Coronakrise in Thüringen Die Posaunen-Posse von Möschlitz

In einem Dorf in Thüringen trat Ostern ein Posaunenchor auf. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt gegen den zuständigen CDU-Landrat. Der Verdacht: Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz.
Blechbläser in Möschlitz am Ostersonntag: "Das Event ist absolut ordnungsgemäß abgelaufen"

Blechbläser in Möschlitz am Ostersonntag: "Das Event ist absolut ordnungsgemäß abgelaufen"

Foto: Thomas Fügmann

Wolfgang Ritter kann es kaum fassen. "Wir haben unseren Dienst getan, und dann kriegen wir noch ein paar drübergebraten", sagt der Leiter des Möschlitzer Posaunenchors verärgert. Seit fast 70 Jahren gibt es das Ensemble im Dorf, seit 60 Jahren spielt Ritter dort das Tenorhorn. Sollte dieses Jahr etwa das Konzert am Ostersonntag wegen des Coronavirus ausfallen?

Man habe doch nur "ein bisschen Osterfreude" verbreiten wollen, sagt Ritter, 68. Nun aber: Aufregung, Ärger, Empörung. Der Posaunenchor aus dem 550-Einwohner-Ort im östlichen Thüringen ist zum Politikum im Freistaat geworden.

Der Grund: Die gut gemeinte musikalische Osterfreude war wegen der Corona-Beschränkungen möglicherweise illegal. Die Polizei erwischte die Blechbläsertruppe am Ostersonntag auf einer Wiese in Möschlitz bei der Darbietung einiger Choräle. Vor Ort trafen die Beamten auch an: den Landrat des Saale-Orla-Kreises, Thomas Fügmann, CDU. Gegen ihn liegt nun eine Strafanzeige vor, wie die Staatsanwaltschaft Gera bestätigt.

Ermittelt wird wegen des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz. Fügmann wird vorgeworfen, an einem illegalen Konzert des Möschlitzer Posaunenchors teilgenommen zu haben. Es ist einer von 53 mutmaßlichen Verstößen gegen die strengen Corona-Beschränkungen, die die Landespolizeidirektion Thüringen laut Innenministerium allein am Ostersonntag landesweit zählte.

Laut Gesetz droht Landrat Fügmann schlimmstenfalls eine "Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren". Dieser weist das Vergehen vehement von sich. Inzwischen hat sich sogar der Thüringer Linken-Ministerpräsident Bodo Ramelow in den Fall eingeschaltet.

Was genau in Möschlitz vorgefallen ist, darüber gibt es Streit. Eine der Schlüsselfiguren: Lutz Schmalfuß, Trompetenspieler im Ensemble und Organisator der Veranstaltung. Der Plan sei folgender gewesen, sagt er: Weil der Gottesdienst in der Dorfkirche wegen des Virus ausfiel, wollte der Posaunenchor stattdessen am Dorfrand auf der Wiese ein paar Lieder am Ostersonntag spielen. Schmalfuß sagte dafür im Dorfsupermarkt Bescheid: Die Leute sollten ihre Fenster öffnen, um die Musik zu hören.

Am Gründonnerstag, so erzählt es Schmalfuß, habe er eine E-Mail der Kirchenleitung erhalten, die ihm mitteilte, er müsse seine Veranstaltung anmelden. Weil er niemanden mehr bei den Behörden erreichte, telefonierte er privat umher und erreichte schließlich am Freitag Landrat Fügmann. Dieser soll ihm mündlich eine Ausnahmegenehmigung erteilt haben - Voraussetzung: Die Abstandsregeln werden eingehalten.

Dann ging es offenbar hin und her. Wie es im internen Ermittlungsbericht heißt, der dem SPIEGEL vorliegt, bekam die Polizei Wind von der Ausnahmegenehmigung. Sie informierte demnach den Pandemiestab des Landratsamts, in dem kurioserweise Landrat Fügmann selbst sitzt. Ebenfalls informiert wurde dem Bericht zufolge der Corona-Krisenstab der Landesregierung. Der wiederum wies darauf hin, dass der Landrat die mündliche Genehmigung unverzüglich zurückzunehmen habe.

"Zufälliges" Treffen am Ostersonntag

Am Samstagabend dann, sagt Posaunist Schmalfuß, habe die Polizei ihn angerufen: Diese kündigte an, dass am Sonntag jemand vorbeikommen werde, um zu schauen, ob die Schutzmaßnahmen auch eingehalten würden - das Konzert also stattfinden könne. Um 7.45 Uhr am Sonntagmorgen wurde Schmalfuß dann aber nach seinen Angaben von Polizeibeamten wach geklingelt, die das Konzert doch wieder untersagt hätten.

Schmalfuß habe dann erneut beim Landrat angerufen, der wiederum angekündigt habe, selbst zu kommen und zu schauen, ob die Schutzmaßnahmen eingehalten würden. Der Plan: Die Zusammenkunft solle spontan sein.

Und so traf man sich am Ostersonntag um 10 Uhr, ganz "zufällig", wie die Teilnehmer sagen, und spielte bei strahlender Sonne fast eine Stunde. "Wir gingen von verschiedenen Richtungen auf die Wiese. Alle saßen mindestens fünf Meter auseinander", versichert Schmalfuß. Dass sich Menschen näherten, um zuzuhören, dafür könne er nichts. "Wir haben die nicht eingeladen", beteuert Schmalfuß. Insgesamt sollen sich 24 Personen auf der Wiese versammelt haben.

Die Polizei stellt in ihrem Bericht fest, man habe "im Rahmen der Streifentätigkeit" eine "als Veranstaltung bzw. Konzert erscheinende Ansammlung" vorgefunden. Der Landrat wird zitiert mit den Worten, man spiele jetzt nur noch ein Lied, und dann sei Schluss, "weil die Polizei Aufstand macht".

Dass nun gegen ihn ermittelt wird, kann der CDU-Politiker nicht verstehen. "Es handelte sich nicht um ein Konzert, das Event ist absolut ordnungsgemäß abgelaufen", sagt Fügmann. Er sei nicht als Zuhörer dagewesen, sondern in seiner Funktion als Landrat, um zu schauen, ob alles den Corona-Regeln entsprechend ablaufe.

"Ich werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um mich zu verteidigen", sagt er. Seit 8 Jahren sei er Landrat, gerade in dieser schwierigen Zeit müsse es möglich sein, dass es den Menschen ein wenig erträglicher gemacht werde, durch die Krise zu kommen - "bei aller Vorsicht, die derzeit geboten ist".

Einladung an die Kanzlerin

Auch Ministerpräsident Ramelow soll ihm inzwischen telefonisch versichert haben, dass es nicht erneut zu solchen Verwirrungen kommen solle. Ramelow, gläubiger Christ, sprach das Thema religiöser Veranstaltungen auch auf der Schaltkonferenz mit der Bundeskanzlerin und den anderen Ministerpräsidenten an. Fügmann begrüßt das und hofft nun, dass sich die Sache schnell aufklären wird.

Ebenso sieht es Schmalfuß vom Möschlitzer Posaunenchor. Er wünscht sich, dass die Kanzlerin einmal vorbeikommt. "Offene Läden sind nicht das, was die Leute hier brauchen", sagt er. Für die älteren Menschen auf dem Land sei das Beisammensein in der Kirche wichtig. Immerhin: Ab dem 3. Mai sind in Thüringen wieder Gottesdienste unter strengen Auflagen möglich. Eine entsprechende Verfügung wurde am Samstag veröffentlicht.

Ob Landrat Fügmann tatsächlich Konsequenzen drohen, ist noch ungewiss, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Eindeutiger könnte es im wenig entfernten Nachbarort von Möschlitz, dem Kurort Bad Lobenstein, ausgehen. Dort soll sich der Bürgermeister nach einem Skiurlaub in Tirol nicht in Quarantäne begeben haben, so der Vorwurf. In einer Petition fordern Anwohner eine Amtsenthebung. Der Stadtrat hat ein Disziplinarverfahren beantragt.

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