Labortheorie Bundesregierung zweifelt an US-These zur Entstehung des Coronavirus

US-Außenminister Pompeo sieht "überwältigende Beweise" dafür, dass das Coronavirus aus einem chinesischen Labor stammt. Nach SPIEGEL-Informationen hält die Bundesregierung diese Behauptung für ein Ablenkungsmanöver.
US-Außenminister Pompeo

US-Außenminister Pompeo

Foto: Kevin Lamarque/ AP

Die Bundesregierung zweifelt an der Behauptung der USA, das Coronavirus sei in einem chinesischen Labor entstanden.

Nach Informationen des SPIEGEL hat der Bundesnachrichtendienst (BND) in der vergangenen Woche bei allen Partnern des Geheimdienstnetzwerks "Five Eyes", dem neben den USA auch die Dienste von Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland angehören, nach Beweisen für die von der US-Regierung verbreitete Laborthese gefragt. Keiner der Geheimdienste wollte die These bestätigen, die neben Trump vor allem US-Außenminister Mike Pompeo verbreitet.

Zuvor hatte der NDR bereits über Zweifel an dem "Five Eyes"-Geheimdienstpapier berichtet , in dem China scharf für den Umgang mit der Coronakrise kritisiert worden sein soll. Möglicherweise könnte es sich um eine gezielte Falschmeldung handeln.

DER SPIEGEL 20/2020
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Pompeo hatte am vergangenen Wochenende behauptet, er habe "überwältigende Beweise" für die Laborthese gesehen. Zuvor hatte US-Präsident Trump die Spekulationen darüber angefacht.

In einem internen Vermerk für Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer werden die US-Behauptungen als kalkuliertes Ablenkungsmanöver eingeordnet. Der US-Präsident versuche mit der Labortheorie, "von seinen eigenen Fehlern abzulenken und die Wut der Amerikaner auf China zu lenken", heißt es in dem vertraulichen Dossier.

Wissenschaftler halten es für viel wahrscheinlicher, dass Sars-CoV-2 von Fledermäusen über ein anderes Tier und durch den Wildtierhandel auf den Menschen übertragen wurde. China hatte deswegen im März den Handel mit wilden Tieren mit einem neuen Gesetz verboten.

Vier bis sechs Wochen Verzögerung im Kampf gegen Covid-19

Nach Erkenntnissen des BND drängte China die Weltgesundheitsorganisation WHO allerdings nach dem Ausbruch des Virus auf höchster Ebene dazu, eine weltweite Warnung zu verzögern. Am 21. Januar habe Chinas Staatschef Xi Jinping bei einem Telefonat mit WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus gebeten, Informationen über eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung zurückzuhalten und eine Pandemiewarnung zu verschleppen.

Nach Einschätzung des BND sind durch die Informationspolitik Chinas weltweit vier bis sechs Wochen für die Bekämpfung des Virus verloren gegangen.

Nachtrag: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat nach Erscheinen dieses Beitrags bestritten, dass es am 21. Januar ein Telefonat zwischen Chinas Staatschef und dem WHO-Generalsekretär gab. Ein Sprecher teilte mit, die beiden hätten "niemals per Telefon" über die Corona-Pandemie gesprochen.