Coronakrise Gestrandete Deutsche sollen nach Frankfurt geflogen werden

Zehntausende gestrandete Reisende sollen über das Drehkreuz Frankfurt zurückgeholt werden. Innerdeutsche Flüge werden auf ein Minimum reduziert, der Frachtverkehr verstärkt. Auch die Bundeswehr bietet Maschinen an.
Eine Lufthansa-Maschine startet vom Flughafen Frankfurt: Gestrandete Urlauber sollen aus dem Ausland hierher gebracht werden

Eine Lufthansa-Maschine startet vom Flughafen Frankfurt: Gestrandete Urlauber sollen aus dem Ausland hierher gebracht werden

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Boris Roessler/ dpa

Der deutsche Luftverkehr war eine der ersten Branchen, die mit voller Wucht von der Coronakrise getroffen wurden, allen voran Deutschlands wichtigste Airline, die Lufthansa. Weil der Passagierverkehr weitgehend zusammengebrochen ist, hat das Luftfahrtunternehmen seinen Betrieb auf nur mehr zehn Prozent des eigentlichen Aufkommens reduziert. Hinter den Kulissen arbeiten Luftfahrtindustrie, Behörden und die Deutsche Flugsicherung allerdings an einem halbwegs geordneten Service für Fracht und Passagiere - insbesondere auch für die im Ausland gestrandeten Deutschen.

Außenminister Heiko Maas kündigte am Montag an, deutsche Staatsbürger, die wegen Reisebeschränkungen in der Coronakrise im Ausland festsitzen, mithilfe einer "Luftbrücke" auszufliegen. Maas sprach von einem "einmaligen Programm", das man mit kommerziellen Fluganbietern wie der Lufthansa vereinbart habe. Dafür stünden 50 Millionen Euro zur Verfügung.

Nach SPIEGEL-Informationen geht die Bundesregierung intern von mehreren Zehntausend Reisenden aus Deutschland aus, die darauf warten, nach Hause geholt zu werden. Alleine in der Karibik sollen rund 10.000 Deutsche festsitzen, die von Kreuzfahrtschiffen dort abgesetzt worden sind. Deshalb läuft derzeit alles darauf hinaus, dass der Frankfurter Flughafen zu einem zentralen Ort für Passagiermaschinen wird, die Rückkehrer in die Heimat fliegen.

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Das liegt nicht nur an der geografisch günstigen Lage mitten im Land. Auch bietet der Frankfurter Flughafen die nötigen medizinischen Voraussetzungen. Am Flughafen wurde bereits eine Infrastruktur eingerichtet, um viele Menschen in einer Screeningstation medizinisch zu begutachten, im Zweifel zu testen und dann auf eine dort vorbereitete Isolierstation zu verlegen. "Es ergibt absoluten Sinn, diese Dinge an einem Ort zu konzentrieren", sagte ein Brancheninsider dem SPIEGEL.

Deutsche Staatsbürger sollen sich registrieren

Das Auswärtige Amt bittet alle im Ausland festsitzenden Deutschen, sich auf der Webseite des Auswärtigen Amtes in einer Liste einzutragen, damit ihre Rückkehr organisiert werden könne. Die sogenannte Elefand-Liste (Elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland) ist hier  zu erreichen.

Auch die Bundeswehr ist nach SPIEGEL-Informationen darauf vorbereitet, sich notfalls an der Rückholaktion für Deutsche zu beteiligen, die im Ausland festsitzen. Schon am Wochenende schickte die Luftwaffe eine Liste mit verfügbaren Fliegern an die Bundesregierung, so könnten sowohl die zivilen VIP-Jets der Regierung als auch Transportflieger wie der A400M oder die Transall zum Einsatz kommen. In beiden Flugzeugtypen könnte man jeweils bis 70 Personen transportieren.

Bisher wurde die Bundeswehr allerdings nicht um Amtshilfe gebeten. Bei der Truppe geht man deswegen davon aus, dass zivile Fluggesellschaften genutzt werden. Insidern zufolge sei dies auch einfacher zu organisieren, da man für den Einsatz von Militärjets erst Genehmigungen einholen müsse. Am Montag hatte Litauen eine Militärmaschine nach Berlin geschickt und dort rund 20 Landsleute abgeholt, die auf anderem Weg nicht mehr nach Hause gekommen wären.

Innerdeutscher "Basisdienst" zwischen wichtigen Städten

Neben der Rückkehr gestrandeter Bürger arbeiten die Verantwortlichen daran, für den deutschen Passagierverkehr weiter einen sogenannten Basisdienst anzubieten, etwa auf den Strecken von München nach Düsseldorf oder Hamburg oder zwischen Frankfurt und Berlin. Ob manche Flughäfen komplett geschlossen werden, ist unklar. Einige Flughäfen, die praktisch kaum mehr Passagierverkehr abwickeln, würden für Frachtmaschinen gebraucht.

Für die Frachtabwicklung von besonderer Bedeutung sind die Flughäfen in Leipzig wegen des Drehkreuzes von DHL sowie Köln, wo Fedex und UPS ihre Frachtgüter umschlagen. Low-Cost-Airports wie Weeze, Memmingen, Dortmund, Hahn dürften nach Auffassung von Insidern sehr wahrscheinlich schließen. "An allen Flughäfen gibt es Szenarien, dass der Betrieb um bis zu 90 Prozent zusammenbricht", so der Experte.

Der Frachtverkehr soll komplett erhalten bleiben, um die Versorgung der Bevölkerung und den Nachschub für die Industrie nicht zu gefährden. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte der "Bild"-Zeitung: "Lufthansa wird alles dafür tun, um auch die Lieferketten für die Versorgung der deutschen Bevölkerung aus der Luft aufrecht zu erhalten. Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Luftbrücke für ganz Deutschland." Im Zweifel würden, wenn die reinen Frachtmaschinen nicht ausreichen, auch Passagiermaschinen für Frachtflüge herangezogen, heißt es aus Branchenkreisen.

Bei der vom neuartigen Coronavirus wirtschaftlich schwer getroffenen Lufthansa stellt sich die Frachtsparte als möglicher Krisenprofiteur heraus. Weil auf Flügen etwa nach China oder in die USA größere Kapazitäten der Frachträume von Passagiermaschinen auf dem Markt fehlen, stützt dies das Geschäft von Lufthansa Cargo.

Immer öfter wird auch in der Krise anstelle von Seecontainern Luftfracht beauftragt, weil Güter nun schnell transportiert werden müssen, wenn Lieferketten unterbrochen waren. Lufthansa erwägt daher, wie der SPIEGEL am Wochenende berichtete, sechs ältere Maschinen vom Typ MD-11 nun doch nicht vorzeitig außer Dienst zu stellen, um die steigende Nachfrage bedienen zu können.

Für den Basisdienst, den Rückholverkehr und den Frachttransport sei notwendig, dass die für das Aufrechterhalten des Flugbetriebs entscheidenden Berufsgruppen als systemrelevant anerkannt würden, fordert ein Vertreter der Luftfahrtbranche. Dazu zählen neben den Piloten und Fluglotsen auch die Disponenten bei den Airlines und das Bodenpersonal, um die Flugzeuge abzufertigen. "Wenn einer dieser Personen einen Corona-Fall im Umfeld hat, kann er nicht einfach in häusliche Quarantäne geschickt werden", sagt der Luftfahrtexperte. Dann müssten andere Regelungen getroffen werden, damit diese Person ihre Arbeit weiter verrichten könne.

Fragen wie diese hatte die Branche am Montag im Bundeswirtschaftsministerium dem Luftfahrtkoordinator der Bundesregierung, Thomas Jarzombek (CDU), vorgetragen. Dieser sagte im Anschluss an die Sitzung: "Der Luftraum wird offen bleiben und der Frachtverkehr weitergeführt werden." Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Matthias von Randow, lobte die Bundesregierung für die Einführung weitreichender Hilfen für seine Branche, insbesondere das Kurzarbeitergeld. "Dies ist eine dramatische Situation, aber auch eine vorübergehende Situation", sagte Randow.

Der Verbandsvertreter verband sein Statement im Wirtschaftsministerium mit der Hoffnung, dass der Luftverkehr rasch wieder zu normalen Verhältnissen zurückfinden würde, wenn die Coronakrise sich entspannt und die Restriktionen für das Wirtschafts- und Sozialleben gelockert werden können. Eine koordinierende Rolle in organisatorischen Fragen des Luftverkehrs kommt dem Bundesverkehrsministerium unter Andreas Scheuer (CSU) zu.

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