Digitale Pandemiebekämpfung Spahn will Corona-Warn-App nachbessern

Gesundheitsminister Jens Spahn konkretisiert seine Ideen zur Nachbesserung der Corona-Warn-App und reagiert damit auch auf Kritik an der Anwendung. Seine Pläne liegen dem SPIEGEL vor.
Viele Downloads, mäßiges Meldeverhalten – die deutsche Corona-Warn-App

Viele Downloads, mäßiges Meldeverhalten – die deutsche Corona-Warn-App

Foto: Stefan Jaitner / dpa

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat ein Konzept für die Weiterentwicklung der Corona-Warn-App vorgelegt. Nutzer sollen demnach künftig mehrmals am Tag über mögliche Risikobegegnungen informiert und im Falle eines positiven Corona-Befundes mehrfach aufgefordert werden, ihr Testergebnis mit anderen Anwendern zu teilen.

Das geht aus einem »Bericht zur Weiterentwicklung« der App hervor, den Spahn im Vorfeld der Corona-Beratungen im Kanzleramt vorgelegt hat. Das Papier liegt dem SPIEGEL vor. Am Nachmittag will Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie beraten (mehr dazu lesen Sie hier).

Bisher war über die Corona-Warn-App nur eine einzige Überprüfung auf Risikobegegnungen binnen 24 Stunden möglich. Diese Limitation sei aufgehoben worden, nach derzeitigem Stand könne der Risikostatus bereits sechsmal täglich überprüft werden, wie es in dem Papier heißt. Das ist wichtig, da mit der App durch schnelle Information von möglicherweise Infizierten weitere Ansteckungen unterbunden werden sollen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Nach einem noch unveröffentlichten Sachstandsbericht des Ministeriums wurden bei der Corona-Warn-App inzwischen rund 22,4 Millionen Downloads verzeichnet, in den vergangenen zwei Wochen durchschnittlich rund 99.000 pro Tag. Mit den schnell ansteigenden Infektionszahlen gab es einen neuen starken Anstieg der Downloads um mehrere Millionen.

Zu wenige App-Nutzer melden ihre Infektion

Allerdings nutzen viele Anwenderinnen die App bislang nur passiv. Sie lassen sich vor möglichen Risikokontakten warnen, geben ihren eigenen Positivbefund aber nicht ein – und warnen damit ihre Kontakte nicht. Zuletzt vermerkten im Wochenschnitt nur rund 2200 Nutzer ihren Positivbefund in der App, an Spitzentagen sind es bis zu 3000. Angesichts der aktuellen Infektionszahlen ist auch das allerdings nur ein Bruchteil der Neuinfizierten.

Daher soll künftig eine »Erinnerungsfunktion« in die Anwendung eingebaut werden. »Die Benachrichtigung soll zwei Stunden nach dem Anzeigen des positiven Testergebnisses angezeigt werden, um den Nutzenden daran zu erinnern, dass das Testergebnis noch nicht freigegeben wurde«, heißt es in dem Papier. Nach vier Stunden solle eine weitere Erinnerung angezeigt werden. Außerdem plant das Ministerium, die Benutzeroberfläche zu vereinfachen, um das Eintragen zu vereinfachen. Die Meldung der eigenen Infektion bleibt also freiwillig.

Zuvor waren auch schärfere Methoden diskutiert worden, um die Meldequote zu erhöhen. Angedacht wurde etwa, die Nutzer gleich beim Download in die Meldung eines Positivbefunds einwilligen zu lassen oder das als den Normalfall einzurichten – den die Nutzer dann hätten ablehnen müssen ("Opt out"). Beide Optionen wurden allerdings verworfen.

Mehr Daten durch eine freiwillige Umfrage

Vergleichsweise einfach umzusetzen ist ein andere Nachbesserung: So sollen mehr Informationen in der App die Motivation erhöhen, die Anwendung zu nutzen. Das sind etwa Neuigkeiten über den Verlauf der Pandemie und aktuelle Kennzahlen zur Warn-App. Beides liefern bislang die Webseiten des Robert Koch-Instituts  und der Warn-App , die Anwendung selbst nicht.

Der Kritik, die App liefere bislang aufgrund ihres ausgesprochen datensparsamen Designs kaum epidemiologisch wertvolle Daten, versucht Spahns Ministerium nun mit der Idee einer freiwilligen Datenspende zu begegnen. Künftig sollen Nutzerinnen, die sich positiv gemeldet haben, in der App einen Link angezeigt bekommen, über den sie sich an einer Umfrage auf einer Website beteiligen können. Das soll mehr und aussagekräftigere Daten liefern.

Zudem werde »geprüft, in welcher Form ein Kontakttagebuch eingebunden werden kann«, heißt es in dem Papier. Dort könnten Anwender ebenfalls freiwillig Anwender ihre Begegnungen eintragen, etwa bei längeren Aufenthalten in geschlossenen Räumen, »um diese Notizen im Fall einer späteren Infektion als Erinnerungsstütze nutzen zu können«. Ein solches Kontakttagebuch empfiehlt beispielsweise der Virologe Christian Drosten. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hatte es bereits im September als Ergänzung für die App vorgeschlagen.

Hoffen auf Hilfe von Google und Apple

Insgesamt zeigt sich in dem Papier, dass die App-Verantwortlichen Kritik offenbar ernst nehmen. So hatten Lauterbach sowie auch der Chaos Computer Club kritisiert , die App arbeite nach dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand vom Jahresbeginn – und trage seither gewonnenem Wissen über das Infektionsrisiko in bestimmten Situationen und Umständen ("Infektionscluster") nicht ausreichend Rechnung.

Es werde »geprüft, inwieweit eine Cluster-Erkennung technisch umsetzbar ist«, schreiben die Ministerialen. Allerdings müsse das innerhalb der datensparsamen Architektur erfolgen. Zudem müsse das Risiko von signifikant erhöhten Falschmeldungen beherrschbar bleiben.

Bei einem grundsätzlichen Problem der App hoffen die deutschen Verantwortlichen auf Hilfe von Google und Apple, deren Schnittstelle ("Exposure Notifikation Framework") die deutsche App nutzt. Es geht um die Messgenauigkeit. Die könnte sich mit einer neuen, »erheblich weiterentwickelten« Version der Schnittstelle verbessern, weil nun »mehr pseudonyme Informationen über Begegnungen« erhoben würden: »Damit erhöht sich die Genauigkeit der Risikoermittlung deutlich.«

Allerdings machen die neuen Vorgaben der US-Konzerne zuvor offenbar erhebliche Umbauarbeiten an der deutschen App erforderlich. Wie lange das dauern könnte, bleibt in dem Papier offen. Überhaupt nennt der Bericht keine konkreten Daten, wann mit den Neuerungen zu rechnen ist. In der Beschlussvorlage für die Konferenz Merkels und der Länderchefs wird die App nur vergleichsweise knapp abgehandelt; dort heißt es, sie werde in den nächsten sechs Wochen drei Updates erhalten. Weitere Umsetzungen wie das Kontakttagebuch würden »wenn möglich zeitnah in 2021 umgesetzt«.

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Die Änderungen kommen keinesfalls zu früh. Während die Bundesregierung sich in der Beschlussvorlage für »eine der erfolgreichsten Warn-Apps europaweit« feiert, mehrten sich zuletzt die kritischen Stimmen – auch beim öffentlichen Gesundheitsdienst, den die App mit der schnellen digitalen Kontaktnachverfolgung eigentlich unterstützen sollte.

Wenn die Bewertungen im Google-Play-Store als Gradmesser dienen können, sind auch viele Nutzerinnen unzufrieden – zuletzt hagelte es dort harsche Rückmeldungen und Ein-Sterne-Bewertungen.  In einer aktuellen Umfrage von infratest dimap  sagten 44 Prozent der Befragten, dass sie die App nicht heruntergeladen hätten und dies auch nicht planten. Fünf Prozent erklärten, sie habe bei ihnen nicht funktioniert. Vier Prozent gab an, sie hätten sie wieder gelöscht.

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