Corona-Hotspot Greiz Jenseits der Grenze

Der Thüringer Landkreis Greiz überschreitet die Obergrenze der Corona-Neuinfektionen. Dennoch soll es nach dem Willen der Landrätin keinen flächendeckenden Shutdown geben. Greift die Landesregierung durch?
Greiz: Testfall für den Umgang mit Corona-Regeln

Greiz: Testfall für den Umgang mit Corona-Regeln

Foto: Handelmann Michael/ imago images

Landkreis Greiz in Thüringen, Ende Februar: Zwei Partys im Familienkreis, mit dabei sind zwei Rückkehrer aus dem Skiurlaub in Österreich. Der Arzt und der Dachdecker zeigen keine Corona-Symptome. Doch ohne ihr Wissen stecken sie viele Menschen mit dem Virus an.

Wegen der zwei "Superspreader" war die Pandemie in dem Landkreis von Beginn an schwer zu kontrollieren (lesen Sie hier, was ein Superspreader ist.) Kanzlerin Angela Merkel meinte den Landkreis Greiz, als sie am Mittwoch davon sprach, es gebe nur einen einzigen Landkreis, der die kritische Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen überschritten habe. Inzwischen sind weitere Kreise hinzugekommen, Coesfeld in Nordrhein-Westfalen und Steinburg in Schleswig-Holstein liegen ebenfalls darüber.

Weil die Lage in Greiz schon länger bekannt ist, avanciert der Landkreis im östlichen Thüringen nun zum Präzedenzfall: Bund und Länder haben weitreichende Lockerungen vereinbart - für Städte und Landkreise, in denen die Neuinfektionen unter der bei Experten umstrittenen Grenze von 50 pro 100.000 Einwohner bleiben.

Wenn es mehr Neuinfektionen gibt, sollen Lockerungen zurückgenommen werden, zumindest teilweise. Das hatte die Kanzlerin in ihrer Besprechung mit den Ministerpräsidenten durchgesetzt. Auch eine Quarantäne für das gesamte Gebiet ist dabei möglich.

In Greiz lässt sich nun beobachten, wie man mit diesen Vorgaben konkret umgeht. Bis Freitag (Stand 0 Uhr) gab es innerhalb der vergangenen sieben Tage 75,4 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Ob es nun zu massiven Beschränkungen kommt, ist dennoch ungewiss - anders als in Coesfeld. In dem Landkreis wurden die geplanten Änderungen um eine Woche verschoben, Kitas und Schulen sind davon ausgenommen.

Angesichts der Entscheidung in NRW dürfte der Druck auf die Greizer Landrätin Martina Schweinsburg nicht geringer werden. Sie sagt bislang, es werde die erst mal vorgesehen Lockerungen geben. "Denn es macht in meinen Augen wenig Sinn, bei uns alles zu verbieten, was wenige Kilometer weiter möglich ist", sagte die CDU-Politikerin.

Doch war nicht genau das die Idee der Verabredung zwischen Bund und Ländern? Eine zielgenaue, lokal begrenzte Rücknahme der Lockerungen, um regionale Infektionsherde einzudämmen?

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Infektionsgeschehen auf sechs Pflegeheime und ein Krankenhaus beschränkt?

In Thüringen weist man nun auf einen Passus in dem Beschluss der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten. Wenn die Obergrenze überschritten werde, heißt es dort, müsse sofort ein konsequentes Beschränkungskonzept umgesetzt werden, die zuständigen Landesbehörden seien einzubeziehen. "Bei einem lokalisierten und klar eingrenzbaren Infektionsgeschehen, zum Beispiel in einer Einrichtung, kann dieses Beschränkungskonzept nur diese Einrichtung umfassen. Bei einem verteilten regionalen Ausbruchsgeschehen und unklaren Infektionsketten müssen allgemeine Beschränkungen regional wieder konsequent eingeführt werden", heißt es in dem Beschluss.

Die Frage ist nun, wie eingrenzbar die Neuinfektionen in Greiz sind. Nach Angaben des Landkreises kann das Infektionsgeschehen überwiegend auf sechs Pflegeeinrichtungen und ein Krankenhaus eingeschränkt werden. Also müssen nur dort härtere Maßnahmen getroffen werden, so die Logik der Landrätin.

Der Pandemiestab des Landkreises will das am kommenden Montag klären. Aus Kreisen des Thüringer Landtags heißt es, gerade das Greizer Gesundheitsamt habe Probleme, die Fälle nachzuverfolgen. Wie in vielen Gesundheitsämtern herrscht auch dort Personalmangel, eine von fünf Arztstellen ist unbesetzt.

Der Landkreis hat bei der Bundeswehr sechs Soldaten und zwei Fahrzeuge bei der Landesregierung zur Unterstützung angefordert, die Truppe soll bei Tests helfen. Das Land hat den Antrag bereits genehmigt. Zuvor hatte Greiz bereits das Landesverwaltungsamt um Unterstützung bei den Tests gebeten. Am 1. Mai gab es zusätzliche 855 Tests in den Pflegeeinrichtungen - mit dem Ergebnis, dass 47 Bewohner und Pfleger Corona-positiv sind.

Landesregierung kann in Greiz notfalls durchgreifen

Allein entscheiden wird der Landkreis jedoch nicht können, ob er vielleicht nicht doch in den kommenden Wochen abgeriegelt wird. Eine Sprecherin des Thüringer Gesundheitsministeriums sagte, es würden gerade entsprechende Vorkehrungen getroffen, um ab kommender Woche die Infektionsentwicklung im gesamten Bundesland in den einzelnen Landkreisen genau zu beobachten. Auch Greiz werde dabei genau angeschaut.

"Die Länder sind für die Umsetzung der neuen Regelung zuständig. Wenn sich die Neuinfektionen diffuser auf den Landkreis verteilen, muss dementsprechend durchgegriffen werden", sagte die Sprecherin. Wenn sich Greiz also widersetzen würde, könnte das Land Thüringen den Landkreis abriegeln.

Aktuell betonen aber Kreis und Land, man stimme sich eng ab und werde die Entscheidung gemeinsam treffen.

Sitzung des Thüringer Landtags in der Arena Erfurt

Sitzung des Thüringer Landtags in der Arena Erfurt

Foto: Jacob Schröter/ imago images/Jacob Schröter

Der Thüringer Landtag tagte derweil am Freitag erstmals wieder seit der Corona-Zwangspause. Aus dem Landtagsgebäude wich das Parlament in das Tagungszentrum Arena Erfurt aus, um den gebotenen Mindestabstand einhalten zu können.

Bei seiner Regierungserklärung machte der linke Ministerpräsident Bodo Ramelow sein Handeln noch einmal deutlich: "Überall dort, wo wir lokale Infektionsherde haben, die zu einem sprunghaften Anstieg der Zahlen führen, müssen die Einschränkungen wieder eingeführt werden." Das künftige Handeln umschrieb Ramelow mit einer Wetteranalogie: "Bei einem Mix aus Sonne und Wolken kann es örtlich zu Starkregenereignissen kommen", sagt er mit Blick auf den betroffenen Landkreis.

Wann in Greiz wieder die Sonne scheint, wird sich noch zeigen müssen.

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