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Fluggesellschaft in der Coronakrise Muss der Staat die Lufthansa retten?

Das Coronavirus trifft kaum eine Branche so hart wie die Luftfahrt. Die größte deutsche Airline muss ihr Angebot womöglich um bis zu 80 Prozent zurückfahren - und redet bereits mit der Regierung über Staatshilfe.
aus DER SPIEGEL 12/2020
Lufthansa-Mitarbeiter am Flughafen Frankfurt/Main

Lufthansa-Mitarbeiter am Flughafen Frankfurt/Main

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Thomas Lohnes/ Getty Images

Bis Mittwochnacht sah es so aus, als könnte es für Lufthansa nicht mehr schlimmer kommen. Knapp eine Woche zuvor hatte Konzernchef Carsten Spohr überraschend mitgeteilt, die Kapazität von bis zu 390 Flugzeugen aus seiner Flotte von 780 Maschinen vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen.

Am Donnerstag, in den frühen Morgenstunden deutscher Zeit, meldeten die Nachrichtenagenturen dann, dass US-Präsident Donald Trump vom Wochenende an Bürgern aus Schengenstaaten die Einreise in die Vereinigten Staaten verwehrt. Kurze Zeit später verhängten auch mehrere lateinamerikanische Länder Einreisestopps für Flüge aus Europa.

Was der Lufthansa gerade passiert, ist ein unternehmerischer Albtraum. Trumps Bann war in der düsteren Prognose von vergangener Woche noch gar nicht berücksichtigt. Also geht die Streichorgie nun noch weiter und könnte nach SPIEGEL-Informationen bis zu 80 Prozent des Angebots betreffen. Ein brutales Downgrade.

Ein Antrag auf Staatshilfe liegt im Ministerium nicht vor

Bislang galten die Strecken nach Nordamerika als sichere Einnahmequelle. 313-mal pro Woche düsen Jets von Lufthansa, Swiss oder Austrian Airlines über den Atlantik. Im Sommer sogar mehr als 400-mal. Das Geschäft beschert der Lufthansa knapp ein Fünftel ihrer Verkehrserlöse und ordentlich Gewinn. Damit dürfte es für längere Zeit erst einmal vorbei sein. Ob sich das Ganze zum Debakel auswächst, hängt nicht mehr allein von Konzernchef Spohr ab, sondern vor allem von der Bundesregierung. Man spreche über mögliche Hilfen vom Staat, bestätigte ein Lufthansa-Sprecher am Freitag. Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es nach SPIEGEL-Informationen allerdings, ein formeller Antrag liege noch nicht vor.

Der Konzern hat sich bereits mit Betriebsräten und Gewerkschaften auf Kurzarbeit geeinigt, außerdem wirbt er für unbezahlten Urlaub. Teile der Belegschaft sollen nun womöglich vorzeitig und blockweise ihren Jahresurlaub nehmen. Kündigungen sind nach einer 2016 abgeschlossenen Tarifvereinbarung bis Ende 2023 nicht möglich. Die Flugbegleitergewerkschaft UFO will den Plänen jedoch nur zustimmen, wenn Spohr und seine Vorstandskollegen nach dem Vorbild anderer Luftfahrtbosse vorübergehend auf Teile des Gehalts oder Aktienoptionen verzichten.

Intern geht bereits das hässliche Wort von der Insolvenz um. Erinnerungen an die Air-Berlin-Pleite im Sommer 2017 werden wach, als 8000 Angestellte ihren Job verloren. So weit ist es bei der Lufthansa aber noch lange nicht.

Das Unternehmen kann sich bislang selbst finanzieren, unter anderem über sogenannte Schuldscheindarlehen, die bei Investoren auch mangels anderer Anlagealternativen zuletzt eigentlich zunehmend Absatz fanden. Geplant ist, ab Ende März auf diese Weise erneut 200 Millionen Euro einzusammeln - es wird ein Test sein, wie die mittelfristige Zukunft der Lufthansa am Kapitalmarkt eingeschätzt wird.

Steigt der Staat ein?

Im Notfall würde wohl der Staat einspringen und sich vorübergehend an der Lufthansa beteiligen. Das Steuergeld wäre vermutlich sogar gut angelegt. Startet die Branche irgendwann nach der Coronakrise wieder durch, werden zahlreiche Wettbewerber wohl nicht mehr dabei sein. Die Lufthansa dürfte dann am Ende sogar zu den Gewinnern zählen.

Eine Sparte entpuppt sich bereits als Krisenprofiteur: Lufthansa Cargo. Nach China oder in die USA fehlen die Frachträume der Passagiermaschinen; die Nachfrage steigt jedoch. Weil Güter durch die Unterbrechung der Lieferketten nun schnell transportiert werden müssen, heißt es öfter Luftfracht statt Seecontainer.

Lufthansa erwägt sogar, sechs ältere Maschinen vom Typ MD-11 doch nicht vorzeitig außer Dienst zu stellen, so stark könnte die Nachfrage anziehen.

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