Kampf gegen Coronavirus Deutschland maskiert sich

Die ersten Länder sind vorgeprescht, eine bundesweite Maskenpflicht wird wahrscheinlicher. Das sieht auch die Kanzlerin so, doch öffentlich zögert sie - denn noch immer gibt es Nachschubprobleme.
Kunden in einem Supermarkt in Dresden: Seit Montag gilt in Sachsen beim Einkaufen eine Maskenpflicht

Kunden in einem Supermarkt in Dresden: Seit Montag gilt in Sachsen beim Einkaufen eine Maskenpflicht

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Robert Michael/ dpa

In einzelnen Städten gilt die Vorschrift schon seit Anfang April, seit Montag nun auch in ganz Sachsen: Im Handel und im öffentlichen Nahverkehr müssen die Bürger einen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Als am Vormittag in der Leipziger Innenstadt die ersten Läden öffneten, bildeten sich in der Fußgängerzone schnell erste Schlangen vor den Geschäften. Fast ausnahmslos hielten die Wartenden Mund und Nase bedeckt, viele mit individuell genähten Masken. In Dresden wurden am Montag 20.000 Masken an die Bevölkerung verteilt: pro Person eine, plus eine für ein Familienmitglied. Die Stadt hat insgesamt 200.000 Masken geordert, die in den kommenden Tagen verteilt werden sollen.

Die Nachfrage am Montag riesig, die Menschen standen über mehrere hundert Meter an. Nicht immer dürfte dabei der geforderte Abstand von anderthalb Metern eingehalten worden sein.

Das zeigt ein Problem: Wie sollen die Masken eigentlich verteilt werden? Wichtiger aber noch: Gibt es potenziell genügend davon für alle? Wirtschaftsminister Peter Altmaier beziffert den Bedarf für alle Bürger auf acht bis zwölf Milliarden Masken pro Jahr.

Wichtig ist dabei eine Unterscheidung: Bei der Maskenpflicht, wie sie nach Sachsen auch Mecklenburg-Vorpommern und Bayern und weitere Städte planen, geht es um sogenannte Alltagsmasken, einen Mund-Nasen-Schutz, der nicht vor einer Infektion schützt - aber andere schützen kann, wenn man selbst infiziert ist. Diese Masken kann jeder selbst herstellen, zur Not reicht auch erst einmal ein Schal. Medizinische Schutzmasken dagegen, die vor Ansteckung bewahren, sollen Ärzten und Pflegern vorbehalten bleiben, die mit Covid-19-Patienten zu tun haben.

In der vergangenen Woche einigten sich Bundesregierung und die Ministerpräsidenten darauf, das Tragen von Alltagsmasken "dringend zu empfehlen". Keine Pflicht, sondern ein Maskengebot also. Doch reicht das?

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Berlin erwägt Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist sich sicher: Appelle allein würden wahrscheinlich nicht reichen. Ab kommender Woche müssen die Bürger im Freistaat deshalb in Geschäften, Bussen und Bahnen eine Maske tragen. Auch in Berlin befürwortet nach SPIEGEL-Informationen der Regierende Bürgermeister Michael Müller eine Maskenpflicht zumindest für den öffentlichen Nahverkehr. Der Senat tagt am Dienstag und will Beschlüsse zu Lockerungen im öffentlichen Leben treffen. In Thüringen gibt es die Planung für eine Pflicht ab Freitag. Zuvor hatte die Landesregierung die Maßnahme noch abgelehnt, als Jena und der Landkreis Nordhausen vorgeprescht waren.

Die Bundesregierung ist dagegen weiter zurückhaltend. Kanzlerin Angela Merkel sagte am Montag, die Frage sei grundsätzlich nicht Sache des Bundes. Bei "sachgerechtem Umgang" könnten die Masken einen Beitrag zum Infektionsschutz leisten. Dafür müsse aber sichergestellt werden, dass jedem Bürger eine Maske zur Verfügung gestellt werden könne.

Und daran hapert es: Hintergrund der Zurückhaltung ist vor allem die Sorge über eine ausreichende Versorgung mit medizinischen Schutzmasken. Diese ist mittlerweile ein Dauerbrenner bei allen Sitzungen der diversen Krisenstäbe der Bundesregierung. Viel zu spät hat sich Deutschland auf dem weltweit umkämpften Markt für das schützende Material positioniert. Während Emissäre anderer Nationen wie die USA oder Israel im Februar schon mit Koffern voller Bargeld in Asien herumflogen und große Lieferungen aufkauften, verließ man sich in Berlin noch darauf, dass die Beschaffungsämter von Bundeswehr und Zoll sich um die Masken kümmern.

Die Hoffnung zerstreute sich schnell. Schon im März wurde klar, dass die Ämter für den dynamischen Markt allzu träge vorgingen. Nüchtern hieß es dazu in einem Lagebericht der Bundesregierung von Mitte März, die bisherigen Lieferungen blieben weit "hinter den Ansprüchen zurück". Wegen des "Deltas zwischen Bestellungen und Lieferungen" veranlasste das Gesundheitsressort damals sogar eine Nachrichtensperre, niemand sollte von dem Masken-Fiasko erfahren.

Das Scheitern hat viele Gründe. Zum einen sind die Stäbe der Beschaffungsämter so gar nicht auf kurzfristige Einkäufe eingestellt. Zudem gibt es bürokratische Hürden. So schilderte ein Unterhändler aus Frankfurt dem SPIEGEL detailliert, wie er dem Ministerium zuverlässige Lieferungen von jeweils fünf Millionen Masken aus China anbot. Da jedoch niemand ihm zumindest Einfuhrzoll und Steuern vorab zahlen wollte, scheiterte der Deal. Mittlerweile sind die USA mit dem Hersteller im Geschäft.

Spahn gründete Taskforce

Das Problem aber blieb akut, denn gleichzeitig wurden in den deutschen Kliniken die Schutzmasken knapp. In der Not machte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Causa zur Chefsache. Genervt von der schlechten Performance der Beschaffungsämter stellte er unter der Leitung des Abteilungsleiters Ingo Behnel in seinem Haus eine eigene Taskforce auf, die seitdem direkt mit Herstellern und Zwischenhändlern verhandelt, Verträge abschließt und die Lieferung überwacht. 

Eingebunden in die Taskforce sind neben einigen Beamten des Ressorts auch Experten großer deutscher Unternehmen wie Lufthansa und des Logistikunternehmens Fiege, das die Verteilung des Schutzmaterials organisiert. Gerade die Gesichtsmasken haben kürzlich so sehr an Wert gewonnen, dass die Bundespolizei beauftragt wurde, die größeren Transporte abzusichern.

Mittlerweile sieht Spahns Krisenmann Behnle eine leichte Entspannung. So sollen ab dem 23. April drei riesige Antonov-Militärtransporter große Mengen Schutzmaterial nach Deutschland liefern. In Behördenkreisen ist von zig Millionen Schutzmasken und anderem Material wie Kitteln die Rede, die bis Ende April ankommen sollen. Entwarnung aber will niemand im Krisenstab geben. "Wir müssen dran bleiben, denn weltweit geht der Kampf um die Masken erst richtig los", so ein Beamter.

"Wir sind mit den selbst genähten Masken gut gefahren"

Eine erste Zwischenbilanz der Maskenpflicht lässt sich in Jena ziehen. Dort gilt die Vorschrift seit genau zwei Wochen, seit dem 9. April gibt es in der Thüringer Universitätsstadt keinen neuen, offiziell registrierten Infektionsfall mehr. "Ich bin vorsichtig, das allein auf die Maskenpflicht zu schieben, aber sie trägt sicher dazu bei", sagte Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP). "Wir freuen uns, dass die Maßnahme nun auch flächendeckend für die richtige gehalten wird."

Die Befürchtung, eine Pflicht sei wegen des Mangels an Masken nicht der richtige Weg, könne er verstehen. In Jena reicht es weiterhin, notfalls auch mit Schal oder einfachem Tuch sein Gesicht zu bedecken. "Wir sind aber auch mit den selbst genähten Masken einen guten Kurs gefahren." Es gehe gerade nicht um jene Masken, die in den Krankenhäusern gebraucht werden.

Bisher sei auch kein einziges Bußgeld in Jena verhängt worden, sagt Nitzsche. Das Ordnungsamt habe die Aufgabe, deeskalierend zu agieren, was funktioniere. "Natürlich gibt es auch Kritik, sie erreicht uns vor allem in den sozialen Medien. In der Bevölkerung aber wird die Pflicht größtenteils eingehalten und gut angenommen."

Auch die Kanzlerin hat mittlerweile erkannt, dass der Druck beim Thema Masken wächst. Im CDU-Präsidium sagte Merkel Teilnehmern zufolge, sie gehe davon aus, dass die Maskenpflicht schrittweise in ganz Deutschland eingeführt werde. Darum werde man kaum herumkommen.

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