Sammelaktion der EU Milliardenspenden für einen Corona-Impfstoff

Geld für Tests, Medikamente - und einen Corona-Impfstoff: Am Montag startet EU-Kommissionschefin von der Leyen mit vielen Staats- und Regierungschefs aus aller Welt eine Sammelaktion. Nur ein wichtiges Land fehlt.
Von Peter Müller, Brüssel
Kommissionschefin von der Leyen: "Das kann nicht nach dem Motto gehen: 'Wer das Geld hat, hat den Impfstoff'"

Kommissionschefin von der Leyen: "Das kann nicht nach dem Motto gehen: 'Wer das Geld hat, hat den Impfstoff'"

Foto: Etienne Ansotte/ dpa

Es gibt Premieren, die wohl nur in außergewöhnlichen Zeiten möglich sind. Diese etwa: Lady Gaga und Ursula von der Leyen machen gemeinsame Sache. Der Popstar und die Chefin der EU-Kommission wollen Geld für Forschung und die Verbreitung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus einsammeln.

Am Montagnachmittag startet die von der EU-Kommission initiierte Geberkonferenz. Wenige Wochen später soll es in Europa eine Kopie des Benefiz-Wohnzimmerkonzerts geben, das Lady Gaga zuletzt in den USA mitorganisiert hatte.

Das Ziel: Die Arbeit an Medikamenten, Tests und Impfstoffen gegen die Lungenkrankheit Covid-19 soll beschleunigt werden. Dazu wollen die EU, die Weltgesundheitsorganisation WHO und viele Staaten ihre Kräfte bündeln. "Wir müssen einen Impfstoff entwickeln, ihn herstellen und zu einem bezahlbaren Preis sofort in jeder Ecke der Welt verfügbar machen", sagt von der Leyen. "Eine solche Aufgabe gab es noch nie."

Zu der Onlinespendenaktion am Montag ab 15 Uhr haben sich unter anderen Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angesagt, auch Norwegen, Großbritannien, Italien und Kanada wollen mitmachen. Saudi-Arabien, das derzeit den Vorsitz der G20-Länder hat, sagte schon vor Wochen 500 Millionen Dollar zu.

Diese Marke wollen andere Länder zumindest nicht unterbieten. Das Ergebnis: Die ersten acht Milliarden Dollar (7,5 Milliarden Euro), die man sich als Ziel gesetzt hat, könnten schon am Montag beisammen sein.

"Wir müssen einen Impfstoff entwickeln, ihn herstellen und zu einem bezahlbaren Preis sofort in jeder Ecke der Welt verfügbar machen. Eine solche Aufgabe gab es noch nie."

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen

Insgesamt wollen die Initiatoren mindestens 40 Milliarden Dollar einsammeln, damit ein Impfstoff am Ende alle Menschen erreicht. "Ich hoffe, dass wir die acht Milliarden Dollar Anschubkapital zusammenbekommen", sagt von der Leyen. "Auf der Strecke bis zum Ende der Pandemie werden wir noch deutlich mehr brauchen."

Victor Dzau, Präsident der US-amerikanischen National Academy of Medicine, sieht das ähnlich: "Die acht Milliarden Dollar, um die wir jetzt bitten, sind erst mal eine Art Anzahlung", sagt er. "Wir brauchen eine zweite Phase, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen." Im Vergleich zu den Billionen Euro, mit denen viele Länder und auch die EU selbst gegen die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise vorgehen, sind dies vergleichsweise geringe Summen.

Doch es geht nicht nur um Geld. Der Zusammenschluss von EU, Staaten, Stiftungen und Institutionen wie WHO oder Afrikanischer Union soll auch ein Zeichen setzen: Im Kampf gegen ein Virus, das vor Grenzen nicht haltmacht, ist gemeinsames Handeln sinnvoller denn je.

Das soll auch dann gelten, wenn es später einmal um die Verteilung des Impfstoffs geht. Er soll auch kleineren oder ärmeren Ländern rasch zur Verfügung stehen. "Das kann nicht nach dem Motto gehen: 'Wer das Geld hat, hat den Impfstoff'", sagt von der Leyen.

Gerade die EU hat bei solidarischem Handeln Nachholbedarf. Vor allem zu Beginn der Coronakrise horteten viele EU-Länder Atemschutzmasken und medizinische Schutzausrüstung. Die Kommission konnte anfangs nur zusehen, die Gemeinschaft gab ein herzloses, egoistisches Bild ab. "Das darf sich nicht wiederholen", sagt von der Leyen. "Es geht darum, frühzeitig Kapazitäten zu schaffen und Produktionsstraßen aufzubauen. Dabei müssen wir uns weltweit koordinieren."

Trump will das Virus allein besiegen

Abwesend sind bislang die USA, genauer gesagt das Weiße Haus. US-Präsident Donald Trump will das Virus allein besiegen. Alleingänge will die Allianz nun kontern. "Ein Corona-Impfstoff wird ein globales öffentliches Gut sein", sagt Mediziner Dzau. "Er muss fair und gleichmäßig verteilt werden."

"Die Zusammenarbeit verschiedenster Akteure ist eine positive Entwicklung hin zu globaler Solidarität", sagt auch Anja Langenbucher, Europadirektorin der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die sich an dem Projekt beteiligt.

Die Initiative startete am 12. März mit einem Anruf von US-Mediziner Dzau bei von der Leyen. Beide kennen sich von der US-Universität Stanford, wo von der Leyen in den Neunzigerjahren eine Weile mit ihrer Familie lebte. Ob die EU-Kommission helfen könne, eine entsprechende Geberkonferenz auf den Weg zu bringen, fragte Dzau. Von der Leyen stellte das Vorhaben bei den Videokonferenzen der G20- und G7-Länder vor.

Die Allianz wuchs, vergangenen Mittwoch etwa telefonierte von der Leyen unter anderem mit dem kanadischen Regierungschef Justin Trudeau. Dazu kommen Fachleute. So sollen die Spezialisten der internationalen Impfstoffinitiative Cepi (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) und Gavi helfen, der von der Gates-Stiftung gegründeten Impfallianz.

"Es ist wichtig, dass der Impfstoff rasch bei denen landet, die ihn dringend brauchen", sagt Europadirektorin Langenbucher. "Allein nach den Regeln der Marktwirtschaft wäre das wohl nicht möglich." Neben der Suche nach einem Impfstoff und dessen Herstellung und Verteilung soll es auch um bessere Therapien und Medikamente für Corona-Infizierte gehen und um bessere Diagnosemöglichkeiten.

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Derzeit ist offen, wann ein Impfstoff zur Verfügung steht. Die meisten Experten gehen davon aus, dass es noch mindestens ein Jahr dauern könnte. Derzeit wird an mehr als 80 Präparaten in verschiedenen Entwicklungsstadien geforscht.

Das nächste Problem ist die Produktion. Mediziner Dzau weist darauf hin, dass die großen Pharmakonzerne bei der Herstellung eng zusammenarbeiten müssen. Da sie dabei womöglich eine Zeit lang die Produktion anderer Medikamente einstellen müssten, könnten finanzielle Einbußen die Folge sein. Deshalb könnte sich die Frage stellen, ob es ausgerechnet für Pharmakonzerne Hilfe geben muss.

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Die Vergabe des Geldes aus der Spendenaktion ist keine Sache der Politik, sondern eine Entscheidung von Experten. Für viele Stiftungen war das eine entscheidende Bedingung, um mitzumachen. Ein übergeordnetes Expertengremium soll die Verteilung der Finanzmittel überwachen.

Nach Staaten und Stiftungen sollen sich bald auch die Bürger mit Spenden beteiligen können. Um ihnen das schmackhaft zu machen, wird der Startschuss für die Spendenaktion am Montag im EU-eigenen Medienkanal EBS live übertragen - und zwar für alle.

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