung. Dieser Tage kann FFF bei der Auto-Kaufprämie für eine ökologische Steuerungswirkung plädieren. Tut die FDP aber auch.

  • "Ich will, dass ihr Panik bekommt", lautet ein besonders starker, obschon nicht besonders sympathischer Satz Greta Thunbergs. Er wirkt nicht mehr. Überall auf der Welt, in Bergamo, Madrid, in London oder New York, vermutlich auch in Deutschland, haben viele Menschen Panik jetzt kennengelernt. Ihr Bedarf dürfte vorerst gedeckt sein - und der an aktivistisch bewirtschafteter Panik erst recht. Exakt auf diese setzt FFF jedoch, mithin beschädigt das Virus das Betriebssystem der Bewegung.

  • "Unite behind the science!", hört gefälligst auf die Wissenschaft, heißt das zentrale Axiom der Bewegung. Es wackelt: Renommierte Wissenschaftler streiten sich vor aller Augen über Verdopplungszeiten, Neu-Infektionen, die Aussagekraft von Mortalitätsraten und den Faktor "R", seit dem Wochenende auch noch über die "Obergrenze". Kein Vorwurf deswegen, ohne Streit kein Fortschritt. Trotzdem: Alle ernst zu nehmenden Experten sind - wie bei der Erderwärmung - zwar einig, dass es eine große Gefahr gibt. Gleichwohl sind sie fortgesetzt uneins, welcher wissenschaftliche Maßstab der Politik in der Coronakrise an die Hand zu geben sei. Die Politiker wiederum suchen für ihre jeweilige Lesart TV-taugliche Experten, die (wie im Auto-Quartett) beeindruckend viel Hubraum in der Habilitation haben oder mindestens 5000 Viren beim Namen kennen.

Doch wenn "Unite behind the science" im Praxistest von Corona bestenfalls eingeschränkt funktionierte, wie sollte das beim Klimaschutz anders und besser sein? So wenig das Virus die Herrschaft der Virologen brachte, so wenig werden die Klimaschützer die Klimaforscher an die Macht bringen. Auch wird sich manche ernst gemeinte Frage post Corona nicht mehr so leicht als antiwissenschaftlich abtun lassen oder als Aluhut-Allergie gegen Algebra. Kurzum: "Unite behind the science" ist als Betriebsanleitung des Planeten unterkomplex. Corona hat das entlarvt und das Primat der Politik gestärkt. Bislang waren es die Aktivisten gewohnt, eine apathische Bundesregierung vor sich herzutreiben. Die haut jetzt aber eine Entscheidung nach der anderen raus und erfreut sich Rekord-hoher Zustimmung.

Ergo wird wesentlich politischer und noch dazu unter den Bedingungen einer beispiellosen, globalen Rezession auszuhandeln sein, was der beste Kompromiss zwischen Wachstum, Konsum und Klimaschutz ist. Und ich möchte allen Verzichts-Flagellanten im lichtdurchfluteten Altbau sagen: In dem Kapstadter Township, wo zwei meiner Kinder für ein Soziales Jahr gearbeitet haben, wird gerade auch "verzichtet" - und zwar auf zwei von drei Mahlzeiten täglich. Es wird gehungert, weil der Job weg und das Geld alle ist. Wer also das Virus als wunderbar sinnstiftende Disruption einer klimaschädlichen Globalisierung sieht, der macht die Rechnung ohne den Hunger dieser Menschen. Und da draußen sind es verdammt viele, die jetzt hoffen, dass die deutsche Wirtschaft wieder wächst, damit es auch sie aus dem Elend zieht.

Dauerhaft nahezu alles dem Klimaschutz unterzuordnen, weil sonst die Welt eines Tages untergehe, das schien mir nie mehrheitsfähig. Es ist jetzt ja nicht einmal mehrheitsfähig, länger als nur zwei Monate nahezu alles dem Überleben bestimmter Gruppen unterzuordnen. Auch das hat Corona uns gelehrt, weshalb der freundliche Konservative von nebenan rät: "Fridays for Future" muss auf die Couch. Es ist Zeit für eine ehrliche Selbstbefragung. Zeit für ein wenig Demut.