Umfrage zu Corona-Maßnahmen Knappe Mehrheit hat Vertrauen in Lockerungspolitik der Bundesregierung

Der Kanzlerin ist es nicht gelungen, die Bundesländer in der Coronakrise auf einer Linie zu halten. Doch eine SPIEGEL-Umfrage zeigt, dass die Mehrheit der Deutschen ihren Kurs befürwortet.
Kanzlerin Merkel im Bundestag mit ihren Ministern Altmaier, Maas und Scholz

Kanzlerin Merkel im Bundestag mit ihren Ministern Altmaier, Maas und Scholz

Foto:

FILIP SINGER/EPA-EFE/Shutterstock

Die Appelle von Angela Merkel waren vergebens: Obwohl die Kanzlerin wochenlang mit deutlichen Worten für Einheitlichkeit und Vorsicht warb, haben die Länder ihre Corona-Maßnahmen bereits in sehr unterschiedlichem Maße gelockert. Die Bundesregierung steht mit ihrer Linie zunehmend allein da. Nun hat auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben und einen Plan zur Wiedereröffnung von Schulen, Kitas und Gastronomie verkündet.

Die Debatte hat unter anderem auf Druck der Wirtschaft an Fahrt gewonnen, aber auch wegen der unterschiedlichen Betroffenheit der Bundesländer.

Die Kanzlerin verfügt mit ihrer Strategie noch immer über den Rückhalt der Mehrheit der Bevölkerung - aber nur knapp. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Onlineumfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des SPIEGEL.

Knapp 53 Prozent der Deutschen haben demnach viel Vertrauen, dass die Bundesregierung die Chancen und Risiken bei Lockerungen der Corona-Maßnahmen verantwortungsvoll abwägt. Bei 21 Prozent der Befragten ist das Vertrauen sehr groß, 32 Prozent haben "eher viel Vertrauen". Die Daten wurden am 4. und 5. Mai erhoben, der Stichprobenfehler lag bei 2,5 Prozentpunkten.

Kurz vor der Videokonferenz mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch kann Merkel diesen Rückhalt gut gebrauchen. Die Kanzlerin hat immer wieder vor einem erneuten Anstieg der Corona-Infektionen bei zu schnellen und weitreichenden Lockerungen gewarnt. Andere betonten die Vorzüge eines Endes des Lockdowns – etwa Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet . Manche Bundesländer haben unterdessen längst Fakten geschaffen, in Sachsen-Anhalt sind beispielsweise wieder Treffen von bis zu fünf Personen erlaubt.

Die Umfrage zeigt allerdings auch, dass gut ein Drittel der Bevölkerung wenig Vertrauen in die Fähigkeit der Bundesregierung hat, bei den Lockerungen verantwortungsvoll abzuwägen. 20 Prozent haben in der Frage sogar "sehr wenig Vertrauen" in die Bundesregierung. 13 Prozent zeigten sich unentschieden.

Ein tieferer Blick in die Umfragedaten belegt, dass erhebliche Differenzen zwischen den politischen Lagern bestehen. Knapp 80 Prozent der Anhänger von CDU und CSU sprechen der Bundesregierung bei der Lockerungspolitik ihr Vertrauen aus, gefolgt von rund 65 Prozent der SPD-Anhänger und knapp 60 Prozent der Grünen-anhänger.

Unter den potenziellen Wählern der AfD sind es dagegen nur knapp 10 Prozent. Und auch nur 24 Prozent der FDP-Anhänger haben viel Vertrauen in die Lockerungspolitik der Bundesregierung; bei der Linken sind es 34 Prozent.

Dennoch: 60 Prozent der Deutschen zufrieden mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung

Die grundsätzliche Zufriedenheit mit dem Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung ist weiterhin hoch, wie eine weitere Civey-Umfrage zeigt. Dazu gehören neben den Kontaktbeschränkungen auch staatliche Nothilfen für Unternehmen, die geplanten Bonuszahlungen für Pflegekräfte, Rückholaktionen für deutsche Urlauber oder die Beschaffung von Schutzkleidung für medizinisches Personal.

Rund 60 Prozent der Deutschen sind demnach generell zufrieden oder sehr zufrieden mit dem Krisenmanagement. Demgegenüber zeigen sich 31 Prozent der Befragten unzufrieden, neun Prozent unentschieden. Vor einem Monat war die Zufriedenheit laut Civey-Daten noch etwas höher und lag bei 65 Prozent, ein Viertel der Befragten war unzufrieden. Für die aktuelle Auswertung der fortlaufenden Erhebung wurden die Antworten von 10.059 Befragten zwischen dem 21. April und dem 5. Mai 2020 berücksichtigt.

Das Meinungsforschungsinstitut Civey  arbeitet mit einem mehrstufigen voll automatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt (»Riversampling«), es werden also nicht nur Nutzer des SPIEGEL befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ .

Auch hier gibt es große Unterschiede, wenn man die Daten nach Wahlabsicht aufschlüsselt: 85 Prozent der Unionsanhänger sind mit dem Krisenmanagement insgesamt zufrieden, unter den SPD-Anhängern sind es 74 Prozent und bei den Grünen-Anhängern 70 Prozent. Unter potenziellen AfD-Wählern gibt es nur 11 Prozent Zufriedene, im FDP-Lager sind es 32 Prozent und bei den Linken-Anhängern immerhin 45 Prozent.

Union entfernt sich wieder von 40-Prozent-Marke

Der langsam schwindende Zuspruch für die Große Koalition in der Coronakrise spiegelt sich auch in der Sonntagsfrage von Civey wider. Der Höhenflug der Union ist vorerst vorbei. Nach knapp 40 Prozent Mitte April würden inzwischen nur noch 37 Prozent der Wähler für CDU und CSU stimmen. Für die aktuelle Umfrage wurden Antworten von 12.236 Befragten aus dem Zeitraum vom 28. April bis 5. April 2020 berücksichtigt. Der Stichprobenfehler lag bei 2,5 Prozentpunkten.

Kaum Bewegung gab es zuletzt bei der SPD und den Grünen, die bei 16 beziehungsweise 14 Prozent liegen. Die AfD kann ihre Position oberhalb der zehn Prozent festigen, die FDP gewinnt leicht hinzu und liegt bei knapp acht Prozent, zusammen mit der Linken.

mes